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Grevesmühlen Das Lager im Wald
Mecklenburg Grevesmühlen Das Lager im Wald
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00:00 30.03.2015
Mulden im Boden des Waldes: Hier standen die Baracken des Flüchtlingslagers Questin. Quelle: Robert Niemeyer
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Grevesmühlen

„Erinnerungen an körperliche Reinigung, sanitäre Anlagen oder Plätze zum Wäsche waschen habe ich auch heute nach langen Überlegungen nicht. Die Zeit war zu schlimm, dass jegliche Wahrnehmung wahrscheinlich ausgelöscht wurde.“ Es ist nur wenig bekannt über das Flüchtlingslager nahe Questin bei Grevesmühlen. Berichte von Zeitzeugen wie die von Dora Akber-Sade (geborene Schumann) im aktuellen Heimatheft des Heimatvereins Grevesmühlen gehören zu den wenigen Veröffentlichungen zu einem traurigen Kapitel Lokalgeschichte. Das soll sich jetzt ändern.

Stadtarchivar Alexander Rehwaldt will im kommenden Schuljahr gemeinsam mit Schülern des Gymnasiums Am Tannenberg die Geschichte aufarbeiten.

„Das Lager hatte mehrere Tausend Insassen“, sagt Alexander Rehwaldt. Dora Akber-Sade berichtet in ihrem Text im Heimatheft von 15 bis 20 Baracken in Vertiefungen im Waldboden. Nur die Dächer seien zu sehen gewesen. Noch heute findet man, wenn man von der Rehnaer Straße im Süden der Stadt in die Straße Hamburger Berg einbiegt nach wenigen Kilometern Spuren der Unterkünfte. Mehrere etwa ein Meter tiefe, rund zehn mal drei Meter große Mulden direkt am Waldesrand zeugen von der Zeit nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Erich Schreier aus Bruchkörbel bei Frankfurt beschrieb im Heimatheft Nummer zwei des Jahres 2004 das Lager folgendermaßen: „Halb in den sandigen Waldboden nebeneinander eingegraben, grenzten mit dem vorderen Giebel an einen am Waldsaum vorbeiführenden breiten Sandweg. hinter diesen Wohnbehausungen, standen ebenerdig mehrere Holzhäuser. Sie waren als Kantine und Vorratslager, Sanitätsstation und Badeanstalt eingerichtet.“ Dabei beschreibt Schreier jedoch die Situation des Lagers kurz vor dessen Schließung. Möglich, dass die Wascheinrichtungen erst infolge der Typhusepidemie entstanden. Dora Akber-Sade war Ende 1945 in das Lager gekommen.

Wie lange es genau bestand, ist bislang noch unklar. „Derzeit gehen wir von Sommer 1945 bis Mitte, Ende 1946 aus“, sagt Alexander Rehwaldt. Mehr als vier Millionen Flüchtlinge zog es zwischen 1944/45 in die sowjetische Besatzungszone, Hunderttausende wurden in Lagern untergebracht. Das Lager in Questin, zuvor ein Lager der Roten Armee, war eines davon.

Tausende Flüchtlinge

Laut einer Liste vom 6. März 1946 lebten damals 1500 bis 2000 Flüchtlinge in Lagern, laut Alexander Rehwaldt nicht nur in Questin, sondern unter anderem auch in Friedrichshagen, Dietrichshagen oder Schildberg. Wie schwierig es gewesen sein muss, Unterkünfte für die Flüchtlinge aus Ostpreußen und Pommern zu finden, zeigen andere Zahlen. In Grevesmühlen lebten im März 1946 fast 5500 Ortsansässige. Flüchtlinge außerhalb der Lager gab es aber fast 8000.

Dabei waren die Baracken in Questin, von denen es laut Rehwaldt auch deutlich mehr als 20 gegeben haben könnte, eigentlich als Durchgangslager gedacht. Die hier untergebrachten Menschen sollten in der Umgebung ein neues Zuhause finden, oft unter dem Dach anderer Familien.

Tod durch Typhus

Doch daraus wurde eine ganze Weile nichts. Irgendwann in den knapp zwei Jahren muss es zu einer Typhusepidemie innerhalb des Lagers gekommen sein. „Es war verboten, das Lager zu verlassen, da es unter Quarantäne stand“, schreibt Dora Akber-Sade in ihrem Bericht. Diese Krankheitswelle führte dazu, dass das Lager bis heute weitläufig auch als Quarantänelager bezeichnet wird. „Meine Mutter Paula Schumann, meine Oma Anna Schumann, meine Schwester Hella und ich, Dora, erkrankten Anfang Januar 1946 ebenfalls an Typhus. Während Hella und ich im hohen Fieber lagen, verstarben im Lager Questin unsere Oma Anna am 6. Januar 1946 und unsere Mutter 5 Tage später am 11. Januar 1946“, erinnert sich Dora Akber-Sade. Wie viele Menschen genau dort der Krankheit erlagen, ist bis heute nicht klar. Stadtarchivar Alexander Rehwaldt liegen verschiedene Sterbelisten aus der Zeit vor. „Mehr als hundert waren es bestimmt“, sagt Rehwaldt. Viele von ihnen wurden in einem Massengrab auf dem Grevesmühlener Friedhof verscharrt.

Mit Schülern der zehnten Klassen des Gymnasiums Am Tannenberg will sich Rehwaldt nun im kommenden Schuljahr auf Spurensuche machen. „Im Wahlpflichtkurs Geschichte machen wir das als Forschungsprojekt“, sagt der Stadtarchivar. Quellen sollen gesichtet und ausgewertet werden, auch eine Ausstellung mit den Erkenntnissen sei möglich. Geplant ist zudem, sich mit einem Metalldetektor direkt vor Ort in Questin auf die Suche nach Fundstücken zu machen. „Ich erhoffe mir, dass wir unter anderem herauskriegen, wie viele Menschen dort gestorben sind“, sagt Rehwaldt.

Doch die Aufarbeitung dürfte einige Arbeit in Anspruch nehmen. „Es gibt Zeitzeugen, aber systematisch erforscht wurde das Lager noch nicht“, sagt Rehwaldt. Die Quellenlage sei eher dürftig, auch Fotos dürften schwer zu finden sein.

Gedenkstein auf dem Friedhof

Mit dem Schülerprojekt soll nicht nur ein Kapitel Lokalgeschichte untersucht werden. Es soll auch zum Gedenken an die Verstorbenen beitragen. Gleichzeitig plant der Heimatverein, einen Gedenkstein auf dem Grevesmühlener Friedhof aufzustellen. „Die notwendigen Vorbereitungen sind eingeleitet, sodass die Übergabe für den 16. Juni vorgesehen ist“, sagte am vergangenen Wochenende Eckard Redersborg, der ehemalige Vorsitzende des Heimatvereins. Mehr als 1500 Euro seien durch Spenden in der Vergangenheit dafür zusammengekommen. Stadtarchiv, Heimatverein und Kirchgemeinden sind an dem Projekt beteiligt. Lediglich die Inschrift für den Gedenkstein fehlt noch, genauer gesagt, ein Name für das Lager. Verschiedene Vorschläge wie Umsiedlerlager, Vertriebenenlage, Quarantänelager oder „Lager der Hoffnung“ gibt es bereits. Die abschließende Entscheidung steht laut Eckard Redersborg noch aus. Darüber hinaus sollen zwei Infotafeln aufgestellt werden, eine auf dem Friedhof an der Stelle des Massengrabes, eine an der Straße am Waldrand, wo das Lager 1945/1946 Flüchtlinge beherbergte.

Typhus
Typhus ist eine Infektionskrankheit, die durch das Bakterium Salmonella Typhi hervorgerufen wird. Der Krankheitsverlauf ist durch stufenförmigen Fieberanstieg, Bauchschmerzen, Darmverstopfung und einen für die hohe Körpertemperatur eher langsamen Herzschlag gekennzeichnet. Unbehandelt kann die Krankheit gefährlich verlaufen und zum Tode führen. In Deutschland, Österreich und in der Schweiz sind sowohl ein Verdacht als auch Erkrankung an und Tod durch Typhus meldepflichtig.


1546 wurde die Krankheit von Girolamo Fracastoro unter dem Namen morbus lenticularis bekannt, der auch die Übertragungsgefahr von Mensch zu Mensch erkannte. Diese Annahme bestätigte sich 1556 durch Epidemien in Neapel und in Ungarn. 1760 schlug Boissier de Sauvages den Namen Typhus vor.



Robert Niemeyer

Einzelsportler:

Tennis: Matti Freitag, Valentin Glander (Boltenhagen)

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