Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Mecklenburg „Fusion“-Festival in Lärz: Und alle haben sich lieb
Mecklenburg „Fusion“-Festival in Lärz: Und alle haben sich lieb
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:23 26.06.2019
„Fusion“-Festival 2019: Carolin Cebulsky (24), Julia Münzer (23), Doris Lüdemann (29), Psychologiestudentinnen aus Stendal. Quelle: „Dietmar Lilienthal
Anzeige
Mirow/Lärz

Der Polizist schaut erst ernst, dann lächelt er und winkt uns durch. Wie, keine Drogenkontrolle? Kommissar René Exner (35) aus Ueckermünde grinst: „Ihr seid nicht unsere Zielgruppe.“ Da muss er selbst lachen. Zu alt und etwas zu seriös vielleicht. Die 18 Polizisten und sieben Drogenfahnder vom Zoll, die mit Spürhunden die Autos am Kontrollpunkt zwischen Wesenberg und Mirow durchsuchen, kennen ihre Pappenheimer. „Der eine oder andere Vortest war schon positiv“, sagt Exner. Dann geht’s zur Blutprobe nach Mirow. Haben die Beamten Anzeichen, dass jemand im Auto unter Drogeneinfluss steht, muss der Verdächtige zur Dopingprobe ins Dixie-Klo. Draußen wartet ein Polizist, ob alles korrekt läuft.

„Warte kurz, ich muss schnell zur Pinkelprobe.“

Die Stimmung ist locker. Ein Schweizer ruft seiner Frau zu: „Warte kurz, ich muss schnell zur Pinkelprobe.“ Die Frau wartet mit Kind am Auto. Wenige Kilometer weiter kommt am Bahnhof von Mirow ein Zug voller „Fusion“-Besucher aus aller Welt an. Sie warten auf dem Vorplatz auf den Bus-Shuttle. In der Gruppe steht ein junger Mann mit einem Plastikbeutel voller Gras und baut sich in aller Seelenruhe einen Joint. 30 Meter entfernt steht ein Polizeibus, die Beamten beobachten die Szene.

Die Besucher der Fusion, die am 26. Juni angereist sind, hatten fast durchweg gute Laune. Auch in den Orten Mirow und Lärz herrscht bei Anwohnern, Polizisten und Händlern das Lächeln vor. OZ zeigt die schönsten Gesichter der Fusion

Oscar Matallana aus Kolumbien, der mit Miriam McDowell aus Nordirland angereist ist, meint: „Das ist ein Festival der Freiheit. Alle sind cool und nett, auch die Polizisten, die man hier trifft.“ Der 35-Jährige ist zum vierten Mal auf der Fusion, für seine 27-jährige Freundin ist es die Premiere. Sie ist total gespannt: „Ich freue mich auf Freiheit, gute Laune und Musik.“ Die beiden Lehrer sind von Teneriffa aus, wo sie leben, angereist. „Ich komme jedes Mal zur ,Fusion´, wenn ich das Glück habe, Karten zu kriegen“, sagt Oscar.

„30 Kilometer bei 37 Grad durch den Wald geradelt – bekloppt?“

Die „Fusion“ verwandelt Lärz und Mirow mit ihren 500 und 3900 Einwohnern jeden Sommer für fünf Tage in eine Art Wacken-Woodstock-Roskilde für E-Musik, House, Reggae und Techno. Die Orte wirken ein bisschen wie Schützenfest auf Speed. Bunte Hüte, Rastazöpfe, Glitzeraufkleber, Feenflügel, etwas verrückte Typen, die mit dem Fahrrad durch die Gluthitze radeln. Bitte? In Lärz an der Dorfkirche ist ein Stand mit Erfrischungsgetränken – Wasser, Bier, Cola und Matetee liegen in einer Blechwanne im kalten Wasser. Alexander (20), Valentin (20), Hendrik (26) und Richard (29) aus Dresden kommen mit ihren Rädern an, legen eine Pause ein. Mit dem Rad von Mirow bei der Hitze über die Landstraße? „Nee, wir kommen aus Wittstock,“ sagt Richard. Die Studenten sind aus Dresden per Zug angereist und ab Wittstock mit den Rädern weiter. 30 Kilometer bei 37 Grad Celsius! Seid ihr bekloppt? „Nö, wir sind ja die meiste Zeit durch den Wald geradelt“, sagt Richard. Da muss auch er lachen.

Am Bahnhof von Mirow hat Olaf (45), Gastronom im Ort, einen provisorischen Imbissstand aufgebaut. Es gibt belegte Brötchen, Bockwurst, Bratwurst und Getränke. Das Geschäft für fünf Tage nimmt er gern mit und hat extra zwei Dixi-Klos neben den Bahnhof gestellt. An anderen Bahnhöfen wurden die Toiletten zur „Fusion“ sogar gesperrt, wie NDR 1 berichtete. Damit sie nicht wegen der Überlastung kaputtgehen. Ausgelegt seien die Toiletten für 300 bis 400 Besucher täglich und nicht für 30 000. Die Bahn rechnet zur „Fusion“ mit 25 000 Reisenden zusätzlich, die über Neustrelitz zum Festival fahren.

„Spätestens bei der Abreise stürzen die sich aufs Fleisch.“

„Na ja“, sagt Olaf, bei dem Umsatz könne man ja wohl mal zwei Toiletten aufstellen. Das Geschäft werde aber erst während des Festivals richtig brummen, „Spätestens bei der Abreise stürzen die sich aufs Fleisch, weil sie beim Festival nur vegan gefuttert haben.“ Dann reißen sie ihm die Bratwürste und Bockwürste aus den Händen. Doris Lüdemann (29), Psychologie-Studentin aus Stendal, steigt aus dem Zug. Lust auf Bockwurst? „Mit Sicherheit nicht“, lacht sie. Gemeinsam mit ihren Freundinnen Carolin Cebulsky (24) und Julia Münzer, ebenfalls Psychologiestudentinnen, setzt sie sich auf den Rasen vor dem Bahnhof und wartet auf den Shuttle. Alle sehen bei der Hitze etwas geschafft aus – aber glücklich. Die drei Freundinnen haben sich Glitzerschmuck auf die Wangen geklebt. Ob sie auch wirklich echte Feen seien, wollen wir wissen. „Ganz bestimmt“, nicken sie einstimmig, „aus dem echten Feenland!“. Anwohner aus Mirow gehen vorbei und lächeln.

„Erstaunlich, wie viel Kreativität abseits des Mainstreams zu finden ist.“

Die fünf „Fusion“-Tage jedes Jahr gehören hier zum Alltag, machen ihn einmal pro Jahr ein wenig bunter. Mirows Bürgermeister Henry Tesch sagt: „Das schöne Wetter ist toll für das Festival, obwohl wir hoffen, dass die Temperaturen noch etwas zurückgehen. Ansonsten sind wir sehr froh, dass alle Beteiligten Wege gefunden haben, um miteinander zu sprechen und die Genehmigung erteilt wurde. Darüber bin ich sehr glücklich. Ich habe in den letzten Tagen in so viele fröhliche Gesichter geschaut. Ich werde selbst am Wochenende mal aufs Festival-Gelände gehen. Ich staune immer wieder darüber, wie viel Kreativität und tolle Acts abseits des Mainstreams zu finden sind.“

Gastronom Olaf sagt: „Mirow hat 3900 Einwohner. Im Sommer kommen noch 35 000 Urlauber dazu und zur Fusion noch mal 70 000 Fans.“ Das merkt man im Ort. Und wer da das Zusatzgeschäft nicht mitnehme, sei selbst schuld. Der Netto im Ort, weiß er, fahre sogar 20-Stunden-Schichten. Bei Netto möchte man aber zur „Fusion“ gar nichts sagen.

„Alles, wo Mate oder Bio draufsteht, geht bei der „Fusion“ wie verrückt.“

Bei Edeka ein paar Straßen weiter ist man da lockerer. Mitarbeiter Christian Lehmberg (56) aus Mirow sagt: „Wir haben allein zehn Paletten Mate stehen, die auch verkauft werden.“ Sonst schafft der Markt im gesamten Sommer eine Palette Mate. Dazu zehn Paletten Wasser, 60 Paletten Bier. Am besten geht Sternberg Pils (Kiste für 6,49 Euro). „Weil’s billig ist und schmeckt“, sagt Georg Hottmann (27), Maschinenbaustudent aus Offenburg, und nimmt sich ein paar Flaschen mit. Den Zusatzumsatz in Zahlen möchte Lehmberg nicht verraten. „Das ist schwierig zu bemessen, weil jetzt ja auch die Urlauber alle kommen. Aber es lohnt sich und macht Spaß, weil die jungen Leute alle gut drauf und nett sind.“ Ein lustiger Haufen, diese Fusionisten. „Aber Ordnung kann ich für diese drei Tage im Markt natürlich vergessen.“ Urlauber, die zum ersten Mal in Mirow sind, würden immer völlig überrascht gucken, wenn sie die ganzen wilden und zum Teil verkleideten jungen Leute sehen und fragen, was denn im Ort los sei.

„Das gehört wohl zum Gesamterlebnis, dass die alle campen.“

Einige verbinden Urlaub auch mit Fusion. So wie Christoph Hoffmann (31) aus Esslingen, der mit zwei Freunden aus München und Wien im Bus angereist ist und vor der Fusion noch auf der Mecklenburgischen Seenplatte paddeln war. Er verpackt gerade eine Kiste Mate und Verpflegung in den Bus. „Alles, wo Mate oder Bio draufsteht, geht bei der „Fusion“ wie verrückt.“ Aber auch die Regale, wo Gin und Pfeffi-Likör standen, sind geplündert. Grillsachen hingegen werden kaum gekauft. „Ich glaube, die leben da fünf Tage lang alle vegan“, sagt Lehmberg.

Nur eine Branche scheint von der Fusion gar nicht zu profitieren. Susanne Buchholz von der Fewo-Vermittlung in Freest sagt: „Ich habe in all den Jahren wegen der Fusion noch nicht eine einzige Ferienwohnung vermietet. Ich glaube, das gehört zum Gesamterlebnis dazu, dass die dort campen.“

Lesen Sie mehr zum Thema „Fusion-Festival“

Alle OZ-Berichte zum Fusion-Festival auf einer Seite

Caffier räumt Daten-Panne zur „Fusion“ ein

Zehn Gründe, warum die Fusion so megageil ist

Unfall auf „Fusion“-Gelände: Mann schwer verletzt

Nach langem Hin und Her: Grünes Licht für „Fusion“-Festival

Behörden lenken ein: Polizei verzichtet auf Wache und Streife auf „Fusion“-Festival

Streit mit Polizei: Veranstalter drohen mit dem Ende des „Fusion“-Festivals

Bildergalerie: So schön ist die „Fusion“!

Michael Meyer und Maria Baumgärtel

Eine neue Barlach-Ausstellung ist die erste unter der Ägide von Magdalena Schulz-Ohm, der neuen Geschäftsführerin der Barlach Stiftung Güstrow.

Seit 22 Jahren lockt der Kulturkosmos auf dem alten russischen Militärflugplatz bei Malchin 60 000 bis 70 000 Festivalfans an. Die Fusion ist eine Mega-Erfolgsstory. Doch was macht sie so anziehend?

 
25.06.2019

Mit der Freigabe des neuen Abschnitts der B 96n auf Rügen werden Anwohner und Autofahrer entlastet. Bis 2030 insgesamt 25 Straßenbauprojekte in MV angedacht.

24.06.2019