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Usedom Wolgaster Reichsadler-Drogerie versorgte großen Kundenkreis
Vorpommern Usedom Wolgaster Reichsadler-Drogerie versorgte großen Kundenkreis
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03:43 12.09.2013
Am 1. Mai 1897 eröffnete Hermann Wedler seine Reichsadlerdrogerie Am Markt 8 in Wolgast. Das Geschäft bestand bis 1974 und hatte bis zuletzt eine treue Stammkundschaft. Quelle: Fotos: Privatarchiv Ilse Roßberg (3), Tom Schröter (1)
Wolgast

Als Irmgard Wedler Ende November 1974 starb, ging in Wolgast eine 77-jährige Geschäftstätigkeit zu Ende. Die Fachdrogerie Wedler im repräsentativen Giebelhaus Am Markt 8 wurde aufgelöst und die Stammkunden, die der Spezialhandlung über Jahrzehnte hinweg die Treue gehalten hatten, mussten sich nach einer Alternative umsehen.

Am 1. Mai 1897 hatte Hermann Wedler das Geschäft gegründet, das unter der Bezeichnung „Reichsadler-Drogerie und Photohaus“ firmierte. Der junge Kaufmann und Drogist wurde am 1. Juli 1874 in Nörenberg/Pommern geboren. In Wolgast, im Geschäftshaus am Markt 8, wo zuvor Wilhelm Brinkmann eine Kupferschmiede betrieben hatte, durfte Hermann Wedler auf einen lukrativen Handel hoffen. Denn Drogist Rudolph Simon in der Schusterstraße 30 war seinerzeit sein einziger Konkurrent innerhalb der Stadt.

Bis Hermann Wedler seine ersten Kunden empfangen konnte, waren umfangreiche Investitionen nötig. Ein reicher Warenvorrat war anzulegen und spezielle Drogenböden und Lager für deren Deponierung einzurichten. Benötigt wurden zudem einbruchssichere Giftschränke und eine Ladeneinrichtung, die bald unzählige Glas-, Keramik- und Metallgefäße mit Chemikalien aller Art, Kräutern, Tinkturen, Essenzen, Heilmitteln usw. beherbergte. Auch ein eigenes Labor hielt Einzug.

Hermann Wedler erwies sich als ein ehrgeiziger Kaufmann, der mit seinen Kunden einen freundschaftlichen Kontakt pflegte. Viele Wolgaster, aber auch Bewohner aus den umliegenden Orten, versorgten sich bei ihm u. a. mit Seifen, Parfüm, Verbandsstoffen, Kinder- und Krankenpflegeartikeln, Nährmitteln, rezeptfreien Arzneien, unterschiedlichen Tees und Toilettenartikeln. Auch das Herstellen von z. B. Zahnpasta, Backpulver, Putzmitteln und Schuhputzcreme gemäß speziellen Rezepturen gehörte seinerzeit zum täglichen Drogisten-Handwerk.

Das Geschäft führte der Inhaber zusammen mit seiner Frau Marie Wedler, geborene Bünger, die er in Wolgast geheiratet hatte. Auch die Landbevölkerung wusste das Angebot der Wedlers zu schätzen.

Schließlich fanden sich in ihrem schier endlosen Sortiment auch Tierarzneimittel, Futterkalk fürs liebe Federvieh, Hundekuchen uvm. Aus großen Korbflaschen wurde in mitgebrachte Gefäße Petroleum abgefüllt, mit dem zu Hause die Lampen gespeist wurden. Malermeister, wie Paul Zillmann, Robert Görs und Albert Kurz, versorgten sich in der Reichsadler-Drogerie mit Farben, Lacken, Pinseln und Tapeten, und als sich Wohlhabende die ersten Automobile zulegten, galten zunächst die Drogisten als Verkäufer für Benzin in Fässern.

Hermann und Marie Wedler wurden fünf Kinder geboren, von denen zwei schon im frühen Alter starben. Sohn Karl Heinrich, der am Neujahrstag 1903 zur Welt kam, war der älteste männliche Spross der Familie. Schon als Kind zeigte er großes Interesse an einer Tätigkeit als Kaufmann. Als sein Vater Hermann am 5. September 1912 im Alter von nur 38 Jahren in der Universitätsklinik Greifswald seiner schweren Diabetes erlag, musste Maria Wedler die Drogerie allein führen und obendrein drei Kinder großziehen.

Das Geschäft florierte. Die Einrichtung im geräumigen Ladenlokal wurde stetig erweitert. Hierfür waren die Tischlermeister Wilhelm Scharff senior und junior zuständig. In ihrer Werkstatt in der Breiten Straße 5 entstanden passgenau Ladentheke, Regale, Vitrinen, Kassentisch, Schränke und unzählige Schubladen, in denen in Blechdosen unter Luftabschluss die Kräuter lagerten. Geplagte Kundschaft ließ sich kleine Portionen in Fläschchen oder Tüten füllen. Huflattich etwa diente als Hustenlöser, Ackerschachtelhalm galt einerseits als harntreibend und als Mittel gegen Gicht und Harngrieß, andererseits als gängiges Putzmittel für Zinngeschirr. Eichenrinde fand als Fußbadezusatz gegen Frostbeulen Verwendung, während mit Salbei Entzündungen im Mund therapiert wurden.

Nachdem Karl Heinrich Wedler seine Ausbildung als Drogist erfolgreich abgeschlossen hatte, konnte er die Mutter erheblich entlasten. Nach kurzer Zeit übernahm er das Geschäft in Gänze und führte es gemäß den väterlichen Tugenden weiter. Die Ausbildung von Lehrlingen hatte im Hause Wedler Tradition. Auch Irmgard Krohn lernte hier den Beruf der Drogistin. Bald waren sie und Karl Heinrich Wedler ein Paar, aus deren Ehe zwei Kinder hervorgingen. Die Wedlers führten die Drogerie nun gemeinsam weiter. Die Kundschaft kam gern, zumal zwei Stühle und ein Korbtisch zum Innehalten einluden, um Wolgaster Neuigkeiten auszutauschen.

Neben typischen Drogerieartikeln, führte das Fachgeschäft auch Waren des täglichen Bedarfs, wie Konserven, Konfitüren, Liköre sowie Dessert-, Tisch- und Schaumweine. Auch mit Kakao, Schokoladen und geröstetem Kaffee wurde gehandelt. Karl Heinrich Wedler führte zudem die Fotoarbeiten weiter, vermarktete aber auch selbst photographische Apparate sowie die dazugehörigen Bedarfsartikel, wie Entwickler, Tonfixierbad, Platten und Papiere.

Mit Zielstrebigkeit und Unternehmergeist überstand die Reichsadler-Drogerie Krieg und Hyperinflation. Während des Zweiten Weltkrieges folgten erneut enorme Belastungen, da Ware knapp wurde und einige Posten kaum noch zu besorgen waren. Nach Kriegsende gab es in dem in „Fachdrogerie Wedler“ umbenannten Traditionsgeschäft nun u. a. Tonseife und Waschmittel auf Zuteilung.

Aus dem Großhandel bezogene Fertigware, in verbrauchsgerechten Abpackungen, dominierte bald das Sortiment. Ungeachtet dessen waren die Restbestände gefragt. Am Tresen erschienen viele Kunden, um sich etwa Salzsäure als Urinsteinlöser oder Schwefelsäure als Elektrolyt für Batterien abfüllen zu lassen. Giftige Substanzen wurden grundsätzlich nur in grünen achteckigen Fläschchen mit Totenkopfsymbol abgegeben. Zur treuen Kundschaft zählte Küster Ernst Rickert, der sich regelmäßig Öl für den reibungslosen Betrieb der Kirchenglocken und der -uhr in St. Petri besorgte. Nach wie vor wurden auch die Schulen mit Chemikalien und Laborgeräten beliefert, mit denen die Schüler im Fach Chemie experimentierten.

Das Ehepaar Wedler weigerte sich, die Drogerie der volkseigenen Handelsorganisation (HO) zu überlassen. Die familiäre Situation verschlimmerte sich, als Karl Heinrich Wedler nach schwerer Krankheit am 22. Mai 1957 starb. Irmgard Wedler bewies Durchhaltevermögen und kümmerte sich bis zu ihrem Tod am 23. November 1974 um ihre Kundschaft.

Die Zustände während der Auflösung der Fachdrogerie Wedler werden als chaotisch beschrieben. Weite Teile der kostbaren Ausstattung gingen verloren. Der Verbleib des Warenbestandes — manche Chemikalien im Depot stammten noch aus den Anfangsjahren — ist unklar. In dem nach Benzin, Farben und Ölen getrennten Lagertrakt blieben diverse Vorräte sogar unbeachtet stehen und wurden erst nach 1989 als Altlasten entsorgt. Das Haus ging in staatliches Eigentum über. Tochter Siegried, die Pharmazie studierte und in Bad Vilbel nahe Frankfurt am Main wohnte, starb früh. Sohn Dr. Klaus Wedler studierte Germanistik, war im Bereich des Fernsehfunks tätig und lebt in Berlin. Das Familiengrab der Wedlers befindet sich auf dem Alten Friedhof in Wolgast.

Tom Schröter und Arno Voigt

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