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Sparkassen-Chef Wolff: Wir müssen jetzt reagieren

Sparkassen-Chef Wolff: Wir müssen jetzt reagieren

Niedrige Zinsen zwingen die Sparkasse Vorpommern zum Personalabbau. Geschäftsstellen werden geschlossen. Ein Gespräch mit dem neuen Vorstandsboss Ulrich Wolff über seinen Reformkurs.

Ostsee-Zeitung: Herr Wolff, wenn ich im Lotto 100 000 Euro gewonnen hätte und die jetzt bei Ihnen anlegen will, würden Sie sich angesichts der Niedrigzins-Politik der Europäischen Zentralbank EZB darüber freuen?

Ulrich Wolff: Ja, weil es darauf ankommt, wie das Geld angelegt wird. In der Tat hat die EZB die Zinsen abgeschafft, worunter wir alle leiden. Für klassische Anlagen gibt es daher auch bei uns so gut wie keine Zinsen mehr. Aber durch eine sinnvolle Streuung des Geldes, beispielsweise zum Teil im Festzinsbereich und zum anderen Teil in Fondsanlagen, würde es mehr Freude machen und sich lohnen, dieses Geld einzusetzen.

OZ: Sie geraten zurzeit unter Druck, weil die Zinsen, die die Sparkasse für ihre Kredite bekommt, stetig abnehmen. Dies ist für eine Bank die Haupteinnahmequelle.

Wolff: Das Zinsergebnis nimmt ohne Frage ab. In unserer mittelfristigen Unternehmensplanung, in der wir die Entwicklung vorausberechnen, können wir erkennen, dass die Zinseinnahmen auch in den nächsten Jahren weiter abnehmen. Wir müssen aber auch den demografischen Wandel sehr genau im Auge behalten. Danach wird es so sein, dass besonders in der Fläche im Jahr 2025 spürbar weniger Menschen leben werden als heute. Auf diese Bedingungen haben wir reagiert und unser Projekt „Sparkasse Vorpommern 2020“ aufgelegt.

OZ: So heißt ihr internes Reformprogramm.

Wolff: Der Name ist gewählt worden, weil wir damit ausdrücken, wie wir uns bis zum Jahr 2020 entwickeln wollen. Dazu zählt, dass wir das Kundengeschäft neu ausrichten, um trotz unseres hohen Marktanteils in bestimmten Bereichen noch stärker Fuß fassen zu können. Zum Beispiel bietet die Region nach meinem Dafürhalten im Wohnungsbaugeschäft für uns noch mehr Potenzial, auch wenn wir hier schon sehr erfolgreich unterwegs sind. Bei den Geldanlagen müssen wir stärker die klassischen Formen ergänzen, für die unsere Kunden so gut wie keine Zinsen mehr bekommen. Das neu zu strukturieren, beispielsweise durch Fonds-Beimischungen, würde uns künftig etwas unabhängiger von dem klassischen Zinsgeschäft machen. Das eröffnet auch unseren Kunden weitere Chancen.

OZ: Auch die Zahl der Filialen soll abgebaut werden.

Wolff: Wir werden unsere Filialstruktur straffen, nachdem wir im vergangenen Jahr überprüft haben, welcher Bedarf an welchen Stellen im Geschäftsgebiet besteht. Dementsprechend stellen wir uns jetzt auf.

OZ: Wie sieht der konkrete Plan aus? Wie viele Filialen bleiben erhalten?

Wolff: Wir haben insgesamt 88 Bankstellen — also 66 Finanzdienstleistungsfilialen mit Mitarbeitern vor Ort und 22 SB-Filialen. Diese Gesamtzahl werden wir bis Anfang 2017 auf 82 reduzieren.

OZ: Das hört sich überschaubarer an als angenommen.

Wolff: Die Anpassung ist moderat. Bei der Zahl der Filialen, in denen Mitarbeiter beschäftigt sind, wollen wir uns von 66 auf 50 entwickeln. Wir werden zukünftig abgestufte Filialformate anbieten. Einerseits wird es weiterhin die klassische Sparkassen-Filiale geben, in der mindestens vier bis fünf Mitarbeiter und ein Filialleiter beschäftigt sind. Im Vergleich zu den heutigen Sparkassen-Geschäftsstellen bedeutet dies eine Aufwertung. Daneben wird es kleinere Servicefilialen geben, in denen die Dinge des Alltags abgearbeitet werden: Einzahlungen, Auszahlungen, das Sparkassen-Buch nachtragen, solche Dinge eben. Die Öffnungszeiten werden dem Bedarf angepasst, also eingeschränkter sein als bislang.

OZ: Das wäre ein Nachteil für die Kunden.

Wolff: Nicht zwingend, wenn wir das klar kommunizieren, was wir tun werden. Diese Filialen werden dann nicht mehr 32 Stunden in der Woche geöffnet sein, sondern 10 oder 15 Stunden. Diesen Tribut müssen wir dafür zollen, dass wir im Vergleich zu unseren Mitbewerbern auch zukünftig in der Fläche stark vertreten sind.

OZ: Wie viele Filialen bleiben vollwertige Sparkassen-Geschäftsstellen und wie viele werden zu Servicefilialen heruntergestuft?

Wolff: Wir werden ab Anfang nächsten Jahres 23 vollwertige Filialen haben und 27 Geschäftsstellen, die als Servicefilialen aufgestellt sind. Sie werden sich vor allem im ländlichen Raum befinden.

OZ: Sind Sie manchmal neidisch auf andere Banken, die von vornherein keine Geschäftsstelle im ländlichen Raum unterhalten, sondern lediglich eine in Greifswald und Stralsund, sich sozusagen die Rosinen herauspicken können? Der ländliche Raum gilt ja in Ihrer Branche eher als schwierigeres Geschäftsgebiet.

Wolff: Die Situation ist aus meiner Sicht umgekehrt. Die Konkurrenz ist neidisch auf unseren sehr hohen Marktanteil, der daraus resultiert, dass wir in der Fläche präsent sind und bleiben.

Dieses Vertrauen, das die Kunden dort in uns setzen, wollen wir keinesfalls verlieren.

OZ: Die Sparkasse beschäftigt insgesamt etwa 750 Mitarbeiter. Wie viele Stellen sollen jetzt abgebaut werden?

Wolff: An dieser Stelle sind wir noch in der Diskussion. Es wird aber so sein, dass wir bis zum Jahr 2020 weniger Mitarbeiter im Haus haben als heute. Wir werden diese Maßnahme in einem sehr fairen Umgang mit unseren Mitarbeitern umsetzen. Beispielsweise kann es ein Altersteilzeitmodell geben, um Stellen zu reduzieren. Zusätzlich haben wir eine normale Fluktuation, weil Kollegen wegziehen oder sich neu orientieren.

OZ: Schließen Sie betriebsbedingte Kündigungen aus?

Wolff: Wir haben sie bisher nicht auf der Agenda. Und ich glaube, dass wir insgesamt ohne betriebsbedingte Kündigungen auskommen können. Das wird sich schlussendlich in den Jahren 2018 und 2019 zeigen. Aber unser Plan ist es, den Abbau ausschließlich mit Hilfe von weichen und sozialverträglichen Maßnahmen zu bewerkstelligen.

OZ: Die Sparkasse hat in der Vergangenheit viele Projekte in Vorpommern unterstützt, vor allem im Kultur- und Sportbereich. Werden die Mittel für dieses Sponsoring gekürzt?

Wolff: Aus heutiger Sicht wollen wir daran festhalten. Es gehört als Sparkasse zu unserem Wertesystem, dass wir einen Teil des Geldes, das wir in der Region erwirtschaften, zurückgeben. Unser Spendenvolumen beträgt etwa 1,5 Millionen Euro pro Jahr. Damit sind wir ein bedeutender Unterstützer in Vorpommern. Diese Rolle wollen wir behalten.

OZ: Nicht nur die Niedrigzinspolitik der EZB, auch die Abwanderung von Kunden zu reinen Online-Banken macht den Sparkassen Probleme. Besonders bei der Baufinanzierung wird Ihnen nachgesagt, dass Sie teurer sind als die Internetkonkurrenz.

Wolff: Trotzdem sind die Kunden bei uns besser aufgehoben. Nur wir kennen die Region, und wir kennen den Kunden. Sie bekommen bei uns eine Beratung, die es im Internet nicht gibt. Uns wird nachgesagt, dass wir, was die Preisvorstellungen angeht, im Baufinanzierungsbereich nicht mithalten können. Wir wissen aber aus Vergleichen, dass wir mit den Online-Anbietern durchaus auf Augenhöhe sind. Eine Immobilienfinanzierung ist für die allermeisten Menschen die größte Investition in ihrem Leben. Wir sind auch nach 15 Jahren noch da, wenn beispielsweise die Kreditlaufzeit verlängert werden muss oder andere Fragen auftauchen. Das honorieren unsere Kunden.

OZ: Wie viele Ihrer Kunden führen ihre Konten nur noch online?

Wolff: Von den 193 000 privaten Girokonten werden inzwischen 51 000 ausschließlich online geführt. Der steigende Anteil ist ja auch einer der Gründe, warum wir unser Filialnetz neu strukturieren. Unsere Kunden kommen heute im Durchschnitt ein bis zweimal im Jahr in eine Sparkassenfiliale, sie suchen 24 mal den Geldautomaten auf, also zweimal pro Monat. Das Onlinebanking oder die Sparkassen-App werden indes von unseren Kunden circa 200-mal pro Jahr genutzt. Darauf werden wir reagieren, indem wir unser Online-Angebot in diesem Jahr weiterentwickeln.

OZ: Aus welchen Orten wird sich die Sparkasse demnächst komplett zurückziehen?

Wolff: Auf dem Land werden wir uns aus einigen kleinen Orten zurückziehen. In allen Orten, die das betrifft, haben wir vorab das Gespräch mit dem jeweiligen Bürgermeister gesucht. Die meisten hatten Verständnis für die Situation, aber natürlich wurde es bedauert, dass wir uns zurückziehen. Bis das Konzept umgesetzt wird, haben wir aber noch neun Monate Zeit — auch um unsere Kunden zu beraten, wie sie ihre Bankgeschäfte weiterhin erledigen können, auch wenn es vor Ort keine Filiale mehr gibt.

OZ: Die Banken und Sparkassen wollen derzeit mit Paydirekt ein sicheres Bezahlverfahren für Online-Geschäfte etablieren, bei dem die Gefahr, dass die Bankdaten ausspioniert werden, möglichst gering ist. Wie weit sind Sie mit der Einführung?

Wolff: Das System wird bei den Sparkassen in Deutschland im April eingeführt. Es baut darauf auf, dass sich der komplette Bezahlvorgang in Deutschland direkt zwischen Käufer, Bank und Online-Händler abspielt und die Daten während des Bezahlvorganges, anders als bei Paypal, nicht ins Ausland gelangen. Zudem unterliegt das System genauso wie die Kreditinstitute der deutschen Bankenaufsicht.

Von Interview von Benjamin Fischer

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