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Bad Doberan Riff Nienhagen: Hier ist die Ostsee bunt wie das Rote Meer
Mecklenburg Bad Doberan Riff Nienhagen: Hier ist die Ostsee bunt wie das Rote Meer
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18:43 28.01.2019
Ein Bild vom künstlichen Riff in der Ostsee vor Nienhagen Quelle: Uwe Friedrich
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Nienhagen

Die Hobbytaucherin Katrin Grabowski mag kaum glauben, was sie sieht: Pflanzen, Fische, Muscheln in einer Farbenpracht, die sie nur vom Roten Meer kennt. Doch diese Fotos stammen vom Riff vor Nienhagen, nur ein paar Hundert Meter vom Ostseestrand unweit von Rostock entfernt, aufgenommen von Uwe Friedrich. Der Unterwasserfotograf begleitet die Forschungsvorhaben an dem 2003 errichteten künstlichen Riff von Anfang an. Jetzt hat er Bilder für eine Ausstellung in Bad Doberan zusammengestellt. „Je tiefer ich abgetaucht bin, umso dunkler wurde es. Doch als ich das Licht eingeschaltet habe, ist es richtig bunt geworden“, erzählt der „Baltic Reef“-Fotograf.

In der Ostsee vor Nienhagen sind Pflanzen, Fische und Muscheln in einer Farbenpracht zu sehen, die man sonst eher im Roten Meer erwartet.

Dorsch im Zentrum des Projektes

„Der touristische Effekt mit den Fotos war anfangs nicht absehbar“, sagt Thomas Mohr, Mitarbeiter des Rostocker Instituts für Fischerei der Landesforschungsanstalt Mecklenburg-Vorpommern und Leiter des Riff-Projekts. „Uns ging es in erster Linie um die Fischentwicklung.“ Herauszufinden war, wie sich der Dorsch in Küstennähe entwickelt, wenn ihm Ansiedlungsmöglichkeiten im ansonsten wenig strukturierten Umfeld angeboten werden. 2003 waren dafür 2500 Tonnen Natursteine und 1600 Betonelemente vor Nienhagen in die Ostsee gebracht worden. Sie waren so geformt, das sich Jungfische in eine Art Röhrensystem zurückziehen konnten, um sich vor natürlichen Feinden zu schützen – auf einer Fläche so groß wie sieben Fußballfelder.

Baustopp für weiteres Riff

Die Europäische Union und das Schweriner Agrar- und Umweltministerium stellten zum Projektstart fast drei Millionen Euro bereit. Insgesamt sind bis heute fast acht Millionen Euro geflossen. Inzwischen gibt es ein weiteres künstliches Riff wenige Kilometer entfernt vor Rosenort.

„Gut angelegtes Geld“, urteilt der Fischereireferent im Agrarministerium, Gerhard Martin. Dieser Tage sollte Baustart für ein drittes Riff bei Dierhagen vor Fischland-Darß-Zingst sein. Doch in die Euphorie hinein platzte ein Stopp aus dem Naturschutzbereich des Umweltministeriums, unterstützt vom Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie in Güstrow. Sie verweisen auf das Bundesnaturschutzgesetz mit einer Eingriffsregelung für den marinen Bereich. Demnach muss für die Anerkennung eines künstlich angelegten Riffs nachgewiesen werden, dass an einem solchen Standort ehemals Block- und Steingründe vorhanden waren. Nur wenn solche natürlichen Riffstrukturen zerstört wurden, beispielsweise durch eine intensive Grundschleppnetzfischerei, dürfen an gleicher Stelle künstliche Riffs gebaut werden.

Streit um Nachweise

„Mit dieser für alle Beteiligten überraschenden Forderung der Verwaltung liegen unsere weiteren Vorhaben auf Eis“, schimpft Projektchef Thomas Mohr. „Einen solchen Nachweis zu führen ist schlichtweg unmöglich. Es gibt über die Jahrhunderte keine flächendeckenden Aufzeichnungen über die Bodenbeschaffenheit im küstennahen Bereich“, sagt er.

Dabei erhält er Unterstützung vom Fischereireferenten: „Wir haben den Naturschutzverantwortlichen in unserem Ministerium noch einmal die vielen positiven Erkenntnisse rund ums Riff speziell mit Blick auf die Dorschpopulation vorgetragen und um ein Einlenken gebeten. Wir wollen weitermachen. Eine Antwort steht aber bislang aus“, sagt Gerhard Martin. „Wir wissen heute, dass für eine gute Dorschbestandsentwicklung ein solches künstliches Bauwerk in der Ostsee ideal ist“, sagt er.

Neue Erkenntnisse über den Dorsch

Projektleiter Mohr ergänzt, mit dem Riff habe sich die Vermutung bestätigt, dass Dorsche standorttreu sind. Zahlreiche von insgesamt 7000 markierten Exemplaren gingen wiederholt in dafür aufgestellte Fischfallen. Auch wurden zunehmend mehr Jungfische gesichtet. Beweis dafür, dass die mit dem Riffaufbau geschaffene Kinderstube ein guter Schutz vor Fressfeinden ist. Die Überlebenschancen steigen im Vergleich zu wenig strukturierten Gebieten um ein Vielfaches, ist eine Erkenntnis des Forschungsteams.

Die Aussage lässt auch die Kutter- und Küstenfischer aufhorchen. Sie haben seit Jahren mit sinkenden Fangquoten aufgrund zurückgehender Dorschbestände zu kämpfen. Und so wurde bereits der Ruf nach weiteren Riffs vor der deutschen Ostseeküste laut, auch weil die künstlich geschaffenen Strukturen zur Ansiedlung weiterer Fischarten sowie von Großalgen, Miesmuscheln, Seesternen und Pflanzen führten.

Unterwasser-Technik wird vor Nienhagen getestet

In Rostock soll in den nächsten Jahren das so genannte Ocean Technology Center (OTC) entstehen. Dort wollen Fraunhofer-Forschungsverbund, die Universität Rostock und private Unternehmen neue Unterwasser-Technologien erforschen. Am Fischereihafen soll dafür ein eigenes Forschungs- und Entwicklungszentrum entstehen. Die Projekte sollen dann am künstlichen Riff vor Nienhagen unter realen Bedingungen getestet werden. So sollen Geräte – autonome U-Boote oder auch Roboter – entwickelt werden, die zum Beispiel Windkraft-Anlagen im Meer selbstständig warten. Aber auch neue Systeme für die Beseitigung von Müll und Munition, für den Anbau von Nahrungsmitteln in Meer- oder Aquakulturen sollen erdacht, gebaut und getestet werden. Allein der Bau des OTC kostet rund 40 Millionen Euro. Den Großteil davon tragen die Bundesregierung und das Land MV.

Den Kommentar zum Thema lesen Sie hier.

Jürgen Drewes