Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Politik Allein im Stall: Bauern suchen Nachwuchs
Mecklenburg Bad Doberan Politik Allein im Stall: Bauern suchen Nachwuchs
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:55 16.06.2014
Unter Rindviehchern: Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) warb um Vertrauen in die Landwirtschaft in MV. Quelle: Fotos: Andreas Meyer
Anzeige
Bartenshagen

Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) macht keinen Hehl daraus, was er sonst an einem Sonntag gegen 10 Uhr macht: „Ausschlafen“, gibt er freimütig zu. Christian Schulz kann da nur schmunzeln. Zu dieser Zeit steht er nämlich schon im Stall, versorgt seine 200 Tiere. Nicht nur sonntags, 365 Tage im Jahr. Nur heute macht der Öko-Landwirt aus Bartenshagen eine Ausnahme. Weil Hunderte Besucher auf seinem Hof zu Gast sind. Darunter auch reichlich Politikprominenz aus Schwerin. Schulz will ihnen allen zeigen, wie die Bauern im Land wirklich arbeiten — und er will den bundesweiten „Tag des offenen Hofes“ nutzen, um mit falschen Bildern aufzuräumen. Davon gäbe es nämlich reichlich.

Die Debatten über Milchpreise und über Gen-Pflanzen, Fleisch- und Futtermittelskandale: Die Bauern im Land kämpfen — in den allermeisten Fällen völlig unverschuldet — mit Image-Problemen. „Dabei waren Lebensmittel noch nie sicher wie heute“, sagt Landeslandwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD). Genau deshalb sei der Aktionstag des Bauernverbandes, an dem sich landesweit immerhin 26 und bundesweit sogar 800 Betriebe beteiligen, ja so wichtig: „Wir wollen zeigen, dass die Voraussetzungen bei uns stimmen. Und vor allem wollen wir die Menschen im Land und auch die Urlauber überzeugen, dass sie mit gutem Gewissen Lebensmittel aus MV kaufen können. Wir müssen wieder schätzen lernen, was auf unseren Höfen produziert wird“, ergänzt der Ministerpräsident. Transparenz schaffen, laute die Devise.

„Die Landwirtschaft ist der wichtigste Wirtschaftszweig in MV“, verkündet Backhaus. Trotz der Sorgen. Und von denen gibt es reichlich: „Da wäre zum Beispiel der Fachkräfte-Mangel“, sagt Backhaus.

Was andere Branchen seit Jahren bewegt, trifft nun auch die Bauern: Immer seltener entscheiden sich junge Leute für ein Leben auf dem Bauernhof. Auch Christian Schulz suchte vergangenes Jahr lange nach einem Lehrling. „Rund 70 Prozent unserer Bauernhöfe sind in Familien- Hand. Da sieht es nicht so schlimm aus.“ Doch die vielen Genossenschaften und Aktiengesellschaften, die nach der Wende entstanden seien, hätten akute Probleme. „Dabei ist das Leben auf dem Hof längst nicht mehr so hart wie früher. Die Leute haben immer noch ein falsches Bild, träumen vom kleinen Hof mit Misthaufen und zehn Hühnern“, sagt Hans-Joachim Meier, Leiter des Staatlichen Amtes für Landwirtschaft und Umwelt (StALU) in Rostock. Weit gefehlt — auch bei Christian Schulz in Bartenshagen: Große Ställe, modernste Technik, sechs Mitarbeiter als Helfer. „Heute kann ein Bauer auch mal Urlaub machen. Die Technik macht‘s möglich“, so Meier.

Doch auch heute noch ist es eben jene bäuerliche Romantik, die die Menschen auf den Hof lockt: Svea Buck ist eigens aus Rostock gekommen, zeigt ihren Zwillingen Alva und Rasmus (20 Monate) die kleinen Enten und Hühner. Mia (7) und Leonie (4) lassen sich derweilen an einem Melkschemel zeigen, wie die Kühe früher gemolken wurden. Und so manche Senioren bestaunte begeistert die riesigen, modernen Landmaschinen auf dem Hof in Bartenshagen.

Schulz hat sich für ökologische Landwirtschaft entschieden. Er bekommt 45,5 Cent für einen Liter Milch. Immerhin 6,5 Cent mehr als seine Kollegen, die konventionell produzieren. Aber immer noch zu wenig. Deshalb sind die Bauern auf Hilfen angewiesen. Das könnte sich eines Tages ändern, glaubt Landesbauernpräsident Rainer Tietböhl: „Der Öko-Landbau ist nach wie vor im Aufwind. Die Nachfrage steigt.“ Backhaus sagt dazu nur: „Bio-Milch ist bei uns ausverkauft. Davon bräuchten wir mehr.“ Trotz aller Probleme habe die Landwirtschaft in MV Zukunft.

Online: Noch mehr Bilder vom Tag des offenen Hofes im Landkreis
Rostock
sehen Sie in unserer Foto-
Galerie auf www.ostsee-zeitung.de



Andreas Meyer