OSTSEE-ZEITUNG: Herr Jürgens, ist das Projekt Kohlekraftwerk in Lubmin nach dem Rückzug von Dong wirklich durch, wie die Gegner jubeln, oder hoffen Sie weiter auf Realisierung?
Gerold Jürgens: Nach meiner Auffassung ist das Kraftwerk noch lange nicht vom Tisch. Das Genehmigungsverfahren für das Projekt läuft ja unverändert weiter.
OZ: Nur, dass es in der Realität keinen Investor mehr gibt.
Jürgens: Moment! Antragsteller für das Genehmigungsverfahren ist die Projektgesellschaft „Kraftwerke Greifswald“. Die gibt es weiterhin und auch wenn Dong Mehrheitseigner ist, hält die WV Energie ja 25,1 Prozent der Anteile. Ihr Generalbevollmächtigter Albert Schön sucht aktiv nach neuen Investoren. Ein Verbund mehrerer Stadtwerke ist im Gespräch.
OZ: Wie laufen die Verhandlungen?
Jürgens: Richtig Bewegung in die Sache wird sicher erst kommen, sollte es einen positiven Beschluss seitens des Landes im Genehmigungsverfahren geben. Nachdem Schwerin das Projekt lange ausgebremst hat, brauchen wir erst sichere Fakten, bis Interessenten aktiv werden. Man muss auch abwarten, welche Entscheidungen der Bund für den Energiemix in Deutschland trifft. Wir als Unternehmer arbeiten in der Sache Kraftwerk aber intensiv weiter.
OZ: Was heißt das konkret?
Jürgens: Beispielsweise, dass wir beim Greifswalder Professor der Wirtschaftswissenschaften, Manfred Matschke, ein neues Gutachten in Auftrag gegeben haben, welchen Einfluss ein Kohlekraftwerk auf die wirtschaftliche Entwicklung der Region hätte. Wir werden es am 24. Februar in Lubmin präsentieren. Ich kann vorab sagen: Die Aussagen für ein Kraftwerk sind sehr positiv.
OZ: Dagegen stehen mögliche Schäden für die Umwelt und befürchtete Einbrüche im Tourismus, wenn der Meiler kommt.
Jürgens: Aber das ist doch Schwarzmalerei. Studien von Wissenschaftlern sagen, dass der Tourismus nicht leidet, solange das Kraftwerk nicht ständig ins Bewusstsein der Urlauber gerückt wird. Und zur Umwelt: Wir haben in Deutschland Auflagen, die zu den weltweit härtesten zählen. Wenn das Kraftwerk — womöglich mit Auflagen genehmigt wird — dann müssen wir uns keine Sorgen machen.
Außerdem muss man das Projekt doch auch überregional und global betrachten. Besser, wir bauen hier ein modernes Kraftwerk, als wenn woanders welche mit deutlich schlechterer Schadstoffbilanz am Netz bleiben.
OZ: Naturschutzverbände befürchten auch Umweltgefährdungen durch ein weiteres großes Projekt, das Lubmin betrifft — die Ostsee-Gaspipeline. WWF und NABU haben Klage eingereicht. Wie sehen Sie diesen Schritt?
Jürgens: Ich finde das nicht in Ordnung. Wir können in unserer wirtschaftlich noch sehr schwachen Region doch nicht jedes Industrieprojekt verhindern. Ich sage auch, dass Umweltschutzrichtlinien eingehalten werden müssen. Aber bei manchen Verbänden habe ich den Eindruck, dass es nur noch ums reine Verhindern geht, dass man sich eine Daseinsberechtigung schaffen will.
OZ: Der Einsatz für Industrieprojekte wird Ihre neue Amtsperiode begleiten, welche Ziele stehen noch im Fokus?
Jürgens: Als Unternehmerverband wollen wir Politik und Wirtschaft noch besser vernetzen.
OZ: Vernetzen?
Jürgens: Es geht nicht um krumme Absprachen, sondern darum, dass man einander kennt, dass beide Seiten über Wünsche und Angebote Bescheid wissen, dass man einen kurzen Draht hat, um Aufträge in der Region zu halten.
OZ: Im internen Kreis erklärten Sie kürzlich auch, dass Sie grundsätzlich ein Befürworter von Mindestlöhnen sind.
Jürgens: Das stimmt. In der Baubranche sind sie mit zehn Euro pro Stunde ja schon Realität. Arbeit muss auch in unserer Region besser bezahlt werden. Es darf nicht sein, dass Hartz-IV-Empfänger am Ende genauso gut da stehen, wie Leute, die jeden Tag den Rücken krumm machen.
OZ: Gerade im Bereich Tourismus gibt es immer wieder Beschwerden über Dumpinglöhne.
Jürgens: Viele Hoteliers können noch nicht so viel zahlen, da die Kredite wegen Renovierungen nach der Wende drücken. Aber mittelfristig müssen wir auf ein besseres Niveau kommen, sonst gehen uns die guten Leute verloren — und das darf nicht passieren.


















