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Bad Doberan Hier soll neues Leben einziehen: Alte Bahnhöfe zwischen Grevesmühlen und Tessin
Mecklenburg Bad Doberan Hier soll neues Leben einziehen: Alte Bahnhöfe zwischen Grevesmühlen und Tessin
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19:56 23.07.2019
Der Verein "de Drom" möchte den Neubukower Bahnhof zur Nordischen Kunstakademie umbauen. Unterstützung dafür komm unter anderem von Künstler Günther Uecker. Quelle: Dietmar Lilienthal
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Rostock

Viele Kleinstädte und Dörfer an der mecklenburgischen Ostseeküste haben seit der Wende ein zentrales Problem: Wenn der Deutsche-Bahn-Konzern die Bahnverbindungen in und aus den Ort nicht komplett stillgelegt hat, waren es zumindest die Bahnhofsgebäude, die zunehmend vernachlässigt und nicht mehr genutzt wurden. Doch sowohl Kommunen als auch Privatpersonen zeigen, wie in Mecklenburg neues Leben in alte Bahnhöfe gebracht werden kann.

Im April 2009 prangt ein Schild am Bahnhofsgebäude in Grevesmühlen: „Herzlich Willkommen, entschuldigen Sie den ersten Eindruck. Wir stehen seit langer Zeit vergebens mit der Deutschen Bahn in Verhandlungen um diesen Schandfleck zu kaufen.“ Angebracht wurde das Schild von der Stadt selbst. Denn das Gebäude drohte immer weiter zu verfallen. Und da der Bahnkonzern nicht verkaufen wollte, musste man zu anderen Mitteln greifen. „Die waren über das Schild ziemlich sauer“, sagt Regina Hacker, verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt.

Ideen mit Bürgern sammeln

Schließlich ließ sich die Bahn darauf ein. Überzeugt hat den Konzern eine Projektskizze der Stadt. „Wir haben dargestellt, wie wir daraus wieder ein lebendiges Gebäude machen wollen.“ Im November 2011 wurde die Stadt dann Eigentümer. Wie viel es gekostet hat? „Wir haben 200 000 Euro bezahlt.“ Bevor man jedoch sanierte, führte man erstmal die Bürger durch die maroden Räume des Hauses. „Viele haben ja eine ganz eigene Verbindung zu diesem Ort“, sagt Hacker. Man stellt Tafeln auf, auf denen Interessierte ihre Ideen für die Nutzung verewigen können. „Viele wünschten sich ein Begegnungszentrum oder auch ein Restaurant“, sagt Hacker.

Und so kam es. Heute sitzen die Diakonie und das DRK in dem Gebäude. „Dort befindet sich auch der Jugendclub der Stadt und ein Bistro mit Wintergarten.“ Die gastronomische Einrichtung bietet auch eine Besonderheit. Denn sie verkauft offiziell auch Tickets der Bahn. „Viele ältere Leute wollen sich ein Ticket nicht am Automaten kaufen“, sagt Hacker. Der Heimatverein der Stadt bucht darüber hinaus einen der Wartesäle für Kinoabende. „Da laufen auch aktuelle Filme – und zwar alle 14 Tage“, sagt Hacker. Die Sanierung hat etwa vier Millionen Euro gekostet.

Kulturzentren für Neubukow und Kröpelin

Auch die Bahnhofsgebäude in Neubukow und Kröpelin haben mittlerweile einen neuen Eigentümer. Die sich zum Verwechseln ähnlich sehenden Häuser werden von dem Verein „De Drom“ betrieben. Hubertus Wunschik, Vorsitzender des Vereins, lebt seit 2008 in Kröpelin. Sein Wunsch war es, die Stadt zu beleben und junge Leute in den Ort zu holen, „am besten über die Kultur“, wie er sagt. Er will ein Kulturzentrum in dem Bahnhofsgebäude etablieren und es gelingt ihm, 2010 den Berliner Mäzen Karl Kauermann für seine Pläne zu begeistern. 250 000 Euro steuert dieser für Kauf und Sanierung bei.

Historische Impressionen, Bauarbeiten und der Ist-Zustand: Alte Mecklenburger Bahnhöfe in Bildern.

Heute finden dort Konzerte, Theater, Lesungen, Vorträge und Angebote zur politischen Bildung statt. Im Obergeschoss gibt es darüber hinaus pro Jahr zwei bis drei Ausstellungen. In ähnlicher Art und Weise soll auch das Bahnhofsgebäude in Neubukow betrieben werden. Unter der Schirmherrschaft des Künstlers Günter Uecker soll dort eine Nordische Kunstakademie entstehen. Das Gebäude habe man 2016 zwar schon kaufen und damit sichern können, jedoch benötige man noch Förderung von Bund und EU. „Das gilt es, demnächst in Angriff zu nehmen“, sagt Wunschik.

Baumontage statt Bahnanlage in Teschow

Knapp fünf Kilometer entfernt, an der Bundesstraße 105, liegt der Bahnhof in Teschow (Gemeinde Alt Bukow). Dort hat sich Jörn Dinse mit seiner Firma „Baumontagen Dinse Schwimmbad- und Freizeittechnik“ niedergelassen. „Bis vor einigen Jahren hat hier noch eine alte Eisenbahnerin gewohnt“, sagt Dinse, der das Haus mit dem Empfangsbereich im Jahr 2003 gekauft hat. „Seit ihrem Tod gibt es aber keine Wohnungen mehr, wir nutzten die Räumlichkeiten für unsere Firma und als Lager.“

Das Gebäude ist denkmalgeschützt und muss Ende des 19. Jahrhunderts erbaut worden sein. Denn 1883 wurden die Bahnstrecken Rostock–Doberan und Doberan–Wismar eröffnet. Im Laden von Jörn Dinse hängt die Kopie eines alten Bahnhoffotos. Dazu findet man noch Bauplankopien von 1916 aus dem „Bahnbautechnischen Bureau Schwerin“ zur Erweiterung des Empfangsgebäudes sowie vom Januar 1934, als die Reichsbahndirektion Schwerin hier einen Stellwerkraum vorbauen ließ. 1994 ging in Teschow das letzte Bahnticket über den Kassentisch – dann wurde der Bahnhof fast von heute auf morgen zugemacht.

Lok-Pension und Restaurant in Tessin

Auch wenn in Tessin die Bahn noch fährt, hat sich der Konzern nach der Wende auch hier immer weiter zurückgezogen. „Wir standen schon seit 1998 in Kontakt, um das Bahnhofsgebäude anders zu nutzen“, sagt Kerstin Krebes, Kämmerin und stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt. Den Kauf konnte man jedoch erst 2015 bewerkstelligen. „Es war schwierig. Es gab einen ständigen Wechsel der Zuständigkeiten zwischen den Unterorganisationen der Bahn“, sagt Krebes. Danach sind etwa 2,7 Millionen Euro in den Umbau und die Außengestaltung geflossen, rund 750 000 Euro stammten aus Landes- und EU-Fördermitteln.

Schließlich fand man zwei junge Unternehmer, Jakob Freutel und Denny Kopplin, die das Bahnhofsgebäude gepachtet haben. Sie betrieben eine Veranstaltungsagentur in Sanitz und stellten Anfang 2017 den Stadtvertretern das Konzept zur Nutzung des Gebäudes vor. Schließlich wurden Restaurant und Pension unter dem stilechten Namen „Lok“ zu Ostern dieses Jahres eröffnet.

Von Schlafwagen bis Schaffnerschnitzel

Heute finden Touristen in dem Gebäude zehn Zimmer und eine Ferienwohnung. „Im alten Güterschuppen haben wir die Zimmer nach Zugabteilen benannt. Im Obergeschoss gibt es das Lokführerzimmer, den Bahnsteig und den Schlafwagen“, sagt Geschäftsführer Denny Kopplin. Darüber hinaus gibt es im hauseigenen Restaurant etwa 40 Plätze und Speisen mit Namen wie den „Lok-Salat“, das „Schaffnerschnitzel“ oder die „Lok-Pfanne“.

Bahn und Bahnhöfe in MV und deutschlandweit

Mecklenburg-Vorpommern ist einer Studie der Allianz pro Schiene zufolge Schlusslicht bei der Erreichbarkeit von Bus und Bahn. Dem Ranking der Flächenländer zufolge wohnen nur 74,6 Prozent der Einwohner bis zu 600 Meter Luftlinie von der nächsten Haltestelle entfernt oder maximal 1200 Meter vom nächsten Bahnhof mit jeweils mindestens 20 Fahrtmöglichkeiten am Tag. Nach Informationen von „Welt am Sonntag“ hat die Bahn seit dem Jahr 1999 bis heute bundesweit rund 2250 Bahnhofsgebäude verkauft. Viele davon sind nun vernagelt und verfallen – und zu Geisterbahnhöfen geworden. Vor allem in Flächenländern wie MV. Für die Immobilien mit einer Fläche von 3,5 Millionen Quadratmetern hat das Staatsunternehmen etwa 150 Millionen Euro bekommen. Käufer waren Investoren, Kommunen oder Privatleute. An den meisten dieser ehemaligen Bahnhöfe wird weiterhin eine Bahnstrecke samt Haltepunkt in Betrieb gehalten. Aber inzwischen eben ohne Schalter, ohne Personal und ohne Service.

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