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Bad Doberan Auf Negativ gebannt: Der Molli im Jahrhundertwinter
Mecklenburg Bad Doberan Auf Negativ gebannt: Der Molli im Jahrhundertwinter
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17:00 29.01.2019
Gerhard Töppel hat in Kühlungsborn und Umgebung mit seiner Exakta VX 500-Kamera zahlreiche Aufnahmen im Jahrhundertwinter 1978/79 gemacht. Quelle: Gerhard Töppel
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Kühlungsborn

Gerald Töppel wohnt gerade ein halbes Jahr in Kühlungsborn als der Jahrhundertwinter die Ostseeküste erfasst. Fluch und Segen: Während viele Menschen im Land unter den Bedingungen leiden und mit Heizungs- und Stromausfällen zu kämpfen haben, freuen sich Hobbyfotografen wie Töppel über die tollen Motive eines einmaligen Naturschauspiels.

Im Jahr 1972 zieht es den aus Kirschnau in Sachsen stammenden Gerald Töppel an die Ostsee. „Ich hatte gerade meine Ausbildung zum Elektriker abgeschlossen und musste nun meinen Grundwehrdienst bei der NVA ableisten.“ Töppel lernt die neue Umgebung und auch eine Frau lieben. Beides bringt ihn dazu, zu bleiben. Nach dem Wehrdienst wird der heute 65-Jährige Standhaltungstechniker bei der Warnowwerft. Er lebt drei Jahre in einem Warnemünder Wohnheim, „das Haus der Werftarbeiter“. Er teilt sich zeitweise mit drei Männern ein Zimmer. „Es herrschte Wohnungsnot“, sagt Töppel heute.

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Külungsborn im Schnee: Ein paar der Aufnahmen von Hobbyfotograf Gerhard Töppel sehen Sie in der folgenden Bildergalerie.

Landschaften und nackte Körper

Erst nach drei Jahren bekommt er eine eigene Unterkunft und so zieht Töppel im Frühsommer 1978 nach Kühlungsborn. Seine Wohnung hat einen Dauerbrand-Kachelofen und liegt in direkter Nähe vom Bahnhof. In dieser Zeit beginnt auch seine Affinität für Fotografie. Seine Lieblingsmotive: Landschaften und nackte Körper (Akt-Fotografie). Er tritt dem Colorclub Rostock, ein Verein für Hobbyfotografen, bei.

Als kurz vor dem Jahreswechsel ein stabiles Hochdruckgebiet aus Skandinavien auf ein Tiefdruckgebiet aus Südeuropa trifft, formiert sich ein schwerer Schneesturm, der folgend den gesamten Norden der DDR lahmlegt. Das bekommt auch Gerlad Töppel zu spüren. Denn als er sich wie üblich in Richtung Haltestelle aufmacht, von der ein Bus die Arbeiter der Umgebung zur Werft bringt, wartet er lange. Zu lange. „Wir haben dann gehört, dass die Strecke nach Warnemünde dicht ist und wir uns beim Rat der Stadt melden sollen“, sagt Töppel.

Mit der Schaufel gegen die Massen

Dort bekommt er eine Schaufel in die Hand. „Wir wurden alle zum Schneeschippen eingeteilt“, sagt Töppel. Alle Arbeiter werden registriert und erhalten einen Beleg. Mit dem können sie ihrem Arbeitgeber nachweisen, dass sie trotz des Arbeitsausfalles etwas getan haben. Mehrere Tage ist Töppel fortan damit beschäftigt, Straßen und Wege in Kühlungsborn zu räumen. Etwa sechs Stunden pro Schicht kämpft er mit vielen anderen gegen die weißen Massen.

„Am 31.12. sprach sich dann herum, dass der Molli wegen eines Schienenbruchs nicht mehr weiterkommt.“ Töppel reagiert schnell. Er schnürt sich die Stiefel, zieht sich Jacke, Schal und Mütze über und greift seine Exakta VX 500-Spiegelreflexkamera. „Das war damals ein Mittelklassemodell“, sagt er heute über das Stück, das immer noch in seinem Besitz ist. Töppel muss nicht lange gehen. Nicht weit vom Bahnhof entfernt sieht er schon die charakteristische Dampflokomotive vor einem Bahnübergang stehen. Er schaut nach einem geeigneten Motiv und „klick“: Er knipst das Foto, was nun, etwa 40 Jahre später, in dieser Ausgabe abgebildet ist.

Eine extreme Situation

Gerhard Töppel hat ein Archiv zahlreicher Fotonegative: Darunter auch alte Aufnahmen aus Kühlungsborn. Quelle: Moritz Naumann

Heute lebt Töppel in Rostock. Er ist immer noch Mitglied im Colorclub und hortet in seinem Wohnzimmerschrank zahlreiche Ordner mit Fotografien und Negativen der letzten Jahrzehnte. „Dieser Wintereinbruch war schon etwas Besonderes - eine extreme Situation mit tollen Motiven“, sagt Töppel heute resümierend, während er eine Negativpappe betrachtet. Auf die Frage, was er glaubt, wie man heute mit so einer Witterung zurecht käme, richtet sich sein Blick und er antwortet schnell: „Schlechter. Wir sind in allen Lebensbereichen so abhängig vom Strom. Stellen Sie sich mal vor, der fällt heute länger aus.“

Die Schneemassen sorgten damals für spektakuläre Motive in ganz MV. Klicken Sie sich hier durch die Bildergalerie:

Mehr hier:

Moritz Naumann