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Grevesmühlen Künstler gestalten Plüschower Bahnhof
Mecklenburg Grevesmühlen Künstler gestalten Plüschower Bahnhof
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17:18 15.11.2018
Die diesjährigen Herbst- Kunststipendiaten (artists in residence) im Mecklenburgischen Künstlerhaus Schloss Plüschow haben ein besonderes Gemeinschaftsprojekt: das Wetterhäuschen auf dem Bahnhof von Plüschow. Die Deutsche Bahn hatte das Künstlerhaus um Gestaltung gebeten. Quelle: Annett Meinke
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Plüschow

Wie immer um diese Zeit im Jahr leben und arbeiten im Mecklenburgischen Künstlerhaus Schloss Plüschow international renommierte Künstler (Artists in Residence) – noch bis Ende Dezember. Diesmal sind es ausschließlich Künstlerinnen – und, wie Zixuan Zhang aus Beijing in China es auf Englisch ausdrückt: „Es ist irgendwie sehr angenehm mal nur so unter Frauen.“ Tatsächlich verstehen sich alle Fünf, Céline Struger aus Österreich, Mijin Hyun aus Südkorea, Selma van Panhuis aus den Niederlanden, Isabell Schulte aus Berlin und Zhang, offensichtlich ausgesprochen gut. Sie haben jede Menge Spaß miteinander, feiern sogar Partys – Isabell Schulte hatte vor kurzem Geburtstag – und finden dennoch ausreichend Zeit, um konzentriert an ihren jeweiligen künstlerischen Projekten zu arbeiten.

Gemeinschaftsprojekt Bahnhofshäuschen Plüschow

Zu den Ideen, die sie bereits mit nach Plüschow in die Ruhe der Nordwestmecklenburger Landschaft brachten oder auch erst hier entwickelten – die meisten der allesamt um die 30 Jahre alten Künstlerinnen zeichnen oder malen, lediglich die Südkoreanerin Mijin Hyun arbeitet sonst überwiegend an Installationen – kommt ein gemeinsames Projekt, das die fünf Künstlerinnen auf ganz besondere Weise zusammenführt.

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Udo Rathke, Leiter des Künstlerhauses, erklärt, worum es dabei geht: „Die Bundesbahn trat im Sommer an mich heran, fragte an, ob wir vom Künstlerhaus aus nicht die Gestaltung des Wetterhäuschens auf dem Plüschower Bahnsteig übernehmen möchten.“ Hintergrund der Anfrage waren von einem unbekannten Künstler im Wartehäuschen bereits gestaltete Comics – ein sich küssendes Liebespaar und eine Zeichnung, die eine Naturszene zeigt. Sie gefielen den Verantwortlichen bei der Bundesbahn so gut, dass sie mehr davon wollten. Udo Rathke fragte die fünf Künstlerinnen – und sie stimmten dem Projekt zu. Vorgabe: Es muss in die Region passen und es sollte nach Möglichkeit ein wie auch immer gearteter Bezug zu den bereits vorhandenen Kunstwerken des unbekannten Künstlers hergestellt werden.

Jesus spielt Akkordeon

In den kommenden Tagen wird das Gemeinschaftsprojekt am Plüschower Bahnhof fertiggestellt. Eine gute Gelegenheit für Kunstfreunde aus der Region, sich das Ergebnis vielleicht einmal anzuschauen, wäre der 24. November. An diesem Samstag, in der Zeit von 15 bis 18 Uhr öffnen die Kunststipendiaten auf Schloss Plüschow ihr Studio. Vielleicht nutzt, wer sie besucht, auch gleich noch die Gelegenheit, um beim Bahnhof vorbeizufahren.

Zhang hat sich für die Darstellung der Alpakas, die auf der Weide neben dem Schloss in Plüschow leben, entschieden. Sie verleiht ihren Arbeiten gern humorvolle Züge. „Die Alpakas sehen freundlich aus, so, als würden sie immer lachen. Deshalb male ich sie“, erklärt sie. Interessant sind auch andere Werke, an denen die Chinesin gerade in Plüschow arbeitet. Eines ihrer Themen ist von einem Kirchenbesuch in Dassow inspiriert. Es geht um „Jesus“. Mag sein, dass der ein oder andere gläubige Mensch, in der Art und Weise, wie Zhang sich Jesus nähert, Blasphemie erkennt. Doch das ist nicht ihre Absicht. Als Nichtchristin (und auch nicht aufgewachsen in einem christlichen Kontext) nähert sie sich Jesus einfach nur unvoreingenommen – und mit dem ihr eigenen Humor. So wird aus dem ewig leidenden Heiland, die Schuld der ganzen Welt auf sich nehmenden Jesus, ein fröhlicher, der Akkordeon spielt und im Chorus mit sich selbst singt. Dort darf er auch mal weinen, aber eben auch lachen und die vielfältigsten Grimassen ziehen. So wie ein Mensch – der Gottes Sohn schließlich immerhin einmal gewesen sein soll.

Zixuan Zhang aus Beijing in China gehört zu den Artists in Residence im Herbst 2018 im Mecklenburgischen Künstlerhaus Schloss Plüschow. Die chinesische Künstlerin ist zum ersten Mal in Deutschland und auch nur für die Dauer des Kunststipendiums. Quelle: Annett Meinke

Dennoch hat Zhang, die in der Dassower Kirche auch auf der Orgel spielte – erst Bach, dann ein chinesisches Volkslied – sich bei der Darstellung des Heilands auf die Verwendung von Farbtönen reduziert, die im Mittelalter bei alten Fresken verwendet wurden. Nur eben erzeugt die Kombination der Farben, die sie wählt, beim Betrachten irgendwie Vergnügen. Zhang traut sich auch an andere Themen heran, die für viele problematisch sind. Da gibt es zum Beispiel diesen Menschen, dem ein Wind aus dem Hinterteil fährt. „Etwas, für das sich viele schämen. Doch ich dachte mir, warum eigentlich?“ Und so wurde der „Furz“ von Zhang, das Bild heißt „Blauer Furz“, dann eben farbenfroh und auch ein wenig schillernd.

Die Niederländerin Selma van Panhuis, die sich in ihren grafischen Kunstwerken gern von der Natur inspirieren lässt, aber auch gern mit Farbe und Struktur großflächig experimentiert, wird sich der Fläche, die sie im Plüschower Wartehäuschen auszufüllen gedenkt, intuitiv nähern. „Ich arbeite grundsätzlich auf sehr intuitive Weise, mit dem, was mich umgibt.“ Van Panhuis lebt seit ein paar Jahren in Leipzig, erzählt sie, fühlt sich dort sehr wohl, sich gleichermaßen aber auch von gestalteten Naturräumen angezogen. Und da bekanntlich nichts an der Nordwestmecklenburger Natur noch in einem ursprünglichen Urzustand ist, sondern alle hier vorzufindende Landschaft vom Menschen bereits gestaltet wurde, findet sie hier genügend Ausgangsmaterial für ihre Zeichnungen und Bilder. Andererseits liebt van Panhuis Räume, deren Bedeutung noch nicht endgültig festgelegt ist. Und auch da findet sich in der hiesigen Kulturlandschaft genug Freiraum.

Herbst 2018

Vom Rattenkönig, Hieroglyphen und Eicheln

Die Österreicherin Céline Struger nimmt direkten Bezug zu den Kunstwerken des unbekannten Künstlers im Bahnhofshäuschen, widmet sich dem Umriss einer Schnecke, die auch bereits schon vorhanden war, zum Beispiel. In ihrem Plüschower Atelier arbeitet sie unter anderem an einem bildhauerischen Werk. „Ich interessiere mich, seit ich im Jahr 2015 genau zu jener Zeit in Paris war, als das Bombenattentat passierte, für das Thema ,Desaster’ In diesem Zusammenhang fand ich den deutschen Mythos vom ,Rattenkönig’ interessant, der, wo immer er auftaucht, den Untergang einer Stadt ankündigt.“ Sie hat Mäuse, die sich mit ihren Schwänzen verknoten (das ist es, was man Rattenkönig nannte im Mittelalter) modelliert, um sie zu einer Gesamt-Skulptur zusammenzustellen. Struger arbeitet, generell könnte man sagen, genreübergreifend. Sie zeichnet zum Beispiel auch Comics, in denen sie sich mit niemand Geringerem als dem umstrittenen französischen Schriftsteller Michel Houellebecq und seinen Werken und Thesen auseinandersetzt. Struger war in diesem Jahr bereits mit Arbeitsstipendien in Ungarn und Südkorea.

Isabell Schulte, Künstlerin aus Berlin, wird ein Gedicht des Lyrikers Jan Wagner an dem Wetterhäuschen auf Plüschows Bahnhof hinterlassen, das sich einer Pflanze widmet, die jeder in der Gegend kennt: dem Giersch. Ansonsten arbeit sie in Plüschow an großformatigen Grafiken, die etwas Landkarten-artiges zu besitzen scheinen –, zumindest schaut man von Weitem darauf. Tritt man jedoch nah an die Kunstwerke heran, die als Serie entstehen, – jede Zeichnung übernimmt dabei etwas von dem vorhergehenden Part –, sieht man, dass sie im Entstehungsprozess extrem kleinteilig arbeitet. Zeichen, Schraffuren, Hieroglyphen. „Ich arbeite immer auf dem Boden, an dem jeweiligen Teil, sehe also nie das Ganze“, erklärt sie. „Erst zum Schluss.“ Besonders genießt Schulte an der Zeit im Plüschower Schloss, „die Freiheit den ganzen Tag in Ruhe an meinen Kunstwerken zu arbeiten.“

Anders als ihre Kolleginnen arbeitet die Südkoreanerin Mijin Hyun eigentlich fast ausschließlich im Bereich Installation. Für das Projekt am Bahnhof in Plüschow jedoch zeichnet sie. Die Südkoreanerin, die seit einigen Jahren in Deutschland lebt und hier noch einmal Kunst studiert hat, nach einem bereits abgeschlossenen Kunststudium in ihrer Heimat, legt bei ihren Installationen Wert auf die Interaktion mit dem Publikum: „Es ist immer etwas, was an meinen Werken bedient oder ausgelöst werden muss durch den Betrachter. Auf irgendeine Weise muss der Rezipient mit dem Kunstwerk interagieren.“ In Plüschow ist sie gerade besonders von den in diesem Jahr so reichlich vorhandenen Eicheln fasziniert, die Geräusche machen, die sie vielleicht in eine Klanginstallation integrieren wird.

Tag der offenen Studios

Der Tag der offenen Tür oder offenen Studios wird auf Schloss Plüschow am Sonnabend, 24. November, von 15 bis 18 Uhr stattfinden.

In dieser Zeit besteht die Gelegenheit, die fünf Herbst-Stipendiatinnen aus China, Deutschland, Österreich, Niederlanden und Südkorea persönlich kennenzulernen, ihre Werke zu betrachten und mit ihnen darüber in Austausch zu treten. Alle Künstlerinnen bis auf Zixuan Zhang aus Chile sprechen Deutsch. Mit Zhang kann auf Englisch kommuniziert werden.

Um 15 Uhr wird Künstlerhausleiter Udo Rathke die Gäste auf Schloss Plüschow begrüßen. Danach beginnt der Rundgang durch die Ateliers.

Gäste, die mit der Bahn anreisen, werden vom neu gestalteten Wetterschutzhäuschen auf dem Bahnsteig empfangen. In Kooperation mit der Deutschen Bahn AG haben die fünf Künstlerinnen die Innenwände mit Malereien ausgestaltet. Reisende erhalten auf diese Weise auch einen optischen Hinweis auf den Kunstort Plüschow.

Annett Meinke

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