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Usedom „Wir wollen nicht nur dagegen sein“
Vorpommern Usedom „Wir wollen nicht nur dagegen sein“
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00:01 30.11.2017
Stralsund/Tribsees

Wenke Brüdgam steht als frisch gewählte Landeschefin der Linken vor großen Aufgaben. Die 33-Jährige aus Tribsees muss die Partei gemeinsam mit ihrem Co-Vorsitzenden Torsten Koplin nach der schwachen Landtagswahl 2016 neu aufstellen. Im OZ-Interview redet sie über die Rolle der Linken als Partei des Ostens, Personalquerelen in den eigenen Reihen und neue Konkurrenz von rechts durch die AfD.

Wenke Brüdgam (33) aus Tribsees wurde im November zur Landeschefin der Linkspartei gewählt. Neben ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit arbeitet die 33-Jährige als Projektreferentin beim Landesfrauenrat MV. Quelle: Foto: Stefan Sauer/dpa

Frau Brüdgam, was ist aus Ihrer Sicht die größte Ungerechtigkeit in diesem Land?

Wenke Brüdgam: Die größte Ungerechtigkeit ist die Kinderarmut. Kinder sind nun wirklich unschuldig an ihrer Situation. Dass Kinder in Armut aufwachsen müssen, für die sie nichts können, das ist für mich eine schreiende Ungerechtigkeit. In einem reichen Land wie Deutschland – auch Mecklenburg-Vorpommern steht nicht schlecht da – lassen wir es zu, dass manche Kinder nicht mal ein Schulbrot haben.

Wie wollen Sie das als Linken-Politikerin ändern?

Kinderarmut ist in Deutschland verbunden mit Elternarmut. Wir brauchen Hilfestrukturen für Eltern. Wir brauchen außerdem Angebote für die Kinder, und zwar flächendeckend und nicht nur in Städten. Wir müssen ein kostenloses, gesundes Mittagessen für alle ermöglichen. Wir sollten Freizeitangebote so gestalten, dass sich diese Kinder nicht ausgeschlossen fühlen. Wir müssen uns auch fragen, ob der Hartz-IV-Satz für Familien ausreicht. Es ist zudem nicht zu verstehen, dass das Kindergeld darauf angerechnet wird.

Ich nenne Ihnen jetzt drei Probleme, die es in Vorpommern gibt und bitte Sie um Ihren Lösungsvorschlag dazu. Erstens: Niedrige Löhne.

Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass wir im Hotel- und Gaststättenbereich jedes Jahr hohe Einnahmen generieren, diese aber nicht bei den Mitarbeitern ankommen, sondern immer nur im Mindestlohnbereich gearbeitet wird. Der Mindestlohn ist eine Untergrenze, mit der man angeblich armutsfest leben kann, auch in der Rente. Das ist aber nicht wahr. Wir wissen, dass wir mindestens zwölf Euro brauchen, um eine armutsfeste Rente zu bekommen. Ich verstehe nicht, warum wir nicht bei den Arbeitnehmern investieren. Das Geld kommt doch zurück in den Wirtschaftskreislauf.

Zweites Stichwort: Altersarmut.

Wenn wir über höheren Mindestlohn reden, dann kommen wir auch zum Thema Mindestrente, die es Menschen im Alter ermöglicht, angemessen zu leben. Doch vor Armut im Alter verschließen wir unsere Augen. Wie oft begegnen uns Ältere, die Flaschen sammeln? Das sind alles Leute, die ihren Beitrag in der Gesellschaft geleistet haben und sei es nur durch die Erziehung der Kinder. Ich glaube, dass die Angst vor Altersarmut viele Menschen umtreibt, auch und gerade in meiner Generation. Ich bin mit der Behauptung aufgewachsen: Du wirst nie eine Rente bekommen. Das ist doch schockierend.

Drittes Stichwort: Mehr attraktive Jobs für junge Menschen.

Wir haben mit der Fachhochschule eigentlich einen super Ausgangspunkt, wenn wir über neue Technologien reden. Aber wir bilden die Leute aus und dann gehen sie weg. Dabei würden viele junge Menschen gerne hier arbeiten, die Lebensbedingungen sind gut. Deswegen müssen wir die Rahmenbedingungen für Existenzgründungen schaffen. Das Problem ist, dass wir mit dem Breitband so richtig hinterherhinken. Das soll nun besser werden, aber das kommt zu spät. Viele Jobs laufen heute über das Internet. Designer, Händler, Informatiker.

Um all die Dinge zu ändern, von denen Sie reden, wäre es gut, in der Regierung zu sein. Die Linke hat aber derzeit keine Machtperspektive.

Keine Chance auf Regierung würde ich nicht unterschreiben. Aber das ist auch nicht unser Hauptziel. Unser Ziel ist es, die Missstände in unserer Gesellschaft anzuprangern und andere Lösungen aufzuzeigen. Das machen wir parlamentarisch und außerparlamentarisch. Das Wohl der Bürgerinnen und Bürger steht für uns weit vor den schwarzen Nullen, die für die Regierung ach so notwendig sind. Ich meine nicht, dass wir uns verschulden müssen, um ein sozialeres Land zu werden, aber wir müssen anders investieren.

Das heißt, Sie wollen gar nicht regieren?

Doch. Jede Partei tritt mit dem Anspruch an, aktiv gestalten zu wollen. Aber nicht um jeden Preis.

Die einzig denkbare Option ist Rot-Rot-Grün.

Und Rot-Rot! Da muss die SPD aber auch ihren Teil beitragen.

Ist eine Regierungskoalition Ihr erklärtes Ziel als Landeschefin?

Erstmal haben wir die Kommunalwahlen in zwei Jahren vor der Nase. Da war die Linke immer gut, weil wir kommunal stark verankert sind. Danach können wir den Schwung für die Landtagswahlen nutzen.

Sie haben bei der vergangenen Landtagswahl von allen Parteien am meisten Stimmen verloren. Die AfD hat intensiv in Ihren Wählerschichten gegrast. Warum können Sie diese Leute nicht halten?

Wir wissen, dass der große Teil nicht zur AfD gegangen ist, weil er von deren Zielen überzeugt ist, sondern um Protest zu zeigen.

Früher waren Sie die Protestpartei.

Richtig, mittlerweile werden wir offenbar als etablierte Partei wahrgenommen.

Stört Sie das?

Wir wollen nicht nur dagegen sein, sondern konstruktive Politik machen. Die Frage ist, wo kommt die Politikverdrossenheit her, die die Leute zur AfD führt? Ich glaube, wir haben ein großes Demokratiedefizit, das sich über die Jahre aufgebaut hat. Viele haben nicht mehr den Eindruck, gehört zu werden. Da brauche ich nur an die vielen Volksinitiativen denken, die die Politik eiskalt abtropfen ließ. Wenn Leute sich mit Herzblut engagieren und sie dann nicht mal angehört werden, dann ziehen sie sich zurück und sind frustriert.

Sie sind also der Meinung, dass der Stimmenverlust bei den Linken nicht mit den Linken zu tun hat, sondern mit der Politik der anderen?

Jein. Das hängt mit der Politik der anderen zusammen. Aber auch damit, dass wir nicht stark genug waren, unseren Charakter von Politik durchzuziehen. Wir haben nach außen ein zerrissenes Bild abgegeben und das wollen die Menschen bei uns nicht sehen. Sie wollen nicht, dass wir uns über Macht und Positionen beharken. Als Linke sollten wir künftig darauf verzichten.

Die Linkspartei ist historisch bedingt immer als Bewahrer der Ost-Biografien aufgetreten. Wie wollen Sie dieses Heimatgefühl erhalten?

Wir sind die einzige Partei, die überhaupt die ostdeutschen Interessen politisch beachtet und in den Vordergrund stellt. Solange es unterschiedliche Lebensbedingungen in Ost und West gibt – und die gibt es auch 27 Jahre nach der Wiedervereinigung noch - werden ostdeutsche Themen unsere Themen bleiben. Wir wollen den Menschen aus der Region eine politische Heimat geben, auch wenn natürlich nicht alle Ostdeutschen die Linke wählen, dazu sind sie viel zu heterogen. Aber wir müssen gerade die älteren Genossen und Genossinnen hegen und pflegen, weil diese politisch engagierten Menschen jahrzehntelang Erfahrungen gemacht haben, die weitergegeben werden müssen.

Auf dem letzten Parteitag haben Sie gesagt, Sie wollen keine „Herrschaft weißer Männer“. Wie muss ich das verstehen? Wir werden in MV und in Deutschland doch von zwei Frauen regiert.

Das Zitat wurde aus dem Zusammenhang gerissen. Ich habe über die Gleichberechtigung von Frauen und Männern gesprochen, das ist mein großes Thema. Wir wollen eine Gesellschaft der Gleichstellung von Frauen, Männern und Andersdenkenden. Das wollte ich damit zum Ausdruck bringen.

Sie sind zweifache Mutter. Wie kriegen Sie Ihr Privatleben und Ihre Aufgaben als Politikerin vereinbart?

Würden Sie das auch einen Mann fragen?

Vermutlich nicht.

Sehen Sie. Ich wurde tatsächlich mal als Rabenmutter bezeichnet, weil ich ein halbes Jahr nach der Geburt der Zwillinge wieder gearbeitet und mein Ehrenamt wieder aufgenommen habe. Das hat mich arg getroffen. Familie und Ehrenamt sollten immer vereinbar sein. Da sollten wir uns schon fragen, ob die Politik nicht eine männerdominierte Welt ist, die gar keine Rücksicht darauf nimmt, dass Menschen auch eine Familie haben können.

Interview von Alexander Müller

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