OSTSEE-ZEITUNG: Sie haben kein Handy, schreiben auf Ihrer Homepage, wer Sie mobil erreichen will, muss es mit Telepathie versuchen: Bleibt das so, wenn Sie Bundestagsabgeordnete werden?
Anne Klatt (lacht): Nein, dann muss ich mich wohl umstellen — solange will ich das Leben ohne Handy aber noch genießen.
OZ: Für wie realistisch halten Sie es denn, als Grüne das Direktmandat zu ziehen, im „schwarzen“ Wahlkreis 16, wo neben Dauersieger CDU auch die Linke ein fast übermächtiger Gegner sein dürfte?
Klatt: Ich mache mir keine zu großen Gedanken darum. Wichtig ist es mir, unsere grünen Ideen zu transportieren.
OZ: Die speziell wären?
Klatt: Zum Beispiel, sich kritisch mit dem Konsumniveau unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen, was ich als Initiatorin der Greifswalder AG Konsumkritik tue. Ich sehe mit Sorge, dass viele Menschen versuchen, sich durch Kaufen Befriedigung zu verschaffen. Doch das hält davon ab, eigene Kreativität und Talente zu entfalten. Kochen, werkeln, schneidern und ähnliche Fähigkeiten verlernen wir immer mehr und dadurch entgeht uns auch eine ganz wichtige Quelle von Zufriedenheit. Selbst etwas erschaffen gibt uns Unabhängigkeit, Selbstbewusstsein und den Stolz auf das Geleistete. Das gibt es nicht im Supermarkt.
OZ: Leben Sie denn selbst fleißig nach dieser Devise?
Klatt: Auf jeden Fall. Ich gärtnere leidenschaftlich, schneidere und habe auch schon Regale gebaut.
OZ: In Greifswald sind Sie ziemlich bekannt. Sie sind mit gutem Ergebnis für die Bündnisgrünen in die Bürgerschaft eingezogen und haben bei den Wahlen zum Studierendenparlament mit Abstand die meisten Stimmen gewonnen. Was werden Sie tun, damit Sie die Menschen auch in den anderen Teilen des Wahlkreises kennenlernen?
Klatt: Wir haben da einige originelle Sachen geplant. Ich will zum Beispiel an drei ausgewählten Orten 24 Stunden durchgängig als Ansprechpartnerin vor Ort sein. Zudem möchte ich mit einer echten Kuh durch Fußgängerzonen ziehen, um für einen fairen Milchpreis zu werben.
OZ: Welche regionalen Schwerpunkte werden Sie im Wahlkampf setzen?
Klatt: Zentral ist natürlich mein klares Nein zu einem Steinkohlekraftwerk in Lubmin. Weil ich die Form der Energieerzeugung ablehne, weil das Projekt dem Tourismus schadet und weil es dem verstärkten Einsatz alternativer Energien im Wege steht.
OZ: Zu Ihren zentralen Themen zählt auch das Projekt Car-Sharing. Menschen sollen sich Autos teilen und Sie fordern einen deutlich stärkeren Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs. Ist das in unserer ländlichen Region überhaupt machbar?
Klatt: Man muss einfach anfangen. Wir wollen Mobilität auch ohne eigenes Auto ermöglichen — da sollte der Staat eine Anschubfinanzierung leisten. Man zahlt sicher erst drauf, aber hat man dann erstmal ein gutes Netz und Angebot, nehmen es die Leute an und dann trägt es sich finanziell.
OZ: Ihr Rezept gegen die Arbeitslosigkeit heißt Umverteilung.
Klatt: Ja, ich möchte, dass die Arbeit auf mehr Schultern verteilt wird. Die einen müssen so viele Überstunden machen, dass sie kaum noch Zeit für Familie und Freizeit haben, die anderen suchen händeringend nach einer Stelle. Ich glaube, viele wären bereit zu teilen, wenn man Anreize schafft.
OZ: Stichwort Beruf — was machen Sie, wenn es mit Berlin nichts wird?
Klatt: Ich plane nie zu weit, ergreife die Chancen, wenn sie da sind. Fest steht, dass ich im Herbst mit meiner Diplomarbeit „Konsumkritik am Beispiel von Baumwollanbau“ beginne und mich weiter politisch engagiere. Für die Wahl hoffe ich, dass ein Bewerber aus dem linken Lager gewinnt, denn da haben wir mehrere sehr gute Alternativen.
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