Ranger: „Halbinsel Wustrow könnte ein Naturparadies werden“
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Bad Doberan Ranger: „Halbinsel Wustrow könnte ein Naturparadies werden“
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Ranger: „Halbinsel Wustrow könnte ein Naturparadies werden“

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08:00 31.07.2021
Die Halbinsel Wustrow zwischen Ostsee und Salzhaff ist das Revier von Ranger Marius Hein.
Die Halbinsel Wustrow zwischen Ostsee und Salzhaff ist das Revier von Ranger Marius Hein. Quelle: Cora Meyer
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Rerik

Die Halbinsel Wustrow auf eigene Faust erkunden – was für viele Menschen ein Traum ist, gehört für Marius Hein zum Beruf. Der 25-Jährige ist der neue Ranger auf Wustrow. Er kümmert sich um das Wohl der Pflanzen und Tiere. Und von denen gibt es einige.

Marius Hein stammt aus Niedersachsen und hat in Erfurt Forstwirtschaft studiert. Rerik und Umgebung kennt er schon. Als Kind verbrachte Marius Hein einige Urlaube hier. „Ich weiß noch, wie ich als Achtjähriger am Zaun stand und nach Wustrow geschaut hab. Ich fand das spannend“, sagt er. Der Arbeitsplatz auf der Halbinsel ist für ihn ein Traumjob.

Spannende Aufgabe

„Es macht extrem viel Spaß“, sagt er. „Es ist ein gutes kollegiales Miteinander an einem traumhaften Ort.“ Die Halbinsel ist im Besitz der Entwicklungs-Compagnie Wustrow. Sie will auf einem Teil des Areals Wohnungen bauen. In Rerik ist das Vorhaben umstritten. Kritiker fürchten um die vermeintlich unberührte Natur, die sich das Areal mit der Zeit zurückerobert. Diese politische Komponente mache seinen Job noch spannender, sagt Marius Hein. Er weiß, dass der äußere Schein auf Wustrow trügt. Wo Gras und Büsche wachsen, ist der Boden auf großen Teilen der Insel noch mit Beton versiegelt. Hier standen einst unter anderem Kasernen und ein Flugplatz, als die Halbinsel von den Nazis und der Roten Armee genutzt wurde.

Überall liegen Munitionsreste herum. Quelle: Cora Meyer

„Buschwerk auf einer Mülldeponie“

„Ich würde die Kritiker am liebsten einpacken und ihnen zeigen, wo überall Altlasten sind“, sagt Marius Hein. „Hier entsteht kein Naturparadies, sondern ein Buschwerk aus invasiven Pflanzenarten wächst auf einer Mülldeponie.“ Es sei allerdings das Ziel, ein Naturparadies daraus zu machen. „Das ist eine Generationsaufgabe, dafür ist in den letzten 40 Jahren zu viel passiert.“

Blick vom Flugplatztower ins Landschaftsschutzgebiet. Quelle: Cora Meyer

Zunächst einmal soll die Halbinsel Lebensraum für gefährdete Vogelarten werden. Für sie wird im Landschaftsschutzgebiet eine halboffene Landschaft erhalten. Derzeit sind etwa die Sperbergrasmücke und der Kamingimpel hier ansässig. Damit das so bleibt und sich weitere Vogelarten ansiedeln können, müssen der Ranger und seine Mitstreiter auch auf die Nester aufpassen. Hier bedienen sich gern Füchse, Marderhunde oder Waschbären. Auch die Jagd gehört zum Aufgabengebiet des Rangers, zwei Jäger aus der Region unterstützen ihn. Auch bei der Jagd auf Reh- und Damwild, die gern junge Bäumchen fressen. Dabei hat Marius Hein eine Beobachtung gemacht: „Das Wild verhält sich hier anders als in anderen Landschaften. Die Fluchtreflexe sind nicht so stark.“ Das liege daran, dass die Tiere auf Wustrow kaum in Kontakt mit Menschen kommen.

Zuerst die Nazis, dann die Sowjets: Die Halbinsel Wustrow bei Rerik hat eine bewegte Vergangenheit. Teile davon kann man bei einem Besuch immer noch sehen.

Berühmter Besucher in einfacher Hütte

Er ist zwar meist allein unterwegs, einsam ist Marius Hein auf Wustrow aber nicht. Neben den Urlauberführungen und Kremserfahrten sind auch Geologen und Vogelkundler unterwegs. „Die Gespräche mit denen sind sehr interessant.“ Als seine Kollegen bezeichnet der Ranger die Schafherde, die auf Wustrow lebt. Die 200 Tiere helfen ihm, die Landschaft zu pflegen. Außerdem werden auf Wustrow 80 Rinder gehalten. Ein Landwirt betreut die Tiere. Außerdem werden auf der Halbinsel Bienenköniginnen gezüchtet. Sehr selten begegnet der Ranger auch dem Künstler Günther Uecker. Er wuchs auf Wustrow auf und hat bis heute eine kleine Hütte hier, die er ab und zu besucht.

200 Schafe helfen auf Wustrow bei der Landschaftspflege. Quelle: Cora Meyer

Die Halbinsel unterteilt sich in die Alte Gartenstadt, wo die meisten Gebäude stehen, ein Landschaftsschutzgebiet, in dem die Schafe und Rinder weiden, und ein Naturschutzgebiet. „Dort stehen noch immer die Mauern und Fundamente eines Klärwerks“, sagt Marius Hein. Auch Asbest sei dort zu finden. Er darf jedoch nichts dagegen tun: „Die Belastungen für Boden und Grundwasser können jetzt dort nicht mehr entfernt werden, das verbietet das Naturschutzgesetz.“ Eine Kanzel im Naturschutzgebiet ist auch einer seiner Lieblingsplätze auf der Halbinsel, die er vor allem auf der Pirsch nach und nach erkundet. „Hier verirrt man sich sehr leicht“, sagt Marius Hein. Er orientiere sich deshalb an der Sonne oder an signifikanten Bäumen. Über Handy nach Hilfe zu rufen ist nicht möglich – auf Wustrow gibt es keinen Empfang.

Fruchtbare Böden lassen Bäume gedeihen

Das ehemalige Gutshaus des Gutes Groß Wustrow ist im Wald inzwischen kaum noch zu erkennen. Quelle: Cora Meyer

Mit die höchsten Bäume auf der Insel sind Pappeln. Die Nazis haben sie gepflanzt, weil sie so schnell wachsen. In der Alten Gartenstadt sind aber auch noch Obstbäume der Sowjets zu finden. Und zwischendurch bahnt sich die Natur ihren Weg und der Wald verjüngt sich von allein. Der Boden ist sehr fruchtbar, und so gedeihen wilde Himbeere, Mirabellen, Kirschen, Äpfel und Erdbeeren. Inzwischen sind die Bäume so weit gewachsen, dass es an einigen Stellen nötig ist, Forstwirtschaft zu betreiben, sagt Marius Hein. Man müsse Sorge dafür tragen, dass die Bäume nicht zu dicht nebeneinander stehen, und könne auch Holz fällen.

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„Ich bin immer wieder verwundert, was hier alles wächst“, sagt er. „Aber auch, was hier so alles herumliegt.“ Munitionsreste, Motorenteile und jede Menge Müll hat er schon gefunden. „Jedes Mal, wenn man auf der Insel ist, gibt es eine neue Überraschung.“ So habe er es sich zum Beispiel nie träumen lassen, sich als Förster abends barfuß am Strand an Füchse anzupirschen. Ranger sein auf Wustrow – das ist mehr als nur Forstwirtschaft. „Die Vielfalt des Aufgabengebiets ist reizvoll“, sagt Marius Hein. „Und die Vielfalt der Halbinsel.“

Von Cora Meyer