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Bad Doberan Erstaunliche Erkenntnisse nach Grabungen in Bad Doberan
Mecklenburg Bad Doberan Erstaunliche Erkenntnisse nach Grabungen in Bad Doberan
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06:00 09.08.2019
Lars Saalow, Dezernent für urgeschichtliche Siedlungen, zeigt eine Bügelknopffibel aus dem 4. Jahrhundert, die bei Grabungen an der Nienhäger Chaussee gefunden wurde. Quelle: Anja Levien
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Bad Doberan

Mit der Baggerschaufel wird die Erde auf dem Grundstück an der Nienhäger Chaussee weggeschoben. Für die Mitarbeiter des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege ist schnell ersichtlich: Hier stand mal ein Haus – vor mehr als 2600 Jahren. Sie beginnen damit, die Befunde auf dem Boden mit einem roten Band zu markieren, auszumessen, zu zeichnen und Profilschnitte anzulegen.

Seit Ende Mai finden auf der Fläche zwischen Nienhäger Chaussee und Thünenhof archäologische Grabungen statt. Nicht die ersten in Bad Doberan. 2016 gab es Untersuchungen für das neue Wohngebiet zwischen Dammchaussee und Randstraße, 2018 im Gewerbegebiet Eikboom. Beide Grabungen haben erstaunliche Erkenntnisse gebracht.

Frank Mewis zeigt Lars Saalow eine Fibel, die jetzt bei den Grabungen gefunden wurde. „Das ist eine Gewandschließe, wie eine Sicherheitsnadel“, erläutert Saalow, Dezernent für urgeschichtliche Siedlungen beim Landesamt für Kultur und Denkmalpflege. Er datiert die Fibel in die späte Kaiserzeit, 4. Jahrhundert. „Die Form ist klassisch fürs 4. Jahrhundert. Es ist ein besonderes Stück, weil die Bügelknopffibel eigentlich nur einen Endknopf hat. Diese hat mehrere Knöpfe.“

Funde in 80er Jahren geben Hinweise

Mitarbeiter des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege MV graben in Bad Doberan an der Nienhäger Chaussee. Hier gibt es Nachweise einer Besiedlung aus der römischen Kaiserzeit sowie der Bronzezeit. Quelle: Anja Levien

Dass die Archäologen hier fündig werden, war zu erwarten. „Es gab hier archäologische Oberflächenfunde in den 80er Jahren“, erläutert Lars Saalow. „Da war klar, hier ist eine Fläche, wo es eine gute Befunderhaltung gibt.“ Bis zu 70 Zentimeter tief graben die Männer in den Boden. An mehreren Stellen erkennen sie Spuren von Holzpfosten. „Dann wissen wir, hier stand ein Haus.“

Für die Dokumentation wird auch ein Profilschnitt vorgenommen. Heißt, an dieser Stelle wird noch mal tiefer gegraben, um zu sehen, wie tief der Pfosten stand, war er zugespitzt oder flach.

Im Profilschnitt ist klar erkennbar, wo der Holzpfosten endete. Die schwarze Erde ist der Bereich, in dem sich der Holzpflock in der Bronzezeit befunden hat. Quelle: Anja Levien

Die Mitarbeiter des Landesamtes haben Befunde aus der Bronzezeit (1900 bis 600 v. Chr.) und der römischen Kaiserzeit (3. und 4. Jahrhundert) dokumentiert. „Metallfunde werden restauratorisch begutachtet. Alle Funde aus Metall, Stein, Ton werden gereinigt und ausgewertet“, sagt Lars Saalow. Zur Aufbewahrung kommen sie ins Magazin. „Sie stehen für weitere Auswertungen und Forschung zur Verfügung.“

Hinweise auf mehrere Einzelgräber im neuen Wohngebiet

Die Grabungen aus 2016 und 2018 sind bereits ausgewertet. Im neuen Wohngebiet konnte eine Besiedlung in der Bronzezeit nachgewiesen werden. Als erstaunlich und herausragend bezeichnet Lars Saalow den Fund mehrerer Gräber. „Es sind fünf bis sechs Einzelgräber, die kennen wir so in der Menge nicht.“ Dabei handele es sich nicht um einen Friedhof, wie wir ihn heute kennen. Diese Bestattungsform sei erst mit dem Christentum gekommen. Aber: „Es gibt Hinweise, dass es Nekropolen sind, also Bestattungsplätze.“

Grabungszeichner André Buick fertigt bei Grabungen zwischen Dammchaussee und Randstraße 2016 Skizzen von einem Profilschnitt an. Quelle: Anja Levien

Die Befunde gäben zudem Hinweise, wie die Menschen in der Bronzezeit gelebt haben. Was wurde angebaut, wie haben die Siedlungen funktioniert. „Man merkt bei den Ausgrabungen, dass der Ort hier intensiv besiedelt war“, sagt der Dezernent.

Mehr als 300 Rennöfen auf Fläche im Gewerbegebiet

Bei den Grabungen auf dem Grundstück im Gewerbegebiet Eikboom, wo heute das neue THW-Domizil steht, wurden zwar Hinweise auf eine Besiedlung im 3. und 4. Jahrhundert gefunden, aber vielmehr noch Erkenntnisse über einen Werkplatz gewonnen. „Hier wurde Raseneisenerz verhüttet“, sagt Saalow. Mehr als 300 Rennöfen seien festgestellt worden. Die Schachtöfen waren in den Boden gebaut und konnten nur einmal verwendet werden, da das Eisenerz sich am Boden sammelte. Um daran zu gelangen, musste der Schacht zerschlagen werden, erläutert Saalow. „Zwei bis drei Kilogramm Eisen wurden im Jahr pro Gehöft gebraucht.“

Reste aus einem Rennofen sind an der Nienhäger Chaussee gefunden worden. Quelle: Anja Levien

So ein Rennofen findet sich auch auf dem Grundstück an der Nienhäger Chaussee. In einem Haufen dunkler Erde erkennen die Fachmänner Schlacke, der Schmelzrückstand. Frank Mewis hält den Befund fotografisch fest.

Durch die Grabungen hätten die Archäologen viele Erkenntnisse erhalten, die sie vorher nicht hatten. „Die Ausgrabungen liefern viele Ergebnisse zu den Besiedlungen in verschiedenen Zeitstufen“, sagt Lars Saalow. „Wir verstehen, wie die Leute gelebt und sich organisiert haben.“

Ein Grund für die vielen Siedlungen sei auch, dass die Familien gewandert seien. Die Holzhäuser hätten etwa eine Generation gehalten. Daneben fanden sich die Felder, die irgendwann aber erschöpft waren.

Überraschender Befund im Gewerbegebiet

Einen Befund, mit dem man laut Saalow nicht rechnet, gab es im Gewerbegebiet. „Wir haben acht Kilogramm Leichenbrand gefunden, der nicht nur von einer Person sein konnte.“ Die Auswertung habe ergeben: Es handelte sich um ein Grab mit Frauen und Kindern, die auch Opfer von Gewalt geworden waren. So ein Massengrab aus der Bronzezeit sei in Mecklenburg-Vorpommern bisher nicht gefunden worden.

Im Jahr fänden bis zu 300 Ausgrabungen in Mecklenburg-Vorpommern statt, so Saalow. An der Nienhäger Chaussee voraussichtlich noch bis September.

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Von Anja Levien

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