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Bad Doberan Friday for Future am Salzhaff
Mecklenburg Bad Doberan Friday for Future am Salzhaff
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17:11 04.06.2019
Jäger Dieter Loose erklärt den jungen Zuschauern einen Wildschweinschädel.
Jäger Dieter Loose erklärt den jungen Zuschauern einen Wildschweinschädel. Quelle: Thomas Hoppe
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Teßmannsdorf

Der siebenjährige Marvin ist erschöpft, aber begeistert: Er möchte auch mal so ein „Tierpfleger“ wie der Mann da vorn werden, sagt der Bursche. Der kleine Wismarer gehört zu einer Waldwandergruppe, die am vergangenen Freitag von Dieter Loose durch die Teßmannsdorfer Tannen am Salzhaff geführt wurde.

Die anschaulichen Geschichten über die Pflanzen und Tiere des Waldes, die der Jäger dabei erzählt, beeindrucken viele Kinder und ihre Eltern. Kein Wunder, denn der heute 65-jährige Loose ist schon seit seinem achten Lebensjahr in den Wäldern der Region unterwegs, begleitete damals bei Steffenshagen einen „ganz alten Förster“ und hat seitdem offensichtlich diese Natur in sein Herz geschlossen.

Heutzutage bejagt er gemeinsam mit Pächter Bernd Henning im Revier Teßmannsdorf/Rakow 800 Hektar des Naturschutzgebietes und lud hierher rund 50 Kinder und Erwachsene aus der Gegend von Wismar ein, die mit dem Wirken des dortigen Vereins „Licht am Horizont“ verbunden sind. „Wir kümmern uns um benachteiligte Kinder und versuchen, ihnen und ihren Familien ein paar schöne Tage und mal eine Freude zu machen“, erklärt dazu Martina Krimmling, die zweite Vorsitzende des Wismarer Vereins, der auch mit der Diakonie, dem Sozialdienst katholischer Frauen und der gemeinnützigen Felicitas GmbH in der Hansestadt kooperiert.

Falkner Udo Göhring mit seinem Bussardweibchen: „Man muss den Kindern die Natur nahebringen.“ Quelle: Thomas Hoppe

„Wir machen hier sehr viel Naturschutz, haben schon vor zwölf Jahren gemeinsam mit dem Landwirt einen Wildacker angelegt – als reine Bienenwiese. Dahinten haben wir eine Streuobstwiese angepflanzt, der hat allerdings die Trockenheit im Vorjahr zugesetzt“, erklärt Dieter Loose und kommt dann auf das Bestreben zu sprechen, die Teßmannsdorfer Tannen immer mehr mit Laubbäumen zu mixen: „wegen des Borkenkäfers, dessen Larven zum Absterben der Nadelgehölze, aber auch von Eichen führt.“

Zur Hege und der Jagd erläutert er kurz den Abschussplan seiner Jagdgenossenschaft: „Wir dürfen so und so viele Hirsche und Kälber schießen, Schweine sind wegen dieser Pest unbegrenzt, Hasen stehen auf der roten Liste (im Territorium habe er immerhin 30 gezählt), junge Rehe werden ebenfalls nicht geschossen, nur ganz alte – die Jägerprüfung ist das grüne Abitur.“ Zwei Wölfe seien hier auch schon durchgelaufen: „Wir haben selbst Wolfsrisse gesehen.“ Dazu möchte Jutta Kaczmarek vom Sozialdienst katholischer Frauen klarstellen, dass Kinder von Wölfen ja nur im Märchen gefressen würden – „und Großmütter!“, schallt es aus dem Publikum.

Dieter Loose kommt derweil sogar auf die Bärenjagd zu sprechen, die er nicht am Haff, aber in Rumänien und Kanada erlebt habe: „2,20 Meter war einer groß, als er stand“. Vor allem die Jungs in der Gruppe sind baff. „Hatten Sie dabei Angst?“ – „Nein, die merken das. Man muss ruhig bleiben“, antwortet der Waidgenosse und gibt später noch einen hafftauglichen Tipp zum Verhalten, wenn man Wildschweinen gegenüberstehen sollte: „Nicht weglaufen, sondern laut sein und rückwärts gehen. Die Schweine sind Fluchttiere – sie rennen dir sonst hinterher.“

Marvin: „Ich kann auf meinem DS Vogelstimmen hören. Ich möchte auch mal ein Tierpfleger werden.“

Dazu passt sein Hinweis, dass Gartenabfälle – auch Grünschnitt – im Wald für viele Würmer sorgen, was wiederum viele Wildschweine anziehen würde: „Schweine brauchen sehr viel tierisches Eiweiß, deswegen buddeln sie wegen der Würmer die ganzen Wege um.“

„Was können wir denn für den Wald tun?“, wollen die Geführten wissen. Diese Frage trifft bei Dieter Loose einen besonderen Nerv: „Wichtig ist, dass man seinen Müll hier nicht hinschmeißt.“

„Das ist doch oberklar“, echot es aus dem Wald. „Das ist leider nicht oberklar. Wir müssen hier manchmal Batterien raussammeln, sogar Fernseher und ...“, antwortet der Naturfreund und ärgert sich über Zeitgenossen, die ihre Zigarettenschachteln ins Unterholz werfen und darauf angesprochen, nur sagen, dass sie machen würden, was sie wollten. „Das ist der Mensch. Wir machen die Natur kaputt“, spitzt er zu und weist ein paar Schritte weiter einen Jungen an, dass er doch sein Handy wegstecken solle. „Die Handys im Wald mag ich gar nicht“, ergänzt Dieter Loose. Doch er ist dann entspannter, als er erfährt, dass mit dem Handy Bilder von der Natur geschossen werden. So wie Marvin gar mit seiner handlichen Nintendo-Spielkonsole Vogelstimmen abgleichen kann.

Es gibt verschiedene Wege, sich seiner Umwelt zu nähern. Der Renner bleibt heute jedoch die Unmittelbarkeit: Es werden Bäume umarmt und dabei besondere Kräfte gespürt, es wird ein Fuchsbau besucht, eine Ringelnatter beim Verstecken beobachtet, manche sehen ein Reh die Seiten wechseln, viele streicheln dem Frettchen „Blondi“ das Fell oder einem Bussardweibchen, das „Harry“ genannt wird, die Federn. Alle erfahren etwas von Sebastian Kruppa aus Garzer Hof über seine Jagdhunde und staunen, als sie hören, dass fünf bis sechs Seeadler winters von der Halbinsel Wustrow auf einen Teßmannsdorfer Acker kommen, um an verendeten Schwänen ihren Hunger zu stillen.

„Man muss den Kindern die Natur nahebringen, dass sie mal wissen, was Phase ist. Viele sind doch so weltfremd, auch Erwachsene“, meint Udo Göhring. Der 69-jährige Diplomgartenbauingenieur ist seit 42 Jahren Falkner – heute einer von drei in Mecklenburg – und bietet an diesem Freitag neben seinem Bussard, dem Frettchen auch einen jungen Fasan nebst Ei zur Anschauung.

„Ich bin jedes Jahr in Roggow im Kindergarten, dann nehmen wir Futter mit und gehen in den Wald; in der Schule bin ich, im Mutter-Kind-Heim von Rerik. Ich habe zwei Enkel, die Kleine ist auch so ein Naturfreund ...“, beantwortet Dieter Loose lächelnd eine Frage, nach weiteren ehrenamtlichen Einsätzen dieser Art.

„Das ist mal was anderes – es ist schön, auch wenn die Waldwanderung anstrengt“, meint Sybille Wosnitza zufrieden. Die Mutter von sechs Kindern und Oma von sechs Enkeln ist mit Sohn und Tochter angereist. Jetzt gibt es für alle Grillwürste zum Mittag. Hinter dem Rost sitzt Landwirt Christian Betker. Für den Teßmannsdorfer ist es selbstverständlich, dass er hier hilft. So wie auch die Feuerwehr und der SV Pepelow den Naturfreunden mit Zelt- und Sitzgarnituren-Aufbau unter die Arme gegriffen hat. Der Pepelower Volksvertreter Harry Gatzke sagt dazu: „Hier ist das immer so Hand in Hand.“

Am letzten Freitag im Mai empfingen Naturfreunde aus der Haffregion Kinder und Eltern zu einem außergewöhnlichen Natur-Event.

Thomas Hoppe