Unterschiedlich haben aber beide, der eine in der DDR, der andere in der Bundesrepublik, den Herbst 1989 wahrgenommen: die Ängste der Menschen zwischen Ostsee und Erzgebirge, die Demonstrationen, die Flucht Tausender über Tschechien und Ungarn in den Westen. „20 Jahre Wende“: Über ihre Erlebnisse sprachen Schorlemmer und Schmidt am Sonnabend im Bürgerschaftssaal des Rathauses. Etwa 120 Zuhörer, darunter Wismars Bürgermeisterin Rosemarie Wilcken (SPD), erlebten eine erfrischende Diskussion mit kritischem Rückblick und dem Versuch, die Erfahrungen von damals in den Kontext der heutigen Zeit einzuordnen. Es moderierte Prof. Gerd Schneider, einst Direktor des Schweriner NDR-Landesfunkhauses.
„Manchmal handelt der liebe Gott durch ganz falsche Entscheidungen richtig“, sagte Friedrich Schorlemmer und meinte damit ein Ereignis am 18. Oktober 1989: Egon Krenz wurde zum Nachfolger von DDR-Staatschef Erich Honecker ernannt. „Es war für uns Demonstranten eine deprimierende Entscheidung, galt Krenz, der für Sicherheitsfragen zuständig war, doch als Hardliner. Aber im Rückblick war die Entscheidung wunderbar, denn erst dann war die Wut in der Bevölkerung so groß, dass es zu Veränderungen kommen konnte“, meinte der Theologe, prominenter Protagonist der Opposition und einer der namhaftesten Vertreter der DDR-Bürgerrechtsbewegung. Für Schorlemmer, der heute Mitglied der SPD und der Deutschen UNESCO-Kommission ist, sind die Gründe für die „friedliche Oktoberrevolution“ vielschichtig. Eine wichtige Rolle hätten die Westmedien gespielt, „die viel erzählten über das, was bei uns los war“, sagte der 65-Jährige. „Und auch die Kerzen. Die Machthaber waren auf Gewalt eingestellt, nicht auf Gewaltlosigkeit und Gebete.“ Auch sei die Revolution nur gelungen, weil die ökonomischen Probleme massiv waren, „der DDR-Machtapparat erodierte und es eine innere Verweigerung vieler im Sicherheitsapparat gab“. Und wohl auch, weil durch die Flucht von DDR-Bürgern in den Westen die Mauer bedeutungslos geworden war. Der Historiker Dr. Wolf Schmidt, deutscher Vorstand des internationalen Geschichtsnetzwerkes Eustory sowie Initiator und Vorsitzender der Mecklenburger „AnStiftung“, gab zu: „Wir in der Bundesrepublik haben die Angst in der DDR-Bevölkerung wahrgenommen.
Für uns war aber alles schwer zu überschauen. Und nicht wenige hatten auch Befürchtungen, was die Entwicklung bringt.“ Für unter 35-Jährige war die Diskussion im Rathaus nicht interessant. „Hier sitzt nur die ,Erlebnisgeneration‘“, stellte Schmidt richtig fest und sagte: „Wir müssen den jungen Leuten Impulse geben, damit sie neugierig werden auf das, was einmal war.“ Schorlemmer erklärte: „Junge Leute müssen begreifen, es ist ihre Welt.“ Den passenden Schlusspunkt setzte nach zwei Stunden Gespräch Warnfried Altmann. Der Musiker verknüpfte per Saxophon die Nationalhymnen der DDR und der BRD — spickte sie mit Misstönen, spielte aber auch klare Abschnitte. Wächst nun endlich zusammen, was zusammen gehört?














