Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Grevesmühlen „Ich habe einen Traum“
Mecklenburg Grevesmühlen „Ich habe einen Traum“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 16.10.2018
Abeer Farhoud (31, Mitte), Künstlerin aus Damaskus, freut sich über die Möglichkeit, zwei ihrer Werke in der St. Nikolai Kirche Grevesmühlen auszustellen. Hier im Gespräch mit Pastorin Maria Harder (l.) und Renate Schürmeyer, Künstlerin aus Jeese in Nordwestmecklenburg. Quelle: Annett Meinke
Anzeige
Grevesmühlen

Maria Harder, Pastorin der Grevesmühlener St. Nikolai Kirchengemeinde, ist erstaunt, wie fließend Abeer Farhoud (31) bereits Deutsch spricht. Die junge Syrerin wehrt das Kompliment bei einem Treffen in der Kirche, in der seit ein paar Wochen zwei von ihren Kunstwerken hängen, bescheiden ab. „Ach, nein, so gut ist es doch noch nicht.“ Dass Abeer Farhouds deutsch, ihre Lernbereitschaft und Kraft bewunderungswürdig auf die Pastorin wirken, hat auch mit dem zu tun, was Abeer Farhoud erlebt hat. Ihre Kunstwerke zeugen davon.

Die Kunstlehrerin und ihr Mann Khaled Rawas haben sich im Jahr 2011 gegen das Assad-Regime gewehrt. Sie engagierten sich in den Revolutionsräten in Damaskus, demonstrierten für Freiheit und Demokratie. Je mehr das Geschehen im Land eskalierte, desto klarer positionierte sich Abeer Farhoud auch mit ihrer Kunst.

Menschen die Würde zurückgeben

Als der Diktator die Demonstranten niederknüppeln ließ, ließen Abeer, ihr Mann und viele andere, rote Farbe aus Damaskus Springbrunnen sprudeln, um das Blut zu zeigen, das vergossen wurde. Sie ließen Pingpong-Bälle von Treppen hinunterhüpfen, jeder sollte einen Menschen symbolisieren, die immer weiterrollen sollten, solange bis sie sich vor Assads Tür wie eine riesige Anklage versammelten. Worte wie Demokratie, Freiheit, Justiz standen auf den kleinen, gelben Bällen.

Dann wurde Abeer Farhoud verhaftet. „Ich hatte großes Glück, nach drei Monaten ließen sie mich wieder gehen“, sagt sie. Doch was sie im Gefängnis erlebte, was sie sah, mit anhörte, ist etwas, was sie nie vergessen wird. Gefängniszellen, in denen Menschen, eng aneinandergedrängt, wie Vieh eingepfercht wurden, ihrer Würde beraubt, gefoltert.

„Wir flohen in den Libanon, dann in die Türkei und kamen 2015 nach Deutschland“, erzählt sie. Was manchen hätte zerbrechen lassen, stärkte ihren Willen, das zu thematisieren, was unter Assad in Syrien passiert. „Die Getöteten bekamen Nummern, so als hätten sie keine Namen“, erzählt sie. Mit ihren Kunstwerken will sie den Toten, all den Studenten, Lehrern, Menschen jeder Gesellschaftsschicht, die starben, weil sie ein anderes System wollten, ihre Namen zurückgeben.

Eines der Werke in der St. Nikolai Kirche zeigt Menschen, die aus der Ferne wie Puppen wirken, tote Menschen, die übereinander gereiht sind. Ihre Nummern hat Abeer Farhoud auf einer Papierrolle darunter vermerkt. 480 ist Eyad Shap. 481 ist Tamer Rashed. 482 Khaked Bader. 483 Rami Dieb. „So könnte ich weiter und weiter machen“, sagt Abeer. Schier endlose Schriftrollen.

Kunstwerke berühren Grevesmühlener

Es ist besonders dieses Werk, sagt Pastorin Harder, das manch älteren Kirchenbesucher tief berührt. „Eine Dame hat mir gesagt, dass sie Gänsehaut bekommt, wenn sie davorsteht.“, sagt Harder. Es ist die Verbindung mit der Erinnerung an die Nummern der Häftlinge deutscher Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg, sind sich Maria Harder und Renate Schürmeyer, Künstlerin aus Jeese, die bereits mehrfach mit Abeer Farhoud zusammengearbeitet hat, einig.

Abeer Farhoud in der St. Nikolai Kirche Grevesmühlen

Abeer Farhoud lebt seit Anfang des Jahres mit ihrem Mann und ihrer Tochter Jasmina (3) in Wismar. Sie kommt gut zurecht, sagt sie. An den Deutschen bewundert sie deren Fähigkeit zur Reflexion des Grauens, das mit der Geschichte des deutschen Volkes verbunden ist. Trotz allem, was derzeit an rechtem Gedankengut wieder spürbar wird. „Die Deutschen insgesamt sind offener und fortschrittlicher als jedes andere Volk im Umgang mit den eigenen Verbrechen“, sagt Abeer Farhoud.

Sie hat einen Traum, an dem hält sie fest, mit allem Mut und aller Kraft, die ihr zur Verfügung steht: „Eines Tages werden wir nach Hause gehen und unser Land wieder aufbauen. Das wünsche ich mir auch für meine Tochter, die unsere Heimat noch nicht kennt. Ein freies, friedliches, demokratisches Syrien.“

Annett Meinke

Mit symbolischen Spatenstichen hat am Dienstag in Wahrsow (Nordwestmecklenburg) der Bau eines neuen Gerätehauses für die Freiwillige Feuerwehr Lüdersdorf begonnen. 2019 soll es fertig sein.

16.10.2018

Der siebte Lichterlauf in Schönberg startet am Sonnabend, dem 20. Oktober, um 14 Uhr. Der Verein „Unternehmen für Schönberg“ lädt zu dem Wettbewerb und einem Unterhaltungsprogramm ein.

16.10.2018

Im April 2019 soll der Breitband-Ausbau in Boltenhagen beginnen. 75 Prozent der Haushalte bekommen einen geförderten Anschluss. Die OZ beantwortet die wichtigsten Fragen.

16.10.2018