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Bad Doberan Als mit dem Molli noch Mehl und Hefe fuhren
Mecklenburg Bad Doberan Als mit dem Molli noch Mehl und Hefe fuhren
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11:00 01.06.2019
Bis vor 50 Jahren transportierte der Molli zusätzlich zu Passagieren auch verschiedene Güter. Der Verein zur Traditionspflege stellte dieses Kapitel in der Geschichte der Schmalspurbahn nach. Die Wagen werden heute unter anderem als Lauben und Forsthütten genutzt. Quelle: Jan Methling
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Bad Doberan

Zum Fahrplanwechsel im Mai 1969 wurde der Güterverkehr mit der Schmalspurbahn Molli eingestellt. Ein wenig beachtetes und kaum dokumentiertes Kapitel im Betriebsgeschehen dieser Strecke ging damit zu Ende.

Der Reiseverkehr trug beim Molli stets die Hauptlast im Transportaufkommen. Mit bis zu 14 Reisezugpaaren täglich war die Strecke damit sehr gut ausgelastet. Der Güterverkehr war stets von untergeordneter Bedeutung. Aufgenommen wurde er im Jahre 1910 mit der Streckenverlängerung von Heiligendamm nach Arendsee (heute Kühlungsborn West). Zu diesem Zeitpunkt wurden die ersten Güterwagen beschafft.

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Zu wenig Platz für normale Güterwagen

Allerdings gab es beim Molli nie Rollbock- oder Rollwagenverkehr, bei dem regelspurige Güterwagen auf spezielle Transportfahrzeuge gesetzt und so auf der schmalen Spur weiterbefördert werden konnten. Die Platzverhältnisse und die Massebeschränkungen im Bereich der Stadtdurchfahrt in Bad Doberan ließen diese rationelle Transportart nicht zu. An einigen Stellen verlief die Hauswand nur knapp einen Meter neben der Wagenwand und die Gleise in der heutigen Mollistraße lagen bis in die 1990er Jahre auf einem aus Ziegelsteinen gemauerten Gewölbe, das einen Bachlauf überdeckte.

Auch gab es keinen Güterverkehr, der ausschließlich auf die Molli-Strecke beschränkt war. Alle Güter mussten also stets in Bad Doberan aufwendig umgeladen werden. Dieses Geschäft, das mit viel Handarbeit verbunden war, betrieb die Deutsche Reichsbahn der DDR nicht selbst. Das übernahm die Firma Karl Jahn, die dazu etwa drei bis vier Mitarbeiter beschäftigte. Zuletzt gab es zwar einen Elektro-Bagger vom Typ RK-3, aber es herrschte stets Personalknappheit. Somit gab es oft Umladerückstände und so verdienten sich oft einige junge Eisenbahner mit Sonderschichten als Aushelfer in der Umladung ein gutes Geld dazu.

Güterzüge fuhren oft nachts

In den sechziger Jahren verkehrten die beiden planmäßigen Güterzüge – einer je Richtung – immer nachts, wenn der Reiseverkehr ruhte. Daher gibt es so gut wie keine Fotos von Güterzügen. Nach einem vorliegenden Bildfahrplan aus der Mitte der sechziger Jahre beförderte die Lok des ersten in Kühlungsborn West um 20.42 Uhr endenden Reisezug-Umlaufes um 21.02 Uhr den einzigen täglichen Nahgüterzug nach Bad Doberan. Dieser hatte einen Rangieraufenthalt in Kühlungsborn Ost von 20 Minuten und kreuzte dort noch mit dem zweiten Reisezug.

Dann ging es um 21.32 Uhr ohne Halt weiter nach Bad Doberan. Dort kam der Zug um 21.59 Uhr an. Hier standen Rangierarbeiten an, die Rückfahrt mit dem Nahgüterzug nach Kühlungsborn war um 22.50 Uhr vorgesehen. In Kühlungsborn Ost gab es von 23.17 Uhr nochmals einen kurzen Rangierhalt, bevor Kühlungsborn West um 23.38 Uhr erreicht wurde.

Am Tage wurden dann in Bad Doberan jeweils die Umladearbeiten durchgeführt. An den Ladestraßen in Kühlungsborn Ost und West wurden die Güterwagen ent- und wieder neu beladen. Da seinerzeit noch kein Taktfahrplan bestand, waren auch tagsüber an den Endbahnhöfen Zeiten für Rangierarbeiten mit den Zugloks eingeplant. Dann wurden die Wagen für die Ladung bereitgestellt oder Güterzüge zusammengeschoben. Die Ladung eines ankommenden zweiachsigen Regelspur-Wagens musste in jeweils zwei Schmalspurwagen umgeladen werden.

Kohle, Mehl und Rüben wurden transportiert

An Frachten gab es überwiegend Kohle, Baustoffe und Düngemittel, aber auch Mehl für die Brotfabrik in Kühlungsborn oder Zuckerrüben beziehungsweise Rübenhackschnitzel. In den gedeckten Güterwagen wurde neben Stückgut – wie etwa Backhefe – auch das Reisegepäck befördert. Mehrmals täglich waren den Reisezügen Güterwagen als Gepäckbeiwagen beigestellt.

Die Ladestellen in Vorder und Hinter Bollhagen hatte man schon etwa 1955 beziehungsweise 1948 stillgelegt und die Ladegleise abgebaut. Sie wurden ausschließlich für landwirtschaftliche Produkte genutzt und bis nach dem Krieg sogar mit Feldbahngleisen zu den Gütern beziehungsweise Ackerflächen ausgestattet.

Wagen wurden als Lauben und Lagerschuppen genutzt

Nach 1945 waren etwa 22  gedeckte und 20  offene Güterwagen der Baujahre 1911 bis 1931 vorhanden, um 1957 kamen dann noch fünf umgespurte sächsische offene Vierachser hinzu. Nach Ende des Güterverkehrs nutzte man einige gedeckte Wagen weiter als Gepäckbeiwagen beziehungsweise Lagerwagen.

Viele Wagenkästen wurden als Forsthütten, Hühnerställe oder Lauben verkauft, wovon heute sogar noch einige existieren. Zwei ehemalige Forsthütten aus der Nähe von Bad Doberan wurden mit Hilfe des THW geborgen, restauriert und dienen heute als Lagerschuppen auf dem Bahnhof Kühlungsborn West.

Mehrere offene Güterwagen wurden noch für den innerbetrieblichen Kohletransport, als Schlackewagen weiterverwendet. Zwei dienten mit demontierten Bordwänden zum Gleisjochtransport bei der Streckensanierung. Alle nicht mehr benötigten Güterwagen standen noch einige Jahre abgestellt beispielsweise im Ladegleis Kühlungsborn Ost und wurden dann verschrottet.

Verein sucht Sponsoren

Der Autor ist Vorsitzender des Vereins zur Traditionspflege des Molli. Dieser hat vier von sieben verbliebenen Molli-Güterwagen originalgetreu restauriert. Zusammen mit einem ebenfalls restaurierten Gepäckwagen des Baujahres 1914 bilden sie den historischen Güterzug. Er soll in diesem Jahr mit mehreren Sonderfahrten und Veranstaltungen an die Einstellung des Güterverkehrs beim Molli vor 50 Jahren erinnern. Gern würde der Verein zur Traditionspflege auch noch einen fünften Güterwagen aufarbeiten. Dazu werden jetzt Sponsoren gesucht.

Info unter jan.methling@molli-bahn.de

In den Jahren 1986 und 1988 waren fünf der erhaltenen Güterwagen und ein Wagenkasten im Reichsbahn-Ausbesserungswerk Perleberg zu einem Salon-, vier Sitz- und einem Gepäckwagen der Reko-Bauart umgebaut worden. Auf diese Weise konnte man die Traditionsfahrzeuge aus dem Regelverkehr herauslösen.

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