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Bad Doberan 86-Jährige kümmert sich ums Dorf
Mecklenburg Bad Doberan

86-Jährige kümmert sich ums Dorf

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20:00 14.02.2020
Helga Spohde mit einer Zuchtkartenkopie und der Skulptur einer 1978 geborenen 67er Kuh – einer Kreuzung aus Charolais und Simmentaler. Quelle: Thomas Hoppe
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Alt Karin

Sie ist stark, sie ist ohne Internet vernetzt, sie ist bodenständig. Diese Frau steht ihren Mann und sieht in solchen Redewendungen nichts Anstößiges: „Ich bin Diplom-Landwirt und nicht Landwirtin! So heißt der Beruf und da sind alle gleichwertig, die diesen ausüben. Warum soll man das in männlich und weiblich trennen?"

Der Vater von Helga Spohde hatte sich im Januar 1934 wohl nach seiner ersten Tochter noch ein Söhnchen gewünscht – doch ein zweiten Mädchen erblickte die Welt im ostpreußischen Groß Lindenau nahe Königsberg. „Na macht nichts“, soll er zu seiner Frau gesagt haben. Doch sein Mädchen machte sich gut: in der Schule, an der Universität, im Beruf und in der Gemeinde. Der Vater konnte das nicht erleben, weil er als Volkssturmmann bei der Flüchtlingsbetreuung in Pillau (heute Baltijsk) von einer Granate tödlich getroffen wurde.

Dieser Krieg, der vor 75 Jahren endete, zeitigt lange Folgen. „Ein Teenager-Alter habe ich nie erlebt – ich bin vom Kind zum Erwachsenen geworden“, schätzt Helga Spohde ein.

Mit zehn wurde sie „wegen der näherrückenden Front“ für zweieinhalb Jahre auch von ihrer Mutter getrennt und kam zum Onkel nach Halle. Ihre Heimat sah sie erst Jahrzehnte später wieder, als Touristin.

Seit Anfang des 17. Jahrhunderts hatte der Familie Spod, später Spohde, in Ostpreußen ein Hof gehört. Doch die Eltern von Helga Spohde waren Lehrer und erst ihre zweite Tochter näherte sich dieser langen Familientradition wieder an – etwas und auf ganz andere Art, aber mit Leib und Seele.

Mit dem Betriebs-P 70 an die Küste

Das Volkseigene Gut (VEG) Alt Karin konnte für seine damals fast 300 Kühe einen Zuchtexperten gut gebrauchen. Da der damals vormundschaftliche Staat bestimmt hatte, dass auch die Diplomlandwirte der Hallenser Bezirksinspektion für Tuberkulose- und Brucellose-Bekämpfung im Norden der Republik dem „sozialistischen Frühling in der Landwirtschaft“ quasi zum Sommer verhelfen sollten, musste Helga Spohde ihre Siebensachen in ihren Dienst-P 70 für einen Umzug verladen.

Eigentlich sollte es in den Bezirk Neubrandenburg gehen, wo die wichtigsten LPG-Positionen zu besetzen waren: „So ein Blödsinn, ein Landwirt muss doch sein Land kennen. Man konnte den Bauern vor Ort doch nicht Fremde vor die Nase setzen, auch wenn sie gut ausgebildet waren“, schickt Helga Spohde dieser Idee hinterher.

Ihr wurde zumindest erlaubt, in die Nähe von Bad Doberan zu ziehen, weil dort ihre Schwester als Gymnasiallehrerin arbeitete und ihre Mutter aus Halle zu ihren Töchtern mitkommen konnte. Das Dienst-Auto nahm der Staat, der später selbst verschwand, nach zwei Monaten wieder weg, aber die junge Frau blieb am „Delegierungsort“: seit dem 1. Mai 1962.

28-Jährige fühlte sich im Dorf angekommen

Die Leitungen wurden im Dorf gerade erst verlegt, das Wasser kam noch aus der Pumpe. Die Kühe gaben im Schnitt jeweils nur 1700 Liter Milch im Jahr. Trotzdem fühlte sich die 28-Jährige angekommen: „Ich war in einem Dorf aufgewachsen und die Stadt behagte mir nicht.“

Als das VEG von zentraler Stelle den Auftrag zum Aufbau einer Fleischrindzucht erhalten hatte, kamen 110 in Frankreich erworbene Charolais-Kühe auf die 100 Hektar der „Koppel im Stück “ von Alt Karin. Sie kamen unter Führung von Tierzuchtleiterin Helga Spohde mit 140 reinrassigen Höhenfleckvieh-Tieren aus Thüringen (Simmentaler) zusammen. Die gekreutzten Tiere wurde 67er genannt, zusammengesetzt aus den Rassennummern der Eltern.

Uckermärker müssten eigentlich Kariner heißen

Bis zur Wende hatten die Alt Kariner bereits drei Generationen dieser 67er in sich gepaart. „Taugt nichts, das ist eine Gebrauchskreuzung, weg damit“, sollen es geheißen haben, als es ums Überleben des landwirtschaftlichen Unternehmens in Alt Karin ging. „Die meisten unserer besten Zuchttiere sind zum Schlachten weggegangen, erst musste ich gehen und dann die Tiere“, sagt Helga Spohde, die 1990 in den Vorruhestand geschickt wurde, weil nach der D-Mark-Einführung Subventionen versiegten und es nicht mehr genug Geld im Lohnfonds gab.

Professoren der Rostocker Universität, von der Vereinigung Volkseigener Betriebe (VVB) und vom Dummerstorfer Institut für Tierzuchtforschung retteten schließlich die 67er Kreuzung aus Alt Karin – Uckermärker ist ihr heute anerkannter Rassenname. „Aber sie müssten eigentlich Kariner heißen, sie sind ja hier entstanden“, betont die Frau, die gemeinsam mit ihrem damaligen Team die ersten 67er züchtete.

Ostpreußen bleibt nach wie vor die Heimat

Auch wenn ihre Heimat nach wie vor Ostpreußen bleibt, wie sie erklärt, und sie „im Prinzip keine Alt Karinerin“ sei, Helga Spohde ist mit dem Dorf eng verbunden, sehr eng: Die Alleinstehende lebt nicht nur in ihrer heutigen Wohnung seit 1964, sondern saß auch zwanzig Jahre als Volksvertreterin im Gemeinderat, seit 1994 ist sie Stammgast der hiesigen Gemeinderatssitzungen, möchte immer auf dem aktuellen Stand sein und sagt zu ihrem Engagement: „Natürlich habe ich Kontakte im Dorf, gehe heutzutage auch zur Runde der ,Montagsfrauen’, arbeite im Kirchgemeinderat mit und singe wieder im Volksliederchor Kamin/Moitin. Ich kann hier ja nicht durchs Dorf laufen, die Leute arbeiten und ich drehe Däumchen.“

Siebzehn Jahre lang half sie einem ehemaligen Arbeitskollegen in Neu Karin auf dessen Hof, auch „als Sekretär, als Chauffeur, als Gärtnerbursche und Küchenjunge“.

Grundsätzlich hält sie es für richtig, „dass Menschen sich dafür einsetzen, dass das, wo sie leben, auch in Ordnung bleibt.“

Eine Devise, die sie nicht nur alljährlich an den Umwelttagen der Gemeinde teilnehmen lässt – nur in diesem Jahr, am 4. April, wird sie wegen einer Kur fehlen – Helga Spohde mache, was sie noch machen könne. So sagt sie es. „Ich möchte mich natürlich einbringen in dem Dorf, in dem ich lebe. Auch wenn viele einem fremd geworden sind.“ Wenn hier etwas organisiert wird, sei sie immer dabei: „Das gehört sich einfach, auch wenn viele nicht kommen.“

Von Thomas Hoppe

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