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Grevesmühlen Stralsunder Moderator Sievert über den Mauerfall: „Mir ging es gut in der DDR“
Mecklenburg Grevesmühlen Stralsunder Moderator Sievert über den Mauerfall: „Mir ging es gut in der DDR“
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08:19 10.11.2019
Matthias Sievert (r.) im Jahr 1989 auf einer Party in der Ost-Berliner Künstlerkneipe „Die Möwe“ in Berlin-Mitte. Rechts neben ihm, der bis heute international gefragte, ehemals ostdeutsche Countertenor Jochen Kowalski (l.). Quelle: privat
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Grevesmühlen

Als die DDR im Jahr 1989 ihren Endspurt nahm, war für Matthias Sievert gerade ein Traum in Erfüllung gegangen. Ein Jahr zuvor war er von Stralsund, wo er im Jahr 1971 geboren wurde und auch aufwuchs, nach Berlin gezogen.

Dort arbeitete er für das Staatliche Fernsehen der DDR als Moderator für das seinerzeit durchaus progressive Jugendfernsehformat „Elf 99“ und verkehrte mit DDR-Künstlern von Rang und Namen, – zum Beispiel mit dem Allround-Show-Talent Helga Hahnemann, oder Emöke Pöstenyi, Solotänzerin und Choreografin des Fernsehballetts, oder Jochen Kowalski – bis heute ein international gebuchter Countertenor, damals Ensemblemitglied der Komischen Oper Berlin.

Matthias Sievert in Grevesmühlen im Herbst 2019. Quelle: Annett Meinke

Auf den jungen, damals strohblonden Stralsunder wurde man in der Redaktion von „Elf 99“ im Jahr 1988 aufmerksam, – während einer Veranstaltung auf der Freilichtbühne seiner Heimatstadt. Sievert moderierte sie gemeinsam mit dem unter anderem aus der DDR-Musiksendung „Rund“ bekannten Moderator Bodo Freudl. „Es wurde damals ein lokaler Moderator gesucht, der mit Freudl interagierte. Ich hatte mich um den Job beworben und ihn bekommen.“, erzählt Sievert im Gespräch in einem Grevesmühlener Café.

Im Herbst 1989 demonstrierten Hunderttausende in der DDR für Reformen und gegen Staatsgewalt. Auch in Rostock, Wismar, Stralsund, Greifswald und anderen Städten im Nordosten protestieren viele Menschen gegen die Zustände im Land.

Seit 2005 engagiert sich Matthias Sievert beim Grevesmühlener Piraten Action Open Air Theater. Zunächst als freier Produktionsleiter, seit 2011 als Geschäftsführer. Seit einigen Jahren lebt er, gemeinsam mit seinem Lebenspartner, auf einem Dorf in der Nähe von Grevesmühlen.

„Ein Königreich vor dem Wind“ wird im kommenden Jahr bei den Piraten in Grevesmühlen gespielt. Quelle: Annett Meinke

Volkskunstschaffender „Sehr gut“

Sievert erzählt von dem Zertifikat, das man in der DDR brauchte, um als „Kunst- und Kulturschaffender“ arbeiten zu dürfen. Dabei huscht ein amüsiertes Lächeln über sein Gesicht. „Man musste sich einer Prüfung vor einer Kommission unterziehen und wurde dann eingestuft.“ Im Falle Sieverts kam ein „Volkskunstschaffender sehr guter Qualität“ dabei heraus.

Einen ordentlichen Beruf musste dennoch jeder, der sich im Kulturbetrieb der DDR etablieren wollte, vorweisen. „Entweder einen Beruf, oder man studierte an einer staatlichen Kunst- oder Schauspielschule“, sagt Sievert. Er verließ die Schule nach der 10. Klasse und erlernte den Beruf eines Kochs.

Moderierte der junge Stralsunder, der seine Auftrittserlaubnis bereits mit 15 Jahren erhielt, neben der Schule oder später neben der Berufsausbildung erhielt er pro Auftritt, – unabhängig davon, wie lange dieser dauerte –, ganze 30 DDR-Mark. „Volkskunstschaffende guter Qualität erhielten 15 Mark und die, denen ausgezeichnete Qualität bescheinigt wurde, 45 Mark.“, erinnert sich Sievert.

Nicht nur, was das Finanzielle, auch was die Bandbreite an interessanten Aufgaben anging, veränderte sich vieles für den norddeutschen Jung-Moderatoren, nachdem er bei „Elf 99“ angeheuert hatte. Dass damals in 1988 in Ostberliner Künstlerkreisen bereits eine „Art Aufbruchstimmung“ zu spüren gewesen sei, noch bevor die großen Fluchtwellen über Ungarn einsetzten, empfand Sievert. „Dabei ging es weniger um das Ende der DDR, sondern um eine Verbesserung des Systems.“

Doch daraus wurde bekanntlich nichts, die Mauer fiel, die Wiedervereinigung Deutschlands war schnell beschlossene Sache, und damit schlug auch dem DDR-Fernsehen die letzte Stunde. Am 31.12.1991 wurde die letzte Sendung ausgestrahlt, – eine Unterhaltungsshow, in der fast alle bedeutenden DDR-Unterhaltungsstars noch einmal gemeinsam auftraten.

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Vom DDR-Fernsehen ins Privatfernsehen

Die Jugendsendung „Elf 99“ lief noch zwei Jahre im Regionalprogramm von RTL Plus weiter. Die Produktionsgesellschaft „Elf 99“, die gegründet worden war, arbeitete mit den meisten der jungen, politisch nicht allzu belasteten Mitarbeiter der Sendung weiter. Sievert gehörte dazu, für ihn war der Mauerfall letztlich kein Fall aus schwindelerregender Höhe.

Die Produktion „Elf 99“ kooperierte ab 1994 auch mit RTL 2, produzierte Formate, wie „Die Redaktion“. Auch hier moderierte der „Jung aus Stralsund“, –bis Ende des Jahres 1996 das Format abgesetzt wurde. In den folgenden Jahren baute Matthias Sievert, unter anderem mit dem damaligen Sat 1-Chefredakteur Jörg van Hofen und Leo Kirch die Stadtsender TV München, TV Hamburg, TV Berlin auf.

Matthias Sievert (r.) über die Wendezeit in seinem Leben, anlässlich einer Podiumsdiskussion in der Grevesmühlener St. Nikolai Kirche. Die anderen auf dem Podium: Christof Oldenburg (v.l.), Udo Rathke, Kirsten Huschke, Moderator Thomas Lenz, Horst Lederer. Quelle: Annett Meinke

Von heute aus auf die Zeit um den Mauerfall herum geschaut, sagt Matthias Sievert, ist er froh, wie es für ihn gelaufen ist. „Dass ich mich in der DDR wohlgefühlt habe, dass es mir dort gut ging, daraus mache ich kein Geheimnis.“, sagt er. „Andererseits ist mir klar, dass es für viele Menschen anders lief.“ Die Mauer zurück will auch er nicht.

„Vieles zurzeit“, sagt er zum Schluss des Gespräches „erinnert mich seltsamerweise an die Zeit zum Ende der DDR.“ Auch damals sei nicht wirklich gesprochen worden, über das, was nicht funktioniert, oder viel zu spät. „Wir brauchen heute weniger lautes Geschrei in den sozialen Netzwerken als wirkliche Kommunikation. Gerade wenn man unterschiedlicher Meinung ist, muss man sich austauschen. Dazu gehört auch, einander zuhören.“

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