Interview von Nele Baumann
OZelot: Kaya, seit Januar hast du eine neue Show auf RTL und tourst gleichzeitig mit deinem Programm „All Inclusive“ durch Deutschland. Auf der Bühne oder vor der Kamera: Wo fühlst du dich wohler?
Kaya Yanar: Auf der Bühne, ganz klar. Da ist man sein eigener Chef, ist nicht an Kameraabläufe, Redaktionssitzungen und so gebunden. Ein direkter Draht zum Publikum ist hier besonders wichtig. Man muss mit seinem Talent und seiner Bühnenpräsenz das Publikum bespaßen. Die Freiheit auf der Bühne ist durch nichts zu ersetzen.
OZelot: Und womit verbringst du mehr Zeit?
Kaya: Ich glaub‘, das hält sich die Waage: Ich hab so 70 Auftritte im Jahr. Da fahr‘ ich viel herum, übernachte in Hotels. Da geht natürlich viel Zeit drauf.
Andererseits dauert ein Auftritt nur so zwei Stunden, während es bei Fernsehproduktionen manchmal 17-Stunden-Drehtage gibt.
OZelot: Willst du denn auch langfristig beides parallel machen oder mit einem aufhören?
Kaya: Ich finde es super, dass ich tauschen kann, auch mal einen Kinofilm drehen kann. Allerdings kann ich mir ein Leben ohne Film und Fernsehen vorstellen, aber die Bühne — Wär‘ schön toll, wenn ich die nächsten 30 Jahre noch auf ihr stehen könnte.
OZelot: Wenn dein Konzept weiterhin aufgeht, könnte das ja hinhauen. Wie hast du das eigentlich entwickelt? Du nimmst ja Ausländer und mit Vorliebe Deutschtürken auf die Schippe.
Kaya: Ich habe in meiner Pubertät, so mit 15, das erste Mal Eddie Murphy entdeckt, ein Standup-Programm. Das hatte mir ein Freund aus Chicago auf ‘ner VHS-Kassette mitgebracht. Ich hab‘ Tränen gelacht und merkte plötzlich: Was er mit Schwarzen und Weißen in seiner Comedy verarbeitet hat, da habe ich mich wiedergefunden. Und da dachte ich nur:
Mensch, das braucht Deutschland eigentlich auch.
OZelot: Dann hast du dir einfach dein eigenes Programm ausgedacht? Mit Deutschen und Türken statt Schwarzen und Weißen?
Kaya: Ich hab‘ damals natürlich noch nicht daran gedacht, dass ich Comedian werden könnte. Aber ich habe vor meinen deutschen und türkischen Freunden immer Eddy nachgeäfft und sie haben sich kaputt gelacht. Aber nicht wegen Eddie Murphys Gags, sondern wegen meiner Art, zu erzählen. Da hab‘ ich mir dann überlegt, mir mal was Eigenes auszudenken. Mit Anfang 20 hab‘ ich die ersten Lines geschrieben.
OZelot: Wenn deine Freunde mit 15 über dich gelacht haben: Hast du dich da nie veräppelt gefühlt?
Kaya: Manchmal schon. Zum Beispiel hab‘ ich mal meinen strengen Vater nachgemacht: „Ey, wenn de deine Hausaufgaben nischt machst, pass auf.“ Da haben alle gelacht und ich hab‘ nicht verstanden, dass meine Imitation und nicht der Inhalt so lustig war.
OZelot: Dein Türken-Slang klingt wirklich lustig. Hast du dir das antrainieren müssen? Du redest ja sonst hochdeutsch.
Kaya: Nee, den Slang haben mir meine Eltern ja vorgelebt. Mein Vater hat radebrechend gesprochen, meine Mutter hat bis heute noch einen starken Akzent. Für mich war es normal, dass ich switchen konnte zwischen Radebrechen und Hochdeutsch. Das war für mich wie zweisprachig aufwachsen.
OZelot: Aber türkisch sprichst du nicht?
Kaya: Nur ein paar Worte. Es wäre eine Beleidigung für jeden Türken, das als Türkisch zu bezeichnen, aber irgendwie durchschlagen könnte ich mich in der Türkei. Die hören aber, dass ich in Deutschland aufgewachsen bin. Deshalb heißen wir da auch Deutschländer.
OZelot: Mit genau diesem Thema hast du dir ja einen Namen gemacht. In deinem aktuellen Programm kommen aber kaum noch Türkenwitze vor. Warum?
Kaya: Ja, von 110 Minuten sind tatsächlich nur noch fünf zu diesem Thema. Das habe ich mit „Made in Germany“ einfach abgefrühstückt. Ich hab‘ mich da einfach auserzählt, was meine türkische Kindheit, meinen Akzent, meinen Vater betrifft. Deswegen widme ich mich jetzt neuen Akzenten: denen der Schweizer, der Chinesen oder der Holländer zum Beispiel.
OZelot: Nach welchen Kriterien suchst du dir die Akzente aus?
Kaya: Nach persönlichen Erfahrungen und nach Belustigungsgrad. Ich hatte oft mit Chinesen zu tun und fand es amüsant, wie sie gesprochen haben. Auch wenn ich in der Schweiz bin, achte ich auf die Sprache und lasse das in mein Programm mit einfließen. So ist bei den Schweizern immer alles ganz niedlich mit einem „i“ am Ende und läuft irgendwie in Wogen ab, geht immer rauf und runter.
OZelot: Kommen denn auch böse Briefe oder Anrufe? Von Leuten, die sich angegriffen fühlen?
Kaya: Die negativste Reaktion ist, mich zu ignorieren. Das find‘ ich auch ok: Ich schreib‘ ja auch nicht jedem Honk, den ich nicht mag.
OZelot: Hat dich auch keiner als ausländerfeindlich bezeichnet?
Kaya: Nur ganz am Anfang mal. Bis sie gemerkt haben, wie viel Selbstironie in den Witzen steckt. Außerdem ist jeder armselig, der sich nur über seine Nationalität definiert. Da kann man sich nur von emanzipieren, indem man sich selber nicht so ernst nimmt.
OZelot: Mit diesem Ansatz warst du ja mal eine Art Vorreiter. Inzwischen gibt es aber noch andere, die Türken- und Ausländerwitze auch auf eigene Kosten machen, wie etwa Bülent Ceylan. Bestätigt dich das oder empfindest du es als unangenehme Konkurrenzsituation?
Kaya: Ich seh‘ das positiv. Es gibt ja mehrere, die jetzt diesen türkischen Proll spielen. Da sag‘ ich auch: Ein bisschen einfallsreicher wär‘ nicht schlecht.
Wenn die Leute aber ihr Publikum finden, ist das doch super. Wir sind in der Comedy und möchten Leute zum Lachen bringen. Die sollen machen, was sie für richtig halten — und ich auch. Dadurch fühle ich mich aber nicht bedrängt. Außerdem hat noch keiner einen Inder im Programm wie ich.
OZelot: Aber tragen deine Witze tatsächlich zur Völkerverständigung bei? Du hast ja mal einen Preis dafür gewonnen.
Kaya: Wenn man sich bestimmte E-Mails anschaut, die wir bekommen haben, kann man das so sehen. Da schrieb einer, dass er Türken nicht mochte, bevor er meine Show gesehen hat. Oder Türken, die gesagt haben: Plötzlich kann ich über mich lachen. Ob das Einzelfälle sind oder eine Breitenwirkung, keine Ahnung. Lachen an sich verbindet alle Völker.
OZelot: Gibt es denn Themen, die für dich tabu sind?
Kaya: Ja, Religion, Krankheiten, Tragödien wie jetzt die Kältewelle in der Ukraine oder das Unglück der Costa Concordia. Da kann man keine Witze drüber machen, weil hier Menschen gestorben sind. Es darf nicht verletzend und pietätlos sein.
OZelot: Du stehst ja jetzt hier in MV auf der Bühne, einem Bundesland mit wenig Ausländern. Kommt deine Art Humor da trotzdem an? Obwohl der Türkenslang zum Beispiel hier nicht zum Alltag gehört?
Kaya: Es geht ja auch um Auslandserfahrungen, und der Deutsche reist ja sehr viel und steht anderen Kulturen offen gegenüber. Im Ruhrgebiet lachen aber wahrscheinlich mehr aus Identifikationsgründen als hier.
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