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Bad Doberan „Lebensader der Salzhaffregion ist tot“
Mecklenburg Bad Doberan „Lebensader der Salzhaffregion ist tot“
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17:37 25.12.2018
Petrijünger Hannes Zirnsack fand Anfang Dezember viele tote Fische, wie diese Meerforelle, im Hellbach. Quelle: Thomas Hoppe
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Teßmannsdorf/Neubukow

“An der Gülletragödie von Neubukow trägt auch die Landesregierung eine Mitverantwortung“. Das schreibt der Teßmannsdorfer Dr. Andreas Schwienhorst im Namen der Ortsgruppe Salzhaff-Rerik vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) an Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD). Die Naturschützer aus der Region fordern unter anderem eine sofortige Stilllegung der Neubukower Schweinemastanlage sowie aller Mastanlagen im Land, die potenziell Gewässer und Biotope gefährden könnten. Sie pochen darauf, dass das Ministerium neue Mastanlagen in MV nicht mehr genehmigt.

Die Neubukower Schweinemastanlage am Stellwerk stand Anfang des Monats nach einem Gülle-Eintrag über einen Regenwasserkanal in den Panzower Bach im Fokus von Ermittlungen (OZ berichtete). Nach Informationen des BUND soll hier „Gülle aus den Stallanlagen kontinuierlich in einen Zwischenbehälter gepumpt worden sein, was diesen zum Überlaufen brachte.“ Die Gülle hätte sich daraufhin über den Hof und ungebremst in den Regenwasserkanal ergossen. Zusätzlich sei „wohl auch“ Gülle, die in Gebäude gelaufen war, manuell in die Regenentwässerung gepumpt worden, wird in dem offenen BUND-Brief vom 22. Dezember, gemutmaßt.

Fakt ist, dass damals Gülle in den Panzower Bach, den Hellbach und schließlich in das Salzhaff gelangte, das bestätigten die Wasserproben der Ermittler.

„Binnen weniger Stunden führte dies zu einem Fischsterben im Hellbach. Wenige Tage später konnten keine lebenden, sondern tonnenweise nur noch tote Fische im gesamten Bachbett auf einer Länge von über sieben Kilometern zwischen Neubukow und dem Salzhaff festgestellt werden. Der Bach, die Lebensader der Salzhaffregion ist tot“, schreibt Dr. Schwienhorst und verweist darauf, dass damit „auch ein wesentliches Habitat für Vögel der Europäischen Vogelschutzgebiete in der Wismarbucht ausgelöscht und der Lebensraum für viele andere Tiere und Pflanzen massiv geschädigt“ worden sei.

„Der Fischbestand im Hellbach ist für die nächsten fünf bis zehn Jahre ruiniert.“ Frank-Jürgen Trost Quelle: Thomas Hoppe

Minister Backhaus wird dafür kritisiert, dass für ihn „eine Anlage wie die in Neubukow“ anscheinend genehmigungsfähig war, obwohl sie „offenkundig keine funktionierenden, automatischen, pegelabhängigen Notabschaltungsmechanismen enthielt“, keine Wannen zum Auffangen von Gülle aus Leckagen vorhielt und zwischen Betriebsfläche und öffentlichen Gewässern keine Absperrungen existierten, die im Falle eines Gülleaustritts automatisch verriegelten.

„Im Jahr 2000 war in Neubukows Schweinemastanlage auch ein Zwischenbehälter einer automatischen Entmistung übergelaufen und die Gülle an der gleichen Stelle in den Panzower Bach gelangt. Damals hatte man uns zugesichert, dass das da oben alles so angelegt wird, dass so was nicht wieder passieren kann. Das ist anscheinend nicht erfolgt. Oder diese Sachen wurden beim Umbau jetzt wieder außer Kraft gesetzt“, erklärt der Vorsitzende des Vereins „Sportfischer am Hellbach“, Frank-Jürgen Trost. Im Jahr 2000 konnte aber durch schnellen Alarm, den Gartenanlieger auslösten, der Abfluss umgehend abgedichtet und größere Folgeschäden verhindert werden. „Diesmal hat der Hellbach dagegen einen schweren Schlag abbekommen. Sein Fischbestand ist für die nächsten fünf bis zehn Jahre ruiniert“, sagt der Angelfreund.

„Bei Befolgung der Verordnung über Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen (von 2017) hätte es eine Gülletragödie wie in Neubukow nicht geben dürfen. Insofern steht auch infrage, ob die Kontrollen im Auftrag des Ministeriums korrekt durchgeführt und in der Vergangenheit zweckdienlich waren. Unklar ist auch, ob das Ministerium überhaupt sichergestellt hat, dass die Betreiber fachlich geeignet waren“, schreibt Dr. Schwienhorst weiter.

Der Teßmannsdorfer hatte kürzlich in Sachen Mastanlage in einem OZ-Leserbrief aufgerufen, weniger Fleisch zu essen. Im Schnitt würden die Deutschen jährlich „sagenhafte“ 88 Kilo pro Kopf verspeisen. Jetzt fordert die BUND-Ortsgruppe Salzhaff-Rerik zudem ein

„An der Gülletragödie trägt die Landesregierung eine Mitverantwortung“. Dr. Andreas Schwienhorst Quelle: Thomas Hoppe

umfassendes Bildungsprogramm (unter anderen in Kitas und Schulen), um darauf hinzuwirken, „dass immer mehr Bürger und Bürgerinnen die Zusammenhänge rund um den Konsum von Mastanlagen-Billigfleisch verstehen lernen, mit dem Ziel, den Fleischkonsum zeitnah deutlich zu senken, den (maßvollen) Verzehr von Biofleisch zu fördern und natürliche Ressourcen zu schützen.“ Im konkreten Neubukow-Fall verlangen die Naturschützer gemäß dem Umweltinformationsgesetz bzw. nach dem Informationsfreiheitsgesetz Einsicht in „sämtliche Dokumente zur Betriebs- und Anlagengenehmigung der Schweinemastanlage Neubukow inklusive technischer Pläne zum Betrieb“, in alle Protokolle zur Kontrolle der Neubukower Mastanlage aus den letzten zwei Jahren sowie „den Nachweis über die fachliche Eignung des Geschäftsführers und des weiteren Personals“.

Thomas Hoppe

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