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Grevesmühlen Aus Polen, dem Iran und der DDR: Drei Menschen erzählen ihre Fluchtgeschichte
Mecklenburg Grevesmühlen

Aus Polen, dem Iran und der DDR: Drei Menschen erzählen ihre Fluchtgeschichte

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10:18 24.12.2021
Die Künstlerin Miro Zahra arrangiert die Decken in der Kirche von Damshagen und leuchtet den Friedensengel an.
Die Künstlerin Miro Zahra arrangiert die Decken in der Kirche von Damshagen und leuchtet den Friedensengel an. Quelle: Annabelle von Bernstorff
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Damshagen

“Tante, mir ist so kalt und ich bin hungrig“, sagt die kleine Taman (6 Jahre). Gemeinsam mit ihren Geschwistern Zaman (2), Rahand (7), Resa (8) und Rawah (9) harrt sie an der polnisch weißrussischen Grenze aus. Die Kinder lecken den Tau von den Blättern, kauen Äste, um die Säfte zu saugen und den leeren Magen zu täuschen. Die polnische Menschenrechtsaktivistin Joanna Aisha Iwinska gibt auf Facebook Zeugnis vom Leid dieser Kinder. Sie sind mit ihren Eltern aufgebrochen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, gelockt von den Versprechungen des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko. „Ich fühle mich machtlos“, schreibt Iwinska, „ich wünschte, ich könnte all diesen Kindern den Himmel halten und ich kann ihnen nicht einmal eine einzige Flasche Wasser geben.“

„Ihre Worte haben mich tief ins Herz getroffen“

Dieses Gefühl der Machtlosigkeit beschäftigt auch die Plüschower Künstlerin Miro Zahra, die uns diesen Text zugänglich gemacht hat. „Ihre Worte haben mich tief ins Herz getroffen“, sagt sie. Darum hat sie die Menschen eingeladen, am 4. Advent nicht mehr genutzte Decken in die Kirche nach Damshagen zu bringen. Aus den Decken lässt sie vor dem Altar eine Skulptur wachsen, von der aus der Friedensengel am Altar angeleuchtet wird. „Eine Geste der Versöhnung, auch an uns selbst“, bezeichnet sie den Akt. „Wir wissen nicht, wie es den Kindern heute geht, aber wir haben teil an ihrem Schicksal.“ Die Kunst sei auch dazu da, Trost zu geben und der Ohnmacht Ausdruck zu verleihen.

Die Künstlerin Miro Zahra arrangiert die Decken in der Kirche von Damshagen und leuchtet den Friedensengel an. Quelle: Annabelle von Bernstorff

„Ich bin froh, etwas tun zu können, indem ich meine Decke hierher bringe“, sagt Karla Jacobi-Doil. „Diese Decke wird nun wieder einen Menschen wärmen können.“ Alle Decken gehen an die Organisation „International Rescue Committee“, die an der polnischen Grenze zu Weißrussland im Einsatz ist.

Karla Jaconi-Doil übergibt eine Decke an Miro Zahra Quelle: Annabelle von Bernstorff

Schon Maria und Josef mussten flüchten

Flucht und Vertreibung sind von jeher Teil der Menschheitsgeschichte. Schon Maria und Josef flohen mit dem kleinen Jesus vor Herodes nach Ägypten. Zwischen 12 und 14 Millionen Ost- und Sudetendeutsche flohen 1944/45 gen Westen. Eine von Ihnen ist Ingrid Eggers, geboren 1927 im westpommerschen Kösslin (heute Koszalin, Polen) als eines von acht Kindern der Familie. Die heute 94-jährige ist in der Nähe von Danzig im Arbeitsdienst stationiert, als sie erfährt, dass das Elternhaus am Rande von Kösslin verlassen ist. Die damals noch lebenden Schwestern sind Richtung Rostock geflüchtet, wie sie durch das Rote Kreuz herausfindet. Mit nichts als ihren Kleidern vom Arbeitsdienst am Leib folgt sie den Schwestern, trifft sie in Gehlsdorf wieder. „Das glauben sie gar nicht, das war so wunderbar“, erinnert sich die alte Dame mit bebender Stimme an die Wiedervereinigung der Geschwister.

Ingrid Eggers (94) ist 1945 nach Nordwestmecklenburg gekommen Quelle: Annabelle von Bernstorff

Doch die Mädchen können nicht bleiben, es ist zu eng bei der Familie, die sie aufgenommen hat. Sie fliehen weiter westwärts. Landen in einem Zug Richtung Grevesmühlen. Müssen unterwegs aussteigen, weil die Fliegerbomben angreifen. „Unserer kleinen Rosie haben sie ein Loch in die Mütze geschossen, nur wenige Zentimeter über dem Schädel“, berichtet Ingrid Eggers. In Grieben/Volkenshagen steigen die Mädchen bangen Herzens aus dem Zug.

„Die waren so liebevoll, obwohl sie selbst nichts hatten“

„Das war schwer für uns“, erinnert sich Ingrid Eggers noch ganz genau: „Die Ungewissheit – Wo kommen wir hin? Werden wir gut aufgenommen?“ Sie werden vom freundlichen Bauern Peters mit dem Pferdewagen abgeholt. Sie haben nichts, außer ihrem Leben und ein paar alten Fotografien, die die Schwester gerettet hat. Die Bauern nehmen zwei Schwestern auf, die Häuslerfamilie Bibow zwei weitere. Ingrid und Rosemarie bekommen ein richtiges Bett mit warmer Decke in der Stube der Häuslerfamilie. „Die waren so liebevoll, obwohl sie selbst nichts hatten“, sagt sie voll Dankbarkeit. Eines Nachts kommen die Russen, da flüchtet sie zum letzten Mal, diesmal nur aus dem Fenster und versteckt sich in den Büschen. Beide Mädchen bleiben zum Glück unversehrt.

„Alle, die heute auf der Flucht sind, tun mir furchtbar leid“

Die Schwestern ziehen weiter in die Bundesrepublik, Rosemarie sogar bis nach Amerika. Ingrid Eggers schlägt in Bernstorf Wurzeln. „Alle, die heute auf der Flucht sind, tun mir furchtbar leid“, sagt sie. Das mache niemand ohne Not, sie selbst habe auch nie damit gerechnet, ihr Zuhause in Kösslin verlassen zu müssen.

Mario Wächtler schwamm am 2. September 1989 von der DDR-Seite der Ostsee auf die westdeutsche Seite und war damit wohl der letzte DDR-Flüchtling. Das Bild zeigt ihn 2004 in seinem niedersächsischen Wohnort Wolthausen (Kr. Celle). Quelle: dpa/Wolfgang Weihs

Die spektakuläre Fluchtgeschichte von Mario Wächtler, dem letzten DDR-Flüchtling Anfang September 1989, kennen viele. Nicht so bekannt ist, dass er bereits mit 15 Jahren versucht hatte, mit dem Zug aus der DDR zu fliehen. Mit 24 Jahren gelingt schließlich die Flucht über die Ostsee. Der gelernte Kfz-Mechaniker und Rettungsschwimmer schwimmt ausgehend von der Wohlenberger Wiek wohl 36 Kilometer in Richtung Freiheit. Dann zieht ihn – in einem dramatischen Wettlauf mit den ostdeutschen Grenzschützern – die Besatzung einer westdeutschen Ostseefähre aus dem 15 Grad kalten Wasser.

„Wenn ich ein Syrer wäre, ich würde auch loslaufen.“

„Ich bin sofort ohnmächtig geworden. Auf der Brücke bin ich aufgewacht. Ich war in eine Decke gehüllt. Ich habe versucht, mich aufzurichten, und habe mir gedacht: „Jetzt habe ich es geschafft.“ Die Mannschaft hat ihn grandios umsorgt. Er habe Kleidung bekommen, Jeans, ein T-Shirt, Schuhe. „Ich hatte ja nichts am Leib!“ Mit dem Kapitän der „Peter Pan“, Gerhard Haucke hält er bis heute eine „dankbare Verbindung“, wie Wächtler es nennt. Regelmäßig kehrt er an die Wohlenberger Wiek zurück. Er sagt: „Wenn ich ein Syrer wäre, ich würde auch loslaufen.“

„Ich fühlte mich entsetzlich ungeschützt“

„Ich war Journalistin und habe über Menschenrechtsverletzungen im Iran berichtet. Darum wurde ich vom Regime der islamischen Republik verfolgt“, benennt Sahar Nasiri nüchtern die Gründe für ihre Flucht. Im Iran schrecke man vor der Folter von Regimekritikern nicht zurück. Sahar Nasiri hat Glück, ihre Flucht gelingt. Erst als sie im Erstaufnahmelager in Hamburg ihren Asylantrag stellt, wird ihr klar, wie einsam und verloren sie sich fühlt. „Jemand hat mir einen Tee und ein Sandwich hingestellt, einfach so, das war so eine liebevolle Geste.“ Sie gibt ihr Hoffnung, dass es gut werden könne in diesem neuen, fremden Land.

Sahar Nasiri ist 2017 aus dem Iran geflüchtet Quelle: privat

Anschließend wurde sie in die Flüchtlingsunterkunft nach Boitzenburg umgesiedelt. Sie berichtet: „Ich war ängstlich, das Lager lag so weit außerhalb. Ich fühlte mich entsetzlich ungeschützt.“ Doch dann habe ihr jemand eine Decke gebracht, eine Seife und Shampoo. „Das hört sich vielleicht komisch an, aber diese Dinge haben mir Sicherheit gegeben“, erinnert sich Sahar. Heute arbeitet sie im Frauentreff in Wismar und studiert Soziale Arbeit.

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„Ein besseres Leben zu wollen, ist ein krasses Motiv, sich auf die Flucht zu begeben!“

Vier unterschiedliche Fluchten, viele unterschiedliche Ursachen. Ganz gleich, warum sich jemand auf den Weg macht, findet Nina Rathke aus Berlin, die zur Kunstaktion ihrer Mutter Miro Zahra nach Damshagen gekommen ist: „Ein besseres Leben zu wollen, ist ein krasses Motiv, sich auf die Flucht zu begeben.“

Situationen wie die an der polnischen Grenze dürften sich nicht wiederholen. „Das ist eine humanitäre Katastrophe“, so Miro Zahra. „Die Menschen wurden unter falschen Motiven dorthin gelockt. Wir sind verpflichtet, ihnen zu helfen“, fordert sie. Glücklich, wer an diesem Heiligen Abend eine warme Decke und ein sicheres Zuhause hat.

Von Annabelle von Bernstorff