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„Scham hält die Leute ab, zu uns zu kommen“

Wolgast „Scham hält die Leute ab, zu uns zu kommen“

Knapp 800 Menschen in der Region Wolgast und Usedom haben rund vier Millionen Euro Schulden / Letzter Ausweg ist die Schuldnerberatung

Wolgast. Wer in die erste Etage des Hochhauses an der Wolgaster Peenestrombrücke kommt, hat selten einen Grund zum Lachen. Auf der einen Seite des Flures sitzt das Finanzamt, auf der anderen Seite die Schuldnerberatung des Deutschen Roten Kreuzes. Egal, welche Klinke man herunterdrückt, hinter beiden Türen geht es oftmals um sehr viel Geld. Wer davon zu wenig hat, den hilft seit mehr als 25 Jahren Kyra Quaas. Die Anzahl derjenigen, die sie beraten muss, steigt jährlich. Fast die Hälfte aller Ratsuchenden sind zwischen 28 und 45 Jahre alt.

 

OZ-Bild

Das dreiköpfige Team der Schuldnerberatung des DRK in Wolgast: Verwaltungsangestellte Sabine Lindemann, Leiterin Kyra Quaas und Ingo Röwer (v.l.).

Quelle: Foto: Hannes Ewert

Die Gründe, in die Verschuldung zu kommen, sind vielfältig. 55 Prozent machen offene Kreditforderungen bei der Bank aus. Danach reihen sich die Handy- und Mietschulden sowie die Primärkosten ein. „In dieser Woche hatte ich ein Paar, das durch die Jugendweihe des Kindes ins Minus gerutscht ist“, erzählt Kyra Quaas. Das Kind wollte auf eine mehrtägige Jugendweihefahrt nach Dresden. Kostenpunkt: 250 Euro; Essen und Trinken kommen noch hinzu. Hinzu kommen auch der Anzug und die Eintrittskarten der Familienangehörigen für die Festveranstaltung. Schnell stiegen die Kosten der Eltern. „Ich muss die Angelegenheit stets sachlich bearbeiten, aber einige Schicksale gehen mir sehr nahe“, sagt Quaas. „An eine große Jugendweihefeier war in diesem Fall gar nicht zu denken.“

„Die Verschuldeten kommen in der Regel erst zu uns, wenn es längst zu spät ist. Die Scham spielt eine ganz große Rolle“, erklärt die erfahrene Frau. Und wenn die Schuldner auf der gegenüberliegenden Seite ihres Schreibtisches Platz nehmen, kommt eines zum anderen. „Der Taschentuchverbrauch ist hier leider sehr hoch. Oft sitzen dort Menschen mit Schicksalen und ungewollt vielen Gläubigern“, sagt sie. Im Durchschnitt habe jeder ihrer Kunden neun Gläubiger und 18000 Euro Schulden. „Bei einigen gibt es auch 55 Gläubiger“, rechnet Kyra Quaas vor. Die Beraterin und ihr Team analysieren jeweils die finanzielle und persönliche Situation der Betroffenen. „Schulden machen krank. Das endet manchmal in einer Spirale, die oft nur schlecht aufzuhalten ist“, hat sie festgestellt. Vor allem allein lebende Männer und alleinerziehende Frauen rutschten schnell in die Überschuldung. „Ihr Anteil in der Bevölkerung liegt aber nur bei sechs beziehungsweise 18 Prozent“, erklärt sie.

Einen großen Teil machen die Menschen aus, die vergleichsweise wenig Einkommen haben. „22 Prozent der Neuaufnahmen in der Schuldnerberatung verfügen über ein Gehalt zwischen 921 und 1280 Euro monatlich. Fast so viele unserer Neuaufnahmen haben sogar weniger als 715 Euro monatlich zur Verfügung“, sagt sie. Und damit beginne das Dilemma. „Mit dem Geld ist es ihnen kaum möglich, eine Familie zu ernähren. Viele der Kunden arbeiten als Saisonkräfte in der Region und leben vom Tourismus. Im Winter beziehen sie Geld vom Amt, im Sommer muss zusätzlich aufgestockt werden.“

Ein Großteil der Außenstände seien Mietschulden. „Es gibt Fälle, da brennt in den Wohnungen nur noch eine Kerze. Irgendwann werden die Angehörigen stutzig. Dann heißt es, dass der Energieversorger den Strom abgeklemmt hat“, schildert Kyra Quaas. Dann kommen die Betroffenen zur Beratung. Um das Problem der Überschuldung gar nicht erst entstehen zu lassen, sollte ihrer Meinung nach die Präventionsarbeit Vorrang haben: „Ich bin dafür, dass es schon in der Schule ein Fach gibt, in welchem die Schüler zum Beispiel das Ausfüllen von Behörden-Anträgen erlernen. Somit bereitet man sie auf das wahre Leben vor.“

Seit mehr als 25 Jahren arbeitet die studierte Diplom-Ingenieurin für Betriebswirtschaft in der Branche, half während dieser Zeit Tausenden Menschen aus der Misere. „Einige Fälle beschäftigen uns seit Jahren. Im Vorjahr konnten wir allerdings 178 Fälle für beendet erklären. Im gleichen Zeitraum hatten wir mehr als 200 Neuaufnahmen.“ In der Stadt wird Kyra Quaas heute viel gegrüßt. „Es gab Zeiten, da schauten die Menschen beim Einkaufen oder in der Stadt bewusst weg. Sie wollten sich nicht zu erkennen geben, dass sie bei der Schuldnerberatung Kunde sind“, sagt sie. Heute habe sich dies geändert: „Die Menschen sind dankbar, wenn man ihnen hilft.“

Verschuldung

Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände (AGSBV) haben 647136 Personen wegen finanzieller Probleme im Jahr 2015 in einer der 1400 Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen in Deutschland das Beratungsangebot in Anspruch genommen. Die Schuldenhöhe der beratenen Personen betrug durchschnittlich 34400 Euro, was etwa dem 33-fachen ihres Monatseinkommens entspricht.

In den Beratungsstellen des DRK-Kreisverbandes Ostvorpommern-Greifswald kommen die Schuldner im Durchschnitt mit etwa 12000 Euro Schulden in die Beratungsstellen nach Anklam, Greifswald oder Wolgast.

Insgesamt 3,95 Millionen Euro Schulden häuften sich bei den Kunden der DRK-Beratungsstelle in Wolgast an. Davon sind 2,1 Millionen Euro Mietrückstände. Die jungen Leute bis 21 Jahre stellen mit fünf Prozent den kleinsten Klientenkreis dar. Danach kommen die Rentner (7), Menschen zwischen 22 und 27 Jahre (17), 46 und 64 Jahre (22) und den größten Teil nehmen Leute zwischen 28 und 45 Jahre (49 Prozent) ein.

Hannes Ewert

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