Thomas Stamm-Kuhlmann: Der Begriff wird zwar erst 1879 geprägt, aber ich würde ihn für Arndt verwenden. Allerdings spielt der Antijudaismus, wie man alternativ sagen könnte, keine zentrale Rolle in seinem Werk. So war die Gleichstellung der Juden, die die Paulskirchenverfassung vorsah, kein Grund für ihn, diese abzulehnen. Es gibt es anderes, was sich sehr bedenklich finde.
OZ: Und das wäre?
Stamm-Kuhlmann: Eine der wenigen Konstanten in Arndts Werk ist das Engagement gegen Zuwanderung und Vermischung, gegen die „Bastardisierung“ des deutschen Volkes. So hielt er die Aufnahme der Hugenotten durch Brandenburg für ein Opfer und nicht für einen Gewinn.
OZ: Nun war ja damals der religiöse Antijudaismus verbreitet. Platt gesagt: wer Christ wurde, der wurde Deutscher.
Stamm-Kuhlmann: Angesichts einer verstärkten Einwanderung aus Osteuropa, wo Juden schlechter behandelt wurden, fragten sich viele Zeitgenossen, ob so viele Juden assimilierbar waren, ob man sich eine Bevölkerungsgruppe leisten kann, die sich nicht assimiliert. Da ist mit Blick auf Muslime eine sehr aktuelle Fragestellung. Ich zweifle, dass Arndt hier der richtige Ratgeber ist. Schon um 1800 geht die religiöse in die rassische Judenfeindlichkeit über.
OZ: Was unterscheidet Arndt von anderen „nationalen Predigern“ wie Fichte?
Stamm-Kuhlmann: Nichts, aber das ist nicht die Frage, auch die Hierarchie der Rasen gehörte damals zu den üblichen Denkmustern. Wichtiger ist, dass es andere Denker wie Herder und die Humboldts gab, die diese Rassenhierarchie ablehnten und den Wandel vom Kosmopolitischen zum Nationalpolitischen nicht mitmachten. Er hatte eine Wahl.
OZ: War er ein Demokrat im weitesten Sinne, wie Karl-Ewald Tietz, der Vorsitzende der Arndtgesellschaft, meint?
Stamm-Kuhlmann: Im weitesten Sinne ja, aber in unserem heutigen Verständnis nicht, weil dazu Minderheitenschutz gehören würde. Um eine Anerkennung der Volkssouveränität hat er sich gedrückt. Das geschah möglicherweise aus taktischen Erwägungen, weil er als Anhänger der Monarchie Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. nicht verärgern wollte.
OZ: Aber das Paulskirchenparlament feierte ihn stehend mit Beifall .
Stamm-Kuhlmann: Das war vor allem eine Anerkennung für seine Lieder. Im Parlament hat er kaum eine Rolle gespielt. Er hat sich ja selbst als sein eigenes Denkmal in dieser Versammlung gesehen.
OZ: Gibt es eine Linie von Luther über Arndt zu Hitler, wie sie ein OZ-Leserbriefschreiber zog
Stamm-Kuhlmann: Ja, aber die Geschichte kennt viele Weggabelungen, es gibt auch eine Linie von Luther über Arndt zu Friedrich Ebert.
OZ: Wie schätzen Sie seine Leistung als Historiker ein?
Stamm-Kuhlmann: Er war vor allem Publizist, die Professur in Bonn bekam er für seine Leistungen als Propagandist. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Zeit der großen Quelleneditionen. Da hat Arndt nichts geleistet.
OZ: Sie plädieren also für die Ablegung des Namens?
Stamm-Kuhlmann: Die Universität, die ja weltoffen sein will, muss sich fragen, ob sie so einen Patron will. Die andere Frage ist, wie schlimm so ein Name wirklich ist.
OZ: Müssten denn alle Arndtschulen, -straßen und Plätze umbenannt werden?
Stamm—Kuhlmann: In Kiel, wo ich herkomme, gibt es als Namensgeber z. B. Tirpitz und Hindenburg. Beides sind Totengräber der Demokratie genau wie der im Osten hoch verehrte Thälmann. Es gibt wichtigeres.
OZ: Was halten Sie denn von dem Vorschlag, dass bei Ablegung des Namens Arndt die Umbenennung in Napoleon-Universität erfolgen muss?
Stamm-Kuhlmann: Das ist die Logik des „Wer nicht für mich ist, ist wider mich“, die wir an George W. Bush so abgelehnt haben. Aus 200 Jahren Abstand können und dürfen wir die Gewaltsamkeiten im Denken Arndts und die reale Gewaltherrschaft Napoleons gleichermaßen verurteilen.
OZ: Gibt es etwas, das Sie an Arndt schätzen?
Stamm-Kuhlmann: Seine Sprachgewalt ist wirklich beeindruckend, manchmal romantisch schwärmend wie seine Zeitgenossen Tieck und Wackenroder. Den nachgeahmten Lutherton wie im „Katechismus für den teutschen Kriegs- und Wehrmann“ finde ich allerdings manipulativ.
Interview: E. OBERDÖRFER
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