000 Menschen.“ Als sie da ist, mimt Klinger bravurös den wortgewandt-witzigen Physiker, nur die leichte Unruhe in seinen Beinen verrät ihn eben doch.
Warum auch nicht? Immerhin informierte sich die Kanzlerin gestern im Greifswalder Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) über den Stand der Vorbereitungen der weltgrößten Kernfusionsforschungsanlage ihres Typs — „Wendelstein 7-X“. Das 380 Millionen Euro schwere Vorhaben ist so etwas wie das Baby von Professor Klinger. Merkel, selbst Physikerin (Promotionsnote für eigene Forschungen: sehr gut), betonte während ihres Besuchs, die großen Hoffnungen, die auf der Kernfusion liegen. „Mit diesem Projekt schreibt Deutschland in Greifswald Fusionsgeschichte“, sagte die Bundeskanzlerin, nachdem sie sich die Wendelstein-Anlage aus der Nähe angesehen hatte. Professor Günther Hasinger, Direktor des IPP, führte die Regierungschefin während ihrer Visite über diverse Stahlgerüste, treppauf, treppab durch ein Wirrwarr aus Leitungen, Magnetspulen, Sensoren und Edelstahlrohren. 2014 soll der rund 750 Tonnen schwere Plasmagefäßring, der aus fünf Teilen zusammengesetzt wird und anschließend einen Durchmesser von 16 Metern hat, fertig sein. Sein Kollege Klinger bezeichnete das, was für Laien höchstens wie eine utopisch anmutende Maschine aus einem Science-Fiction-Film aussieht, als „Mona Lisa der Schweißkunst. 2015 wollen wir hier bei 100 Millionen Grad ein erstes künstliches Plasma zünden.“ Ziel der Fusionsforschung ist es, analog zu den Prozessen auf der Sonne durch die Verschmelzung von Atomkernen Energie zu gewinnen. „Wenn wir erfolgreich sind, wird die Kernfusion dazu beitragen können, den Energiebedarf ab der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts zu decken“, sagte Hasinger und hofft, mit dieser Technologie „die Leitplanken des Klimas einzuhalten“. Ein Gramm Brennstoff kann rund 90 000 Kilowattstunden Energie freisetzen, was einer Verbrennungswärme von elf Tonnen Kohle entspricht.
Der Bund beteiligt sich mit rund 240 Millionen Euro (63 Prozent) an dem Experiment. Die EU übernimmt rund 30 Prozent der Kosten. Und das Land trägt sieben Prozent. Derzeit laufen die Verhandlungen über eine Anschlussfinanzierung nach 2015.
Randnotiz: Für Zähneknirschen in der Landesregierung sorgte die Begleitung der Kanzlerin. Sie bestand mit Wirtschaftsminister Jürgen Seidel und seinem Kabinettskollegen Henry Tesch ausschließlich aus CDU-Ministern. Landesvater Erwin Sellering sei nach Angaben der Staatskanzlei nicht eingeladen worden. Regierungssprecher Andreas Timm: „Wir haben von diesem Termin nur aus den Medien erfahren.“ Sellering wollte den Vorgang auf OZ-Anfrage nicht weiter kommentieren.
Seit mehr als 50 Jahren arbeiten Forscher daran, die Kernfusion als Energiequelle nutzbar zu machen. Im südfranzösischen Cadarache wird derzeit im Staatenverbund von sieben Partnern, neben der EU sind das Russland, Japan, USA, Indien, China und Südkorea, bis Ende dieses Jahrzehnts ein Testreaktor (ITER) errichtet. Die Kosten liegen voraussichtlich weit über den anfangs veranschlagten fünf Milliarden Euro. Das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) betreibt in Garching das Fusionsexperiment Asdex Upgrade. Im Greifswalder Teilinstitut entsteht bis 2014 das 380 Millionen Euro teure Fusionsexperiment „Wendelstein 7-X“. Die Testergebnisse zum Dauerbetrieb sowie zur Heizung sollen beim ITER einfließen. Von Mitte des 21. Jahrhunderts an könnte die Kernfusion erstmals zur Energieversorgung beitragen. dpa



















