50 Jahre Tierpark: Sekretärin als Schlangenpflegerin
Der Stralsunder Tierpark feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen. Die OZ blickt mit kleinen Geschichten auf die Zeit zurück. Heute erinnern sich Sekretärinnen.
Stralsund Die ehemaligen Vorzimmerdamen des Tierparkbüros können eine Menge erzählen. Schließlich waren sie nicht nur für Telefon und Schreibmaschine da. „Ich war Sekretärin mit Auslauf“, sagt Rita Strauß und schmunzelt. „Ich hatte ein Büro ohne Heizung, Wasser und Aktenschränke. Aber ein Perserteppich lag auf dem Fußboden“, erinnert sich die heute 71-Jährige. Es war 1964, als sie im Tierpark als Sachbearbeiterin begann. Die Direktion befand sich in der Blockhütte, in der heute die Esel leben. Oft hat sie mit Mantel gesessen und ihre klammen Finger huschten über die Schreibmaschinentasten. Die öffentliche Toilette war über Winter geschlossen. Wenn sie mal musste, radelte sie fix nach Hause. Zum Glück wohnte sie nur ein paar Häuser weiter in der Barther Straße. „Was war ich froh, als ich 1970 ein neues Büro bekam.“ Gut erinnert sie sich noch daran, als Mitte der 80er-Jahre ein Leopard ausgebüxt war. „Kollege Reiner Wewezer kam ins Büro gerannt. Er war leichenblass und sagte, dass der Leopard auf den Tierparkwegen umherlaufe und sich die Tierpflegerin in seinem Gehege befinde. Das Telefon war kaputt. Also bin ich rüber in die Stadtkoppel, um Hilfe zu organisieren.“ Ein anderes Mal klopfte Nachtwächter Emil Kühle am frühen Abend bei Familie Strauß an die Tür. Die Dingos waren aus ihrem Gehege ausgebrochen. Telefonisch holte sich Rita Strauß vom Chef, der gerade zur Kur war, Instruktionen. Familie Strauß zog mit ihrem Schäferhund los, um die Tiere möglichst noch vor Einbruch der Dunkelheit ins Gehege zu bekommen. „Die Dingos mochten den Hund nicht“, erzählt Rita Strauß. Sie kreisten meinen Mann und meinen Sohn ein. Ein Dingo biss meinen Sohn. Er und sein Vater flüchteten ins Kassenhäuschen. Ich rief den Bevollmächtigten an, der dafür zuständig war, die Tiere in Notfällen zu erschießen. Inzwischen waren die Dingos in den Stadtwald entflohen, nur ein Tier fand sich im Gehege wieder ein.
Kopfschüttelnd und schmunzelnd zugleich erinnert sie sich daran, als sie vom Flughafen Berlin Schönefeld ein Känguru abholen musste. „Das Tier war klein, aber die Kiste groß und schwer“, erinnert sich Rita Strauß. „Am Nachmittag fuhr mein Zug nach Stralsund. Mit einem Transport-Kuli schob ich das Känguru in der Kiste durch Berlins Straßen zum Bahnhof. Ein Herr wollte mir helfen, die Kiste in den Zug hinein zu heben. Als ich auf seine Frage antwortete, dass ich ein Känguru in der Kiste habe, sah er mich ungläubig an und ließ mich samt Kiste stehen. Er hatte sich von mir wohl veralbert gefühlt.“ Als Veterinärassistentin war Elisabeth Rupp tätig, als sie im Februar 1991 im Tierpark eine ABM-Stelle bekam. Im Anschluss bekam sie einen Job als Schreibkraft im Vorzimmer von Direktor Olejnik. „Das Büro war nicht selten Tierstation“, erzählt Elisabeth Rupp. Einmal stand ein großer Karton mit zehn Wüstenrennmäusen auf dem Tisch. Ein anderes Mal war es eine kleine Python, die in einem Intercityzug gefangen wurde und im Terrarium der Sekretärinnen nun ihr Domizil hatte. „Ich habe keine Angst vor Schlangen. Zwar hatte ich bis dahin noch nie eine angefasst, aber ich säuberte und fütterte sie“, erzählt die heute 55-Jährige. Die Futtertiere, Mäuse und junge Ratten, mochte sie allerdings nie anfassen und ließ sie aus dem Behälter ins Terrarium fallen. Langsam füllte sich die Fensterbank des Büros mit Tieren. Eine Kornnatter kam hinzu, ein Gelbbrustara weilte auch kurz in den Räumlichkeiten.
Besonders gerne erinnert sich Elisabeth Rupp an das Weißbüscheläffchen Mäxchen. Ein Spezialfall, der den Bürofrauen ans Herz wuchs. Er war aus der Gruppe verdrängt worden und verlebte seine letzten Monate im Büro. Vom Löffel wurden ihm Leckereien gereicht. Dann tapste Mäxchen über das Mobiliar und wurde immer von Besuchern bestaunt. INES ENGELBRECHT
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