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Bad Doberan Exodus in der Uni-Klinik?
Mecklenburg Bad Doberan Exodus in der Uni-Klinik?
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00:00 20.01.2018
Hat genug von den Umständen in der Rostocker Uni-Klinik: Prof. Dr. Anselm Jünemann. Quelle: Fotos: Dietmar Lilienthal
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Rostock. Die Rostocker Universitätsmedizin gilt als Lieblingskrankenhaus der Landesregierung: Seit Jahren fährt sie Millionen-Gewinne ein (6,7 Millionen Euro im Jahr 2016) und gerade erst wurde Vorstandschef Christian Schmidt zum „Klinik-Manager des Jahres“ in Deutschland gekürt. Doch hinter den Kulissen brodelt es gewaltig – vor allem bei den Ärzten. Zu viel Fokus auf Wirtschaftlichkeit, zu wenig Zeit für Forschung und Lehre. So lautet der Vorwurf. Nun verlässt der erste Spitzen-Forscher aus genau diesen Gründen Rostock: Prof. Dr. Anselm Jünemann, Chef der Augenklinik, hat gekündigt.

2014 kam der Fachmann für Glaukome – dem „grünen Star“ – aus Erlangen an die Warnow. Mehrfach war Jünemann ausgezeichnet worden. Nach nicht mal vier Jahren ist Schluss: „Ja, ich habe gekündigt“, bestätigte Jünemann der OZ. Er sei in Rostock mit dem Anspruch angetreten, „einen Leuchtturm der Augen-Medizin“ aufzubauen – doch das sei unter den Umständen nicht möglich: „Es ist in der Tat so, dass die Personaldecke sehr dünn ist. Das gilt für die gesamte Uni-Medizin in Rostock, nicht nur für die Augenklinik.“

Für ihn ist das Limit erreicht: „Wir bewegen uns an der Grenze des Akzeptablen.“ Weil permanent Personal fehlt, seien die Ärzte im Dauerstress und überlastet: „Das birgt viel Potenzial, dass etwas schief läuft – zum Beispiel, wenn keine richtigen Übergaben mehr stattfinden können, weil die Stationsärzte fast täglich wechseln. Ich bin so etwas nicht gewohnt.“ Jünemann wurde unter anderem bundesweit bekannt, als er erfolgreich den Grauen Star von Gorilla „Assumbo“ aus dem Rostocker Zoo behandelte. Und noch etwas soll den Augenarzt gestört haben: Jünemann gilt als Koryphäe auf dem Gebiet der Mikrochirurgie. Die Wartezeit auf einen stationären Operationstermin aber nimmt weiter zu und beträgt mittlerweile fast ein halbes Jahr. Jünemann: „Die Knappheit des OP-Personals erlaubt es uns häufig nicht, alle OP-Säle zu betreiben.“ Aus Jünemanns Sicht trage der Vorstand die Verantwortung für die Entwicklung: Alles werde auf Wirtschaftlichkeit getrimmt. „Die Klinik blüht. Wir hatten 2017 fast 1000 Patienten mehr im OP. Die Zahl der ambulanten Behandlungen konnten wir verdoppeln, den Gewinn steigern. Aber das ist nun mal nicht die primäre Aufgabe von Ärzten“, so der scheidende Direktor. Der Fokus der Professoren an einer Uni-Klinik habe aus Jünemanns Sicht auf der Forschung und Lehre zu liegen: „Für beides bleibt zu wenig Zeit und zu wenig Geld. Die Lehre läuft parallel, quasi nebenbei“, so Jünemann. Und weiter: „Die Forschung machen wir nach Feierabend. Wenn wir es denn schaffen, genügend Mittel von Dritten einzuwerben.“

Gleich mehrere Klinik-Leiter der Uni-Medizin bestätigen den Unmut der Ärzte. „Im Fakultätsrat ist die Personalnot immer wieder Thema“, sagt ein Professor, der anonym bleiben möchte. Der Experte gibt dem Land eine Mitschuld an der Lage: So habe Schwerin die Mittel für den Hochschulbau zurückgefahren. Nun müsse die Uni einen Teil der Kosten für ihre Neubauten – das neue Zentralgebäude und auch das Forschungszentrum „Biomedicum“ – selbst aufbringen. „Das Land nimmt seine Pflichten nicht wahr – das ist der eigentliche Skandal“, so der leitende Arzt. Auch er bestätigt, dass kaum Zeit für Forschung und Lehre bleibe: „Wir bilden ja nicht mal die Assistenzärzte vernünftig weiter.“ Die Uniklinik Greifswald zum Beispiel – die zweite Klinik unter Landesregie – liefere in puncto Forschung mehr. Aber: Weil Greifswald seit Jahren Millionen-Verluste macht, soll der Rostocker Vorstandschef Schmidt da nun auch die Zahlen „in den Griff bekommen“.

Deutliche Worte findet auch Prof. Dr. Attila Altiner. Er leitet das Institut für Allgemeinmedizin der Uni-Medizin und ist als Studiendekan zudem für die Lehre zuständig. „Alle Uni-Kliniken stehen unter enormen wirtschaftlichen Druck. Das allein ist kein reines Rostocker Problem.“ In den Uni- Krankenhäusern würden die schwersten und schwierigsten Fälle behandelt. „Die Arbeit verdichtet sich, wenn Kollegen selbst mal krank werden oder aus anderen Gründen ausfallen, ist das schwer zu kompensieren.“ Und weiter: „Das führt dazu, dass Zeit und Kraft für die Weiterentwicklung in der Lehre fehlt.“ Dabei müsste genau in diesem Bereich mehr investiert werden: „Die Ansprüche an die Ausbildung von Medizinern wachsen und das sei so auch von der Politik gewollt. Damit das Medizin-Studium in Deutschland wieder Anschluss an die Weltspitze finde, muss deutlich in die Lehre besonders qualifizierter Ärzte investiert werden.“

Zum Fall Jünemann will sich Klinik-Vorstand Christian Schmidt nicht öffentlich äußern. Fragen zur Personalsituation und der Arbeitsverdichtung beantwortet der Vorstand ausweichend: Ja, im Fakultätsrat sei das Thema diskutiert worden. „Seit vielen Jahren sehen wir saisonale Schwankungen des Arbeitsaufkommens. Besonders im letzten Quartal des Jahres ist dabei der Patientenzuspruch besonders hoch“, so Schmidt. Der Vorstand führe monatlich Gespräche mit allen Kliniken. „Wir sind jederzeit über die Situation informiert.“

Auf die Frage, ob Greifswald in puncto Forschung „besser“ sei, sagt Schmidt: „Beide medizinische Fakultäten des Landes sind forschungsstark.“ Und: „Die Medizinische Fakultät stellt bereits mehr Mittel für Forschung und Lehre bereit.“ Der zuständige Dekan der Uni, Prof. Dr. Emil Reisinger, verweist auf Schmidts Antworten: „Wir haben die Fragen im Vorstand besprochen.“ Der Personalfrage wird Hauptthema vor den nächsten Dekanatswahlen sein.

Andreas Meyer

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