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Bad Doberan Vor 25 Jahren bekam die Rostocker Petrikirche ihre Turmspitze wieder
Mecklenburg Bad Doberan Vor 25 Jahren bekam die Rostocker Petrikirche ihre Turmspitze wieder
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19:00 12.11.2019
November 1994: die neue Turmspitze ist montiert. Rechts die Nikolaikirche Quelle: Hartmut Klonowski
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Rostock

26. April 1942: Die 5. Bombergruppe der Royal Air Force startet zum Angriffsflug nach Deutschland. Es ist schon die dritte Nacht, in der sie ihre Spreng- und Brandbomben auf Rostock abwerfen wird. Noch stehen die stolzen Türme der alten Hansestadt. Doch diesmal wird das Verderben über sie hereinbrechen. Die 2014 verstorbene Maria Allers war Augenzeugin der Katastrophe: „Ich stand mit Eltern und Geschwistern in der Bombennacht auf der Anhöhe bei Dierkow und schaute entsetzt auf die brennende Stadt. Die Turmspitze von St. Petri loderte wie eine Fackel, ehe sie einstürzte. Alle, die das sahen, hatten Tränen in den Augen.“ Nicht nur der damals 13-Jährigen brannte sich der Untergang der Petrikirche für immer ins Gedächtnis ein. Sollte dieses Wahrzeichen der Stadt für immer verloren sein? Die Rostocker wollten es nicht wahrhaben.

Neuer Turm für Petrikirche

Am 13. November 1994 steht auch Maria Allers gemeinsam mit Hunderten Rostockern zu Füßen der mächtigen Kirche. Sie alle wollen dabei sein, wenn sich ein Traum erfüllt. Dieser Sonntag ist ein sonniger, aber kalter Herbsttag. Es weht ein eisiger Wind. Der Deutsche Wetterdienst hat Windstärken vorausgesagt, die das Vorhaben von Pastor Peter Wittenburg (heute 77) und Zimmermannspolier Jens Pfalzgraf von einer Ueckermünder Holzfirma gefährden könnten. Kurz vor 13 Uhr steigen die beiden Männer in den Krankorb, der sie in 117 Meter Höhe bringen wird. Dort wollen sie mit dem Aufbringen des Wetterhahnes den Schlusspunkt unter den Wiederaufbau der Turmspitze setzen.

Wetterhahn hatte Bombenangriff unbeschadet überstanden

Der Wiederaufbau der Kirche kostet rund 3 Millionen Mark. Quelle: Rainer Schulz

Das 1942 aus dem Schutt geborgene und wieder aufgearbeitete christliche Symbol hatte den Sturz in die Tiefe wie durch ein Wunder überstanden. Nun ist der vergoldete Hahn auf dem Weg an seinen seit Jahrhunderten angestammten Platz, begleitet von Pastor und Zimmermann. „Denn will’ wi mol“, sagt Peter Wittenburg zu Jens Pfalzgraf und fällt dabei in sein geliebtes Platt. Nun ist der Kranführer gefragt. Langsam zieht er die Männer und den Hahn in die Höhe. Sie werden von Hunderten Augenpaaren, von Fotoapparaten und Kameras verfolgt. Minuten später haben sie ihr Ziel erreicht. Jetzt kommt es vor allem auf präzise Zusammenarbeit zwischen Kranführer und den beiden im Korb an. Jeder Handgriff muss sitzen. Der Korb nähert sich behutsam von oben der Turmspitze, denn die Hülse des Hahnes soll punktgenau auf den gut 50 Zentimeter langen Zapfen gesetzt werden. Große Anspannung für die Korbbesatzung. Doch dann ist es geschafft. Beifall braust herauf.

Viele können und wollen sich ihrer Tränen nicht erwehren. Auch Walter Kempowski, Sohn der Stadt, und in Ost und West bekannter Schriftsteller, schämt sich nicht seiner tiefen Rührung. Nach seiner Flucht in den Westen in den 1950er-Jahren hatte er nicht daran geglaubt, an die Stätten seiner Kindheit und Jugend zurückkehren zu können und es wohl auch nicht für möglich gehalten, dass die Petrikirche einmal wieder zum Stolz der Stadt werden würde.

Auf „himmlischer Kanzel“

Auf Peter Wittenburg wartet noch eine besondere Aufgabe. Über das Mikrofon richtet er jetzt das Wort von seiner „himmlischen Kanzel“ an die weit unter ihm Versammelten und bittet dabei um Gottes Segen für „unser Bauwerk und alle, die daran gearbeitet haben“. Und er sagt mit bewegter Stimme: „Gott segne unsere Stadt und alle, die darin wohnen und leben.“ Rostock hat sein Wahrzeichen wieder.

Der Gedanke, die Turmspitze wieder zu errichten, existiert faktisch schon, nachdem die Bomben ihr Werk getan hatten. Er taucht auch zu DDR-Zeiten immer mal wieder auf, wird jedoch aus verschiedensten Gründen nicht verwirklicht. Mit der Wende verwandeln sich solche Sehnsüchte, Hoffnungen und Wünsche endlich zu Realität. Peter Wittenburg, heute Pastor im Ruhestand, gibt allerdings zu, dass die Kirchgemeinde der Altstadt nach 1990 nicht unbedingt den Aufbau der Turmspitze in den Mittelpunkt gerückt hatte: „Wir wollten vielmehr die neuen Möglichkeiten für die kirchliche Arbeit zu nutzen. Und vor allem, woher hätte das Geld für den Bau kommen sollen?“ Doch da liefert ein Beitrag in der CDU-Zeitung „Der Demokrat“ die unerwartete Initialzündung. In diesem Artikel schreibt der Autor von der großen Chance, nun Rostocks altes Wahrzeichen wieder zu errichten. Was Wittenburg und seine Gemeindemitglieder nicht für möglich halten, geschieht. Geldgaben aus Rostock, ja ganz Deutschland, selbst aus den USA und Tansania, wachsen zu einem großen Spendenberg an. „Insgesamt 1,6 Millionen DM wurden mit Hilfe des 1991 gegründeten Fördervereins von Einzelpersonen, Unternehmen oder Banken überwiesen. Hinzu kamen Städtebaufördermittel vom Bund. Damit stand schließlich fest, dass wir bauen konnten. Die Ausschreibung erfolgte im Frühjahr 1990. Das Vorhaben, dessen Gesamtkosten 6,5 Millionen DM betrugen, stellten wir unter das Motto ‚Zeichen der Hoffnung‘“, sagt Peter Wittenburg. In dem Statiker Klaus Betzner, der unter anderem beim Wiederaufbau der Berliner Nikolaikirche sein Können unter Beweis gestellt hatte, findet die Kirchgemeinde einen begeisterten Mitstreiter. „Die neue Spitze auf Sankt Petri, ausgeführt in Holzfachwerk-Bauweise, sollte so etwas wie die Krönung seiner Lebensleistung werden“, meint Wittenburg.

Am 13. November 1994 wurde die im Krieg zerstörte Kirche wieder komplettiert. Der Turm wurde in drei vorgefertigten Segmenten mit Hilfe eines Spezialkrans montiert – ein beeindruckendes Schauspiel

Konstruktion aus Lärchenholz

Betzner entscheidet sich ganz bewusst für eine Konstruktion aus Lärchenholz, weil sie eine Mindesthaltbarkeit von 300 Jahren garantiert. Zudem sei die Holzbauweise stabiler, da sie Temperaturschwankungen besser aushalte, unterstreicht er die Vorteile. Doch bevor die Zimmerleute das Sagen haben, müssen Bauleute einen Stahlbetonringanker am stark verwitterten Mauerkranz einziehen. Auf ihm soll die Spitze festen Halt finden. 1992 wird an der Südseite der Kirche ein Schnürboden errichtet, um dort die Turmsegmente zu fertigen. Mit Eichenholznägeln geben die Zimmerleute der Konstruktion festen Halt. Vom 7. bis 13. November 1994 ist es dann so weit. Ein Spezialautokran mit einem Ausleger von 120 Metern hebt die drei vorgefertigten Segmente aus 650 Kubikmeter Lärchenholz in die Höhe. Deren Gesamtgewicht beträgt 265 Tonnen. Das letzte Teil der Zimmermannskonstruktion hebt am 13. November gegen 9.30 Uhr vom Boden ab und setzt sicher auf dem Unterbau auf. Nun ist es so weit: Der Wetterhahn kann seinen Platz auf der Spitze einnehmen.

Bald sollen die Glocken wieder läuten

25 Jahre sind seit diesem denkwürdigen Tag vergangen. Immer noch ist viel an der Petrikirche zu tun. Vorrang hat der Einbau von zwei Glockenstühlen. Reinhard Wegner (63), Vorsitzender des Fördervereins, sagt dazu: „Seit dem Bombenangriff klingen keine Glocken mehr vom Turm. Doch wir möchten, dass sie bald wieder über die Stadt läuten und wir auch dieses Ereignis feiern können. Wir freuen uns bereits über eine große Spendenbereitschaft. Doch damit die Glockenstühle bald gebaut werden können, benötigen wir noch weitere Spenden. Ich bin sicher, dass wir diese Unterstützung erhalten werden.“

Spendenkonto

Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, für die neuen Glockenstühle spenden möchten:

Förderverein Petrikirche e.V.

IBAN: DE 86 1307 0024 0125 1800 00

BIC: DEUTDEDBROS

Bitte geben Sie Name und Adresse an.

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