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KAR-41 macht Jagd auf Geisternetze

Freest KAR-41 macht Jagd auf Geisternetze

Der Naturschutzverband WWF lässt ab Freest herrenlos in der Ostsee treibendes Fanggeschirr einsammeln

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Kapitän Karl-Heinz Neumann (l.) und Steuermann Günter Baltsch mit ihrer ungewöhnlichen Beute.

Quelle: Fotos: Stefan Brümmer

Freest. Dienstagabend läuft gegen 18.30 Uhr die „Einheit“ in den Freester Hafen ein. Der 18-Meter- Fischkutter mit der Bezeichnung KAR-41 kommt vom Fang zurück. Vor Rügen nahe Sassnitz sind Kapitän Karl-Heinz Neumann und sein Steuermann Günter Baltsch am Montag und Dienstag fündig geworden. „Na klar waren wir erfolgreich“, sagt Käpt’n Neumann nach dem Festmachen am Liegeplatz. Immerhin: Eine Tonne wiegt der Fang. Doch was sich in fünf großen weißen Säcken, auch als Big-Bags bekannt, befindet, sind keine Fische. Es sind verloren gegangene Stell- und Schleppnetze. Die Karlshagener „Einheit“ ist ein Geisterjäger, sie sucht Geisternetze.

OZ-Bild

Der Naturschutzverband WWF lässt ab Freest herrenlos in der Ostsee treibendes Fanggeschirr einsammeln

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Wenn wir keinen Fisch mehr fangen dürfen, müssen wir uns eben was anderes einfallen lassen.“Karl-Heinz Neumann, Kapitän

Geisternetze – so werden herrenlose Fischernetze genannt, die tonnenweise durch die Meere treiben und zur tödlichen Falle für Fische, Meeressäuger und Seevögel werden können. Die Ostsee von dieser Gefahr zu befreien, war bereits im August 2013 und davor erklärtes Ziel des Naturschutzverbandes WWF. Für die damals nicht bewilligten finanziellen Mittel sprangen dankenswerterweise Spender ein.

Seit Sommer läuft nun ein EU-gefördertes WWF-Pilotprojekt. Die Stralsunder WWF-Projektmanagerin Andrea Stolte stützt sich bei der Umsetzung auf die Erfahrung der einheimischen Fischer. Und so beteiligt sich auch Karl-Heinz Neumann mit seiner KAR-41 während seiner Fischfang-freien Zeit an dem Projekt.

Neumann ist 63, trägt Schnauzbart, das T-Shirt der Seenotretter und ein Basecap der Fischereigenossenschaft Freest. Seit 36 Jahren ist er Fischer, seit gut 25 Jahren Eigner und Kapitän der „Einheit“.

„Wenn wir keinen Fisch mehr fangen dürfen“, sagt Neumann mit Blick auf die immer weiter reduzierten Quoten etwa für den Dorsch, „müssen wir uns eben was anderes einfallen lassen.“ Aber er macht den Job für den WWF gerne, weil er weiß, dass diese Arbeit wertvoll ist. „Was wir vor Ahlbeck erlebt haben, war schon schlimm“, erzählt er. Zwischen der Ahlbecker Seebrücke und der polnischen Grenze harkte die Crew der KAR-41 insgesamt 1746 Kilogramm Stellnetze aus dem Wasser. „Solche Netze fischen auch dann noch weiter, wenn sie herrenlos geworden sind“, weiß der Experte. Aber es komme ja keiner, um das Fanggeschirr einzuholen, also verendet der Fang erbärmlich in den im Wasser treibenden Netzen. Nach dem Einholen der Geisternetze vor der Ahlbecker Seebrücke bestätigte sich seine Vermutung. „Wir haben Barsche, Flundern, Schnäpel und Plötzen aus den Maschen befreit“, berichtet der Fischer. Die „Harke“ – eine Art Rechen, der über den Boden gezogen wird – haben Neumann und Baltsch selbst angefertigt. Von polnischen Kollegen, die schon länger das Suchen nach Geisternetzen praktizieren, hatten sie ein Foto bekommen. „Wir haben das Ding nachgebaut“, erzählt Neumann. Es funktioniere einwandfrei.

Eine Antwort darauf, warum Netze verloren gehen, kann Neumann auch liefern: „Keinem Fischer kommt sein Arbeitsgerät ohne Grund abhanden.“ Das passiere zum größten Teil bei plötzlichen Stürmen und Eisbildung, aber auch durch die Sportschifffahrt. Beim „Abkürzen“ würden bisweilen Netze überfahren, die dann vertreiben würden. Nach Informationen des WWF gehen allein in der Ostsee jährlich etwa 10000 Netze oder Netzteile verloren. Etwa ein Zehntel des weltweiten Kunststoffmülls im Ozean soll aus Geisternetzen bestehen. Bis zur vollständigen Zersetzung der Kunststoffe können bis zu 400 Jahre vergehen.

Insgesamt 16 Seetage war Karl- Heinz Neumann mit seiner „Einheit“ in diesem Sommer unterwegs, um nach Geisternetzen zu suchen. Das Ergebnis türmte sich am Dienstagabend auf dem Hof der Freester Fischereigenossenschaft: Tonnenweise säuberlich in Big- Bags verpackter Meeresmüll. Ab kommender Woche ist zunächst einmal Schluss damit, dann widmet sich der Fischer wieder seinem eigentlichen Handwerk. Flundern und Dorsch zu fangen, ist dann das Ziel der KAR-41.

Den WWF-Mitarbeitern geht es unterdessen darum, erst einmal die Geisternetze von Freest in Richtung der Stralsunder Insel Dänholm zu transportieren. Anschließend folgt die Erledigung des administrativen Teils dieser bemerkenswerten Aufgabe. Gegenwärtig laufen Bemühungen, die Geisternetze einem Wertstoffkreislauf zuzuführen.

Stefan Brümmer

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