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„Wir sind Schrittmacher im Land“

Wolgast „Wir sind Schrittmacher im Land“

Professor Rainer Neubart (63) und sein Team profilieren Stück für Stück ein Altersmedizinisches Zentrum

Wolgast. Es scheint noch immer eine gehörige Portion Unwissenheit im Spiel, wenn von der Wolgaster Geriatrie abfällig als künftigem „Altersheim“ die Rede ist. Dabei haben Professor Rainer Neubart (63) und seine 30 Mitstreiter auf der geriatrischen Station seit April 2013 nicht nur eine umfangreiche theoretisch-konzeptionelle Vorarbeitet geleistet, sondern können inzwischen auch auf zahlreiche zufriedene Patienten und vor allem Familienangehörige verweisen. Und damit „sind wir Schrittmacher in ganz Mecklenburg-Vorpommern“ sagt der Facharzt für Innere Medizin/Geriatrie, der aus dem Brandenburgischen stammt, nicht ganz ohne Stolz.

Momentan sind die Mitarbeiter der mit 32 Betten ausgestatteten geriatrischen Station in der dritten Etage des Kreiskrankenhauses und des Alterstraumatologischen Zentrums „in froher Erwartung“. Denn zur bereits bestehenden, beachtlichen Hardware kommt Mitte des Kalenderjahres eine geriatrische Tagesklinik hinzu. „So etwas gehört unbedingt in solch ein modernes Zentrum“, ist Neubart überzeugt.

Die dafür unerlässliche Bestätigung durch die Landesregierung liegt inzwischen vor, nun folgen die üblichen Verhandlungen mit den Krankenkassen.

Neubarts Patienten kommen typischerweise mit vielen Krankheiten auf einmal in die Klinik. Und die Geriatrie — darin besteht eben ihre große Besonderheit — ist für sämtliche Gesundheits- und Begleitprobleme zuständig. Dies reicht tief in das familiäre Leben wie in das soziale Umfeld der Patienten hinein. „Das geriatrische Gesundheitsmanagement für jeden einzelnen Kranken zielt darauf ab, durch eigene Aktivität eine hohe Lebensqualität im heimischen Umfeld zurück zu erlangen“, erläutert Neubart.

Deshalb spart Geriatrie — sinnvoll abgestimmt, in Kombination mit anderen Fachdisziplinen klug eingesetzt — auch mittelfristig Geld. Kurzfristig gibt es das natürlich nicht zum Nulltarif, einen solchen medizinisch-pflegerischen Aufwand zu stemmen. Immerhin sind im Wolgaster Zentrum sieben Berufsgruppen „am Patienten tätig“: Physio- und Ergotherapeuten, Sprach- und Psychotherapeuten, Sozialarbeiter, Pfleger und Ärzte. „Das ist teuer, aber es rechnet sich“, meint der Chef.

Seit anderthalb Jahren ist dazu auch ein geriatrisches Netzwerk, eine durchaus aufwändige Angelegenheit, im Entstehen. Hausärzte und Therapeuten sowie Zahnärzte gehören bereits dazu. Dennoch sind die Wolgaster darum bemüht, diese Entwicklung weiter zu forcieren. mehr niedergelassene Ärzte in diesem Verbund sind Neubarts Wunsch; und nichts sei dem hinderlicher als öffentliche Diskussionen, die die Perspektive des Hauses mehr oder minder in Frage stellen.

Für ihn wie für die Leitung des Hauses spreche das deutlich verbesserte Miteinander der Stationen und Abteilungen der Klinik an der Chausseestraße für ihre Zukunftsfähigkeit. Das treffe auch für die Zusammenarbeit mit der Greifswalder Uni-Medizin zu. Neubart klingt sogar ein klein wenig euphorisch, wenn er formuliert: „Wir hier sind die Geriatrie des Krankenhausverbundes Greifswald/Wolgast.“ Bei 900 Betten im Uniklinikum rechnet der Fachmann hoch, dass etwa 300 mit geriatrischen Patienten belegt sein könnten. „Eine riesige Verantwortung und Herausforderung für unser Zentrum!“.

Weil gerade ältere Patienten häufig mit dem spezifischen Problem der Demenz kommen, arbeitet die Wolgaster Einrichtung auch in dem Modellprojekt „Demenzfreundliches Krankenhaus — Lokale Allianz für Menschen mit Demenz“. Mit der Erstellung individueller Demenzkonzepte und der Koordination durch einen Demenzlotsen gehen die Wolgaster auch hierbei völlig neue Wege, ja setzen international Akzente.

Sogar in der Veröffentlichung einer speziellen UN-Arbeitsgruppe zum Altern der Bevölkerung werden sie als beispielhaft hervorgehoben.

Von Steffen Adler

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