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Usedom Wenn die See zur letzten Ruhestätte wird
Vorpommern Usedom Wenn die See zur letzten Ruhestätte wird
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00:01 15.02.2018
Eine Urne wird ins Wasser gelassen. Innerhalb von 24 Stunden löst sich das Gefäß auf. Quelle: Foto: Reederei Adler-Schiffe

Rund 860000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland. Nach Angaben des Bundesverbandes der Bestatter entscheiden sich rund 2,5 Prozent der Angehörigen – oder die Betroffenen zu Lebzeiten selbst – für eine Bestattung auf See. Die Küsten in Vorpommern bieten dafür viele Möglichkeiten. Ob im Greifswalder Bodden, vor der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst, vor Usedom oder den Kreidefelsen auf Rügen – in den vergangenen Jahren verzeichneten die Bestatter und Reedereien eine Zunahme an Seebestattungen.

In MV steigt die Anzahl der Seebestattungen. Juliane Nissen-Hünding Reederei Adler-Schiffe
Die Verstorbenen kommen sogar aus Frankreich.Jessica Wolf Ückeritzer Personenschifffahrt

„Seit 2007 bieten wir Bestattungen auf See an. Die Zahl der Einsätze hat sich seither verfünffacht“, erklärt Jessica Wolf von der Ückeritzer Personenschifffahrt. Sie kennt die Zeremonie an Bord. „Die gesamte Ausfahrt dauert etwa zwei Stunden. An der Absetzstelle wird der Motor ausgeschalten, es gibt eine Schweigeminute sowie Worte vom Kapitän. Dann nimmt er die Urne und versenkt sie vom Vorschiff im Wasser. Nach dem Ablassen können die Angehörigen Blumen – aber nicht gebunden – ins Wasser werfen“ sagt sie. Nach drei langsamen Runden um die Absetzstelle und einem langen Typhon (akustisches Signal) gehe es zurück zum Ausgangspunkt in den Hafen. „Die Verstorbenen kommen sogar aus Österreich und Frankreich, der überwiegende Teil jedoch aus der Region“, sagt sie.

Ein Grund für die Wahl auf die Seebestattung ist unter anderem der Kostenfaktor. Bei einer Bestattung auf See liege der Preis zwischen 650 und 800 Euro, erzählt Bestatter Christian Rehberg aus Grimmen. Der günstigere Preis sei aber nicht das Hauptargument, sondern: „Die Nachkommen müssen keine Grabstätte pflegen, können stattdessen am Meer spazieren gehen und den Verstorbenen auf diese Weise nah sein“, meint Rehberg. Das Bestattungshaus Grimmen bietet seit langem Seebestattungen an. „Die Nachfrage steigt“, berichtet Inhaber Christian Rehberg. „Anfang der 2000er-Jahre war es eine im Monat, jetzt sind es zwei bis drei Seebestattungen, die wir monatlich vermitteln.“ Eine Stelle auf dem Friedhof zu nutzen, könne inklusive Pflege schon mal ab 1000 Euro aufwärts kosten.

Gleiches berichtet auch Juliane Nissen-Hünding von der Reederei Adler-Schiffe. „Die Dezentralisierung der Familien spielt eine große Rolle. Bei der Bestattung auf See fallen keine Kosten für Grabpflege an“, sagt sie. „Besonders in Norddeutschland ist dieser Trend zu erkennen“, sagt sie. „Die Angehörigen bekommen nach der Fahrt eine Seekarte mit den Koordinaten der abgesetzten Urne“, erzählt Bestatter Michael Hennig aus Greifswald. „Grabpflege ist bei der Entscheidung zur Seebestattung ein Thema. Kinder und Enkelkinder sind nach der Wende weggezogen, ihre Eltern sind geblieben.“

Die Weiße Flotte in Stralsund hat 2017 etwa 70 Seebestattungen durchgeführt. Dafür stellt das Unternehmen jeweils ein Fahrgastschiff zur Verfügung. Dieses wird dem Anlass entsprechend feierlich geschmückt. Das genaue Ziel der Fahrt ist laut Sprecher Detlev Düwel nicht frei wählbar, dafür gebe es genehmigte Absenkstellen. Der Kapitän oder ein Bestatter lasse dann die Urne ins Wasser. Auf der Rückfahrt gibt es ein individuelles Buffet für die Gäste.

Das Bestattungsinstitut Olaf Arndt in Barth hatte 2001 nur eine Seebestattung. „Jetzt sind es pro Jahr bis zu 60“, sagt Inhaber René Arndt. Die Schiffe legen in Barth und Zingst ab. Seebestattungen in der Ostsee werden in Zusammenarbeit mit der Reederei Hohe Düne angeboten. Jedes Jahr zum Totensonntag organisieren Bestattungsinstitut und Reederei Gedenkfahrten zu den Urnenstellen an.

Auch die Boddenreederei Rügen bestätigt die Zunahme der Seebestattungen. „Viele Angehörige wohnen mittlerweile zu weit weg, um Gräber zu pflegen“, erklärt Kerstin Klingelhöfer, die die Bestattung auf der „Hanseat“ von Gager oder auch Lauterbach aus organisiert. Auch die lange zeitliche Bindung an eine Grabstelle auf Friedhöfen sei ein weiterer Grund für die Bestattung auf See.

Aus seelsorgerischer Sicht sind solche sachlichen Argumente für Christoph Lehnert nicht frei von Problemen. Der Pastor von St. Marien in Stralsund wird ebenfalls zunehmend zu Seebestattungen gerufen. „Für einen Kapitän oder Seemann war diese einst sicher angemessen“, sagt er. Heute treffe er Angehörige von Verstorbenen, die nie etwas mit der Seefahrt zu tun hatten. „Viele würden das Ganze gerne zurücknehmen, weil sie keinen Platz für ihre Trauer haben, den Enkeln nicht zeigen können, wo Oma oder Opa beerdigt sind“, sagt Lehnert. Dass es diesen Bedarf für eine feste Trauerstätte gibt, zeigen ihm anonyme Grabstätten auf den Friedhöfen: „Hier stehen Unmengen von Blumen, mit denen Angehörige ihrer namenlos beerdigten Verstorbenen gedenken.“

Mitarbeit: Jörg Mattern, Alexander Müller, Edwin Sternkiker, Peter Franke, Wenke Büssow-Krämer

Alfred Hitchcock hatte eine Seebestattung

Seit 1934 ist es in Deutschland möglich, eine Bestattung auf See vorzunehmen. Sie ist eine Alternative zur Friedhofsbestattung. Die Asche des Verstorbenen wird in eine eigens dafür hergestellte Urne gefüllt. Diese zersetzt sich innerhalb weniger Stunden. Etwa 45,5 Prozent der Bürger entscheiden sich für eine Erdbestattung, 54,5 Prozent für eine Feuerbestattung, 2,5 Prozent für eine Bestattung auf See. Fünf Prozent aller sind anonym.

Diese Menschen wurden auf See bestattet: Peter Lustig (1937– 2016), Robin Williams (1951– 2014), Janis Joplin (1943–1970), Alfred Hitchcock (1899–1980), Neil Armstrong (1930– 2012), Osama bin Laden (1957–2011).

Hannes Ewert

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