Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Bad Doberan Als die Wende nach Kühlungsborn kam
Mecklenburg Bad Doberan Als die Wende nach Kühlungsborn kam
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:43 10.11.2019
Haben gut Lachen: Für Peter und Annelie Schmidt und Marita Karl (r.), ehemalige Mitglieder des Neuen Forums, ist nach der Wende alles gut verlaufen. Quelle: Cora Meyer
Anzeige
Kühlungsborn

So richtig ernst wurde es in Kühlungsborn am 2. November 1989. „Da war die erste Demonstration im Ort“, sagt Peter Schmidt am Samstagabend im Hotel Polar-Stern bei einer Gedenkveranstaltung zum Mauerfall. Der Kühlungsborner war damals Mitglied des Neuen Forums. Etwa 800 Leute hatten vorher an einem Friedensgebet in der Johanniskirche teilgenommen, 300 von ihnen zogen anschließend durch den Ort. „Für eine Stadt wie Kühlungsborn ist das schon ganz ordentlich“, sagte Volker Höffer, Leiter des Stasi-Unterlagen-Archivs in Rostock, vor über 100 Besuchern.

Die Jungen machten den Anfang

Vom Pastor der evangelisch-methodistischen Kirchengemeinde, Thomas Steinbacher, ging damals ein wichtiger Impuls für die Gründung der Kühlungsborner Gruppe des Neuen Forums aus. An der Gründung beteiligt war auch die Tochter von Annelie und Peter Schmidt, damals 17 Jahre alt. „Da haben wir uns gedacht, wir können das nicht den Kindern überlassen“, sagt Annelie Schmidt. „Wir müssen jetzt endlich selbst was tun.“

Ganz ohne Überwindung ging das nicht. „Ich hatte solche Angst“, sagt Marita Karl, die über Kollegen der PGH „Vorwärts“ zum Neuen Forum gekommen war. Ihr Mann Rainer und sie seien nie gemeinsam zu Veranstaltungen gegangen – aus Angst vor Verhaftungen. „Einer musste bei den Kindern bleiben, man wusste ja nicht, ob man wiederkommt.“ Ganz unbegründet war diese Angst nicht. Das Politbüro habe sich zwar für eine friedliche Auseinandersetzung mit den Demonstrationen entschieden, sagt Volker Höffer. „Die Teilnehmer konnten aber nur hoffen, dass das so bleibt.“ So hatte die Stasi seinen Angaben zufolge während der Veranstaltungen in einem Bericht notiert „Wind aus Nordost, Einsatz chemischer Mittel möglich“. „Es stand immer Spitz auf Knopf.“

Überwachung war allgegenwärtig

Die Mitglieder des „Neuen Forum“ in Kühlungsborn versammelten sich in der Anfangszeit bei Wolfgang Stange. „Dort haben wir beratschlagt, was wir machen. Und wir haben uns geschworen, wenn einer von uns verhaftet wird, gehen wir so lange auf die Straße, bis er wieder frei ist.“ Annelie Schmidt war damals Lehrerin. „Da stand man unter einem ganz besonderen Druck.“ Sie habe vor Angst gezittert, wenn ihr Mann öffentlich für das Neue Forum sprach.

Ein Thema war der Protest schon länger, nicht nur bei den Familien Karl und Schmidt, sagen sie. „Zu Anfang ging er von den jungen Leuten aus. „Die hatten weniger Angst“, sagt Volker Höffer. „Die Überwachung war in der DDR für alle spürbar.“ Der Leiter des Stasi-Unterlagen-Archivs zeigte im Wintergarten des Hotels Fotos und Ausschnitte aus Überwachungsvideos. Zu sehen waren darauf unter anderem Joachim Gauck und Harald Terpe. „Auch die Erfahrungen mit der Stagnation der Wirtschaft und der Mangelversorgung teilten alle“, sagt Volker Höffer.

Zeit der Ungewissheit

„Bei uns in der Firma waren 15 Leute allein mit der Materialbeschaffung beschäftigt“, sagt Peter Schmidt. Die seien wegen Schrauben bis nach Sachsen gefahren. Um etwas zu erreichen, wurde man durchaus kreativ. „So ist die Schwimmhalle in Kühlungsborn entstanden“, sagt Peter Schmidt. „Wir haben denen im Süden Ferienplätze angeboten, dafür haben sie zugesagt, uns die Schwimmhalle zu bauen.“

Nach dem Umbruch folgte eine Zeit der Ungewissheit. „Die Regierenden hofften, das Ruder noch mal herumzudrehen“, sagt Volker Höffer. Das führte auch bei den Lehrern zu Verunsicherung. „Unsere Tochter kam weinend nach Hause“, sagt Marita Karl, „weil die Lehrer gar nicht wussten, wie sie den Kindern vermitteln sollten, was los ist.“

Für die Schmidts war die Wende eine Befreiung: „Wir konnten glücklicher nicht sein“, sagt Peter Schmidt. „Aber für uns ist auch alles gut verlaufen. Ich bin selbstständig, meine Frau war Schulleiterin. Für uns war alles gut. Wir wissen aber, dass es auch andere gibt, bei denen das nicht so ist.“

Mehr zum Thema:

Kreativ, subversiv, plakativ: Das waren die Losungen der Demonstranten 1989 in MV

Feier am Brandenburger Tor: Steinmeier warnt vor neuen Mauern

Ex-DDR-Regierungschef Krenz: „Es gibt keine Gleichheit der Deutschen“

Arbeitszimmer im Carport: So lebt Ex-DDR-Regierungschef Egon Krenz heute

30 Jahre Mauerfall: Diese Songs wurden Soundtrack zur Wende

Von Cora Meyer

Die Münsterstadt und Bad Schwartau in Schleswig-Holstein sind seit 30 Jahren verbunden. Zur Feier des Tages reiste eine große Delegation an – und brachte ein leckeres Geschenk mit.

10.11.2019

Rund 130 Einsatzkräfte von Bundeswehr, Feuerwehren, Rettungsdienst und Flughafenbetreiber haben am 9. November erstmals die Bewältigung eines Hubschrauberabsturzes am Flughafen Laage geübt.

10.11.2019

In einer Bildergalerie zeigt die OZ historische und neue Aufnahmen von markanten Gebäuden aus Mecklenburg und erzählt ihre Geschichte. Teil 5: Das Zisterzienserkloster zum Heiligen Kreuz in Rostock, das Verwaltungsgebäude in Grevesmühlen, der See-Grenzbeobachtungsturm in Kühlungsborn, die Wasserkunst auf dem Marktplatz in Wismar.

09.11.2019