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Grevesmühlen Deutschlandweit bekannt: Lübecks wilder Wald in Mecklenburg
Mecklenburg Grevesmühlen

Deutschlandweit bekannt: Lübecks wilder Wald in Mecklenburg

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18:00 21.01.2020
Revierleiter Jörg Baeskow (62) führt als Mitarbeiter des Stadtwalds Lübeck durch den Schattiner Zuschlag in Mecklenburg. Quelle: Jürgen Lenz
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Schattin

Peter Wohlleben ist Förster und Bestsellerautor. „Bäume sind keine Holzproduktionsmaschinen“, sagt er in der Verfilmung seines Buches „Das geheime Leben der Bäume“, die am 23. Januar in die Kinos kommt. Wohlleben gibt im Film den Rat: „Wenn Sie etwas für den Wald tun wollen, können Sie’s unterlassen, dort rumzusägen.“ Genau das passiert in einem Waldstück nahe der ehemaligen innerdeutschen Grenze seit vielen Jahre nicht mehr. Heute ist der Schattiner Zuschlag (Nordwestmecklenburg) in Forstkreisen einer der bekanntesten Wälder in Deutschland.

Das sagt Jörg Baeskow, Leiter des Reviers Falkenhusen, zu dem der Schattiner Zuschlag gehört. Er erklärt bei einem Rundgang: „Dieser Wald ist besonders gut, um ablesen zu können: Wie entwickelt sich ein Wirtschaftswald ohne Holznutzung von alleine?“

Reparationsleistung für die Sowjetunion

Der Schattiner Zuschlag wird in Großteilen seit 74 Jahren nicht mehr bewirtschaftet, teilweise sogar seit 120 Jahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg fällten Arbeiter zahlreiche Eichen – als Reparationsleistung für die Sowjetunion. „Ansonsten ist hier seit 1946 nichts mehr passiert“, berichtet Jörg Baeskow.

Viele Buchen, die im Schattiner Zuschlag stehen, sind 140 Jahre alt. Etliche Eichen wachsen hier seit zwei Jahrhunderten. Es sind heimische Baumarten. In früheren Zeiten bedeckten sie weite Teile Norddeutschlands. Jörg Baeskow erklärt: „Diese Wälder sind ökologisch stabil.“ Über tausende Jahre hat sich das in Wäldern wie dem Schattiner Zuschlag gezeigt. Eine Schlussfolgerung, die der Revierleiter zieht: „Wir arbeiten mit dem, was schon funktioniert hat, ohne dass wir eingegriffen haben.“

Gäste der Forstverwaltung durchqueren ein Kerbtal im Schattiner Zuschlag. Quelle: Jürgen Lenz

Die Eichen und Buchen im Schattiner Zuschlag sind gesund, der Wald ist intakt. Jörg Baeskow ist zu der Ansicht gekommen: „Durchforstungen bei Baumarten, die hier natürlich vorkommen, sind absolut überflüssig.“ Auf andere Baumarten zu setzen, könne funktionieren, müsse aber nicht, sagt der Revierleiter beim Rundgang durch den Wald.

Dann zeigt er auf den Waldboden und sagt: „Er ist eine Ressource, mit der wir schonend umgehen müssen.“ Das betont auch Peter Wohlleben in der Verfilmung seines Bestsellers. Er erklärt: „In einer Handvoll Walderde stecken mehr Lebewesen, als es Menschen auf der Erde gibt.“ Jörg Baeskow nennt einen weiteren Grund dafür, den Waldboden zu schützen: „Er ist auch ein wichtiger CO2 -Speicher.“

Vier Tote nach Bluttat im Schattiner Forst

Schwer verletzt wurde der Förster Otto Höltig 1942 im Wald bei Schattin gefunden. Er hatte laut einem Zeitungsbericht vier Axthiebe gegen den Kopf erhalten. Höltig lag mehrere Stunden bewusstlos im Forst. Der 46-jährige Familienvater verstarb später an den Verletzungen. Nach der Bluttat verhaftete die Polizei drei Zwangsarbeiter, die aus ihrer osteuropäischen Heimat verschleppt worden waren. Ihnen wurde die Bluttat zur Last gelegt. Die drei Männer starben am Galgen. Für den Förster wurde ein Gedenkstein aufgestellt.

Nicht nur die Ökologie des Schattiner Zuschlags ist besonders. Er gehört zum Gebiet der Mecklenburger Gemeinde Lüdersdorf und trotzdem zum Lübecker Stadtwald. Die Ursache liegt lange Zeit zurück. Schattin war seit dem 14. Jahrhundert eine Exklave der Hansestadt. Das Lübecker Johanniskloster hatte hier viel Grundbesitz. 1937 fiel Schattin zusammen mit den Nachbardörfern Utecht und Campow im Rahmen des Groß-Hamburg-Gesetzes an Mecklenburg. An Grundbesitzverhältnissen änderte das meist nichts.

Zu dicht an der Grenze: DDR ließ Forsthaus abreißen

Die DDR-Behörden ließen allerdings das alte Forsthaus von Schattin dem Erdboden gleichmachen. Wegen der Nähe der Grenze, hieß es. Heute lassen ein paar alte Linden, Obstbäume und Beerenbüsche erahnen, wo das Haus einst stand.

Die Forstverwaltung Lübeck ist seit dem 17. Mai 1991 wieder für den Schattiner Zuschlag zuständig. Damit fiel der Wald in das Revier von Jörg Baeskow.

Forstverwaltung lädt zu Führungen ein

Die Forstverwaltung bietet Führungen durch den Schattiner Zuschlag an. Interessenten haben zwei Möglichkeiten, sich zu melden: per E-Mail unter stadtwald@luebeck.de oder per Post an die Adresse Stadtwald, Alt-Lauerhof 1, 23558 Lübeck.

„Man kann hier gerne mit reingehen und diesen wunderbaren Wald genießen“, sagt Jörg Baeskow bei einer Führung von Mitgliedern und Gästen des Bürger- und Kulturvereins „Altes Zollhaus“. Im Schattiner Zuschlag erleben sie eine intakte Natur.

Peter Wohlleben betont in der Verfilmung seines Bestsellers die Bedeutung der Bäume. Quelle: Constantin-Film

Peter Wohlleben sagt, es gehe beim Naturschutz weniger um den Schutz der Natur, als um den Schutz der menschlichen Zivilisation. Man könne die Natur nicht kaputtmachen. Am Ende werde sie überleben. In der Verfilmung seines 1,3 Millionen Mal verkauften Buches „Das geheime Leben der Bäume“ sagt Wohlleben mit fester Stimme: „Der Wald kommt zurück. Es wäre nur schön, wenn wir dann noch da sind.“

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Über den Autor

Von Jürgen Lenz

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