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Bad Doberan Interview mit Jördis Frommhold: Die „Frau des Jahres“ über Hassmails und Long-Covid
Mecklenburg Bad Doberan

Interview-Podcast mit Jördis Frommhold: Die „Frau des Jahres“ über Hassmails und Long-Covid

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06:48 18.05.2021
Im Podcast der Ostsee-Zeitung, „Ankern mit…“ redet Dr. Jördis Frommhold über einen hoffnungsvollen Therapie-Ansatz und ihren Umgang mit Hassmails.
Im Podcast der Ostsee-Zeitung, „Ankern mit…“ redet Dr. Jördis Frommhold über einen hoffnungsvollen Therapie-Ansatz und ihren Umgang mit Hassmails. Quelle: Ove Arscholl
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Rostock

Christian Drosten, Karl Lauterbach und Jördis Frommhold: Das sind Namen von Menschen, die regelmäßig in diversen Medienformaten über das Corona Virus aufklären. Die Letztgenannte hat es damit gar zu einem besonderen Titel gebracht: Frau des Jahres in MV.

Als Chefärztin der Median-Klinik in Heiligendamm ist sie Expertin für die Spätfolgen einer Corona-Infektion und beobachtet täglich, wie das Virus noch Monate nach einer Infektion das Leben seiner Wirte bestimmt. Im Podcast der OSTSEE-ZEITUNG, „Ankern mit…“ redet sie über einen hoffnungsvollen Therapie-Ansatz in der Druckkammer und ihren Umgang mit Hassmails.

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Es ist ein Vormittag gegen 11 Uhr, als das Telefon von Dr. Jördis Frommhold klingelt. Sozialministerin Stefanie Drese ist dran. „Herzlichen Glückwunsch, Sie sind zur Frau des Jahres gewählt worden“, beschreibt Frommhold den Moment als Frau des Jahres. Eigentlich muss man für den Titel beworben werden. „Ich weiß, dass die Presse dafür verantwortlich war“, sagt Frommhold und lacht.

Schattenseiten des Rampenlichts

Seit Mai 2020 beschäftigt sich die Pneumologin mit den Spätfolgen einer Corona-Infektion und betreut Patienten, die nachhaltig darunter leiden. Neben ihrer eigentlichen Arbeit ist die Mutter eines zehn Jahre alten Sohnes seither regelmäßig Gast im TV - bei Markus Lanz, Frank Plasberg oder auf dem Roten Sofa des NDR.

In der Folge lernte die Ärztin nicht nur das Rampenlicht, sondern auch dessen Schattenseiten kennen. Sie wurde Opfer von Hassmails. „Es war befremdlich. Ich habe Mails bekommen, in denen ich aufgefordert wurde, aus dem Fenster zu springen. Eine Dame wollte mich verklagen, weil ich mein Kind mit einer Maske knebeln würde“, sagt Frommhold.

Aus Selbstschutz lässt sie all ihre Mails von Mitarbeitern der Geschäftsstelle lesen. Diese sortieren die Nachrichten mit Drohungen aus und leiten dann im Zweifel auch juristische Schritte ein. „Zwischendurch habe ich drüber nachgedacht, ob ich überhaupt weiter Aufklärung betreiben soll. Aber diejenigen, die von meinen Infos profitieren, würde ich schädigen, wenn ich das nicht mehr täte. Dementsprechend habe ich beschlossen, mit diesen Negativmeinungen zurechtzukommen und sie mir nicht mehr durchzulesen.“

Die klassische Klientel

Ihr Alltag besteht aus ständig neuen Herausforderungen, denn die Folgen einer Virus-Infektion überraschen selbst gestandene Mediziner. Erschöpfungssyndrom, anhaltende Atemnot und diverse neurologische Ausfallerscheinungen können das Leben ihrer Patienten nachhaltig verändern – und zwar so, dass diese nicht mehr fähig sind, ihrem geregelten Alltag nachzugehen.

Die klassische Klientel sei zwischen 30 und 40 Jahre alt und habe selten Vorerkrankungen. Sportler, Soldaten, Feuerwehrleute: „Das sind Menschen, die eigentlich wirklich eine gute Kondition haben“, sagt Frommhold. Zwei Drittel der Patienten sind Frauen, die zwar nach aktuellen Erkenntnissen zu eher milderen Verläufen neigen, bei denen sich jedoch stärkere Spätfolgen zeigen, die nach aktuellem Stand auch irreversibel sein können. „Die Grenzen verschieben sich. Viele Patienten sind nicht mehr so, wie sie vorher waren.“

Ein Experiment glückt

Doch es gibt eine neue Therapiehoffnung: die Druckkammer. Eine erste erfolgreiche Behandlung hat es bereits gegeben – „bei einer Kollegin aus der Radiologie“, sagt Frommhold. Sportlich, dynamisch, keine Vorerkrankungen: „Sie ist im August letzten Jahres an Corona erkrankt und hatte einen mittelschweren Verlauf.“ Erst sei die Genesung gut vorangeschritten, doch später zeigte sich: „Sie konnte zwar Texte lesen, aber den Inhalt nicht verstehen oder zwei Strukturen, die auf den ersten Blick einfach zu differenzieren sind, konnte sie nicht auseinanderhalten. Das ist für eine Radiologin aus der Tumordiagnostik erschreckend.“

Zahlreiche konventionelle Therapieversuche scheiterten. „Dann haben wir experimentell eine Therapie in der Druckkammer versucht und heute kann die Patientin wieder riechen, schmecken und arbeiten. Die Gedächtnisstörungen sind weg.“ Man müsse zwar vorsichtig sein, da es sich hierbei um eine Einzelfallbeschreibung handele, jedoch führe man derzeit eine Fallbeobachtungsstudie an 30 Patienten mit der Druckkammer in Wiesbaden und an der Universität Kiel durch, um stichhaltige Ergebnisse zum Erfolg dieses Ansatzes zu erhalten.

Hilfe für den Sauerstoffübertritt

„Die Patienten sitzen dann in der Druckkammer und bekommen hundert Prozent Sauerstoff, tauchen sozusagen auf 14 Meter und sind dort einem Druck von 2,4 bar ausgesetzt.“ Dies unterstütze den bei vielen Long-Covid-Patienten gehemmten Sauerstoffübertritt von den Lungenbläschen ins Blut und von dort in die Nervenzellen. „Viele haben eine Diffusionsstörung.“ Zugrunde liegen Gefäßentzündungen, die durch Autoimmunprozesse entstehen.

„Wir glauben, dass die Druckkammerbehandlung Linderung verschaffen kann, denn ist der Umgebungsdruck erhöht, verstärkt man die Kraft, mit der der Sauerstoff durch die Gefäßwand drückt“, sagt Frommhold. Gute Erfahrungen mit dieser Therapieform hätten andere Ärzte bereits bei Demenzerkrankungen machen können.

Ankern mit...

... ist der kostenlose Interview-Podcast der OSTSEE-ZEITUNG. Die Besatzung des Audio-Kutters der OZ um Benjamin Barz, Lena-Marie Walter, Moritz Naumann und Juliane Schultz lädt im losen Wechsel alle zwei bis vier Wochen einen Gast ein und nimmt sich Zeit für seine Geschichten. Manöverkritik gibt es am Ende jeder Folge im Kollegengespräch.

Zu hören ist der Podcast auf ostsee-zeitung.de/podcasts. Außerdem steht er auf den gängigen Portalen Spotify, Google Podcasts, Deezer, Audible, Amazon Music und Apple Podcast zur Verfügung.

Bisher erschienen sind: Folge 0, in der sich die Podcast-Crew vorstellt, Folge 1 mit Intensivmediziner Dr. Micha Löbermann, Folge 2 mit Fußball-Legende Carsten Jancker Folge 3 mit Politikwissenschaftler Ronny Rohde. Folge 4 mit Para-Ruderer Marcus Klemp Folge 5: ...Fiete Korn, der bekannteste Abiturient der Welt

Ausgleich im Rostocker Stadthafen

Am Abend, wenn sie einen langen Tag mit ihrer Familie auf dem Boot im Rostocker Stadthafen ausklingen lässt, tauscht sie sich über Erfolge und Niederlagen häufig mit ihrem Mann aus, der als Arzt im Klinikum in Wismar praktiziert. Das sei unheimlich wichtig, denn dass das Virus und dessen Folgen in den nächsten Jahren weiterhin die volle Aufmerksamkeit der Welt bedürfen, sei ihr bereits völlig klar. „Es muss sich eine neue Normalität entwickeln, in der man lernt, mit dieser Erkrankung und ihren Folgen zu leben, und in der man ständig neue Strategien entwickelt.“

Von Moritz Naumann