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Grevesmühlen Die Pferdezüchter von Boiensdorf
Mecklenburg Grevesmühlen Die Pferdezüchter von Boiensdorf
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00:00 15.12.2017
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Boiensdorf

Pferde traben seit Jahrhunderten durch viele Dörfer – auch durch Boiensdorf. Johannes Radelof ist in dem Dorf aufgewachsen – umgeben von Pferden. Denn seine Familie hat hier eine erfolgreiche Stutenzucht aufgebaut, die inzwischen eine 117-jährige Geschichte hat.

Familie Radelof hat eine Stutenzucht betrieben – die inzwischen eine 117-jährige Geschichte hat

Die Serie

Jede Woche stellen die OZ-Redaktionen Grevesmühlen und Wismar im Wechsel in der Serie ein Dorf aus der Region vor. Wir erzählen Geschichten über die Menschen, über Veränderungen, über die Sorgen der Einwohner, was sich entwickelt hat oder noch entwickeln soll.

Rankendorf ist im nächsten Teil der Serie an der Reihe.

„Angefangen hat alles im Jahr 1910. Damals ist die Stute ,Dornspitze’ in das Mecklenburger Gestütsbuch eingetragen worden“, berichtet Radelof stolz. „Dornspitze“ sei eine Staatsprämienstute gewesen.

Mit diesem Titel hätten sich nur die besten Zuchttiere schmücken dürfen. Es sei die beste Auszeichnung für ein weibliche Pferd.

Dornspitze“ sei braun gewesen, 1,71 Meter groß und habe seinem Großvater – Johann Radelof – gehört, der einen Bauernhof in Boiensdorf besaß. Die Stute habe mehrere Fohlen zur Welt gebracht, darunter „Astspitze“, die den Titel ihrer Mutter fortgeführt hat – und später dann deren Tochter „Arkona“. Letztere ist noch sehr jung gewesen, als 1944 die Rote Armee den Bauernhof besetzte und von dort aus einige Kriegseinsätze im Zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen leitete. „Die Soldaten versorgten sich mit dem gesamten Viehbestand“, erzählt Johannes Radelof. Kühe und Schweine seien gegessen, die Pferde nach Ende der Belagerung mitgenommen worden. „Nur ,Arkona’ wurde zurückgelassen, weil sie gelahmt hat“, ergänzt er. Fischer aus dem Ort hätten das Tier gefunden und seiner Mutter gegeben. Sein Vater, der ebenfalls Johannes heißt, kehrt im Oktober 1948 aus französischer Gefangenschaft nach Boiensdorf zurück und führt die Zucht ein Jahr später mit „Arkona“ fort. Bereits 1950 bringt die Stute das Fohlen „Analphabetin“ auf die Welt. Es bleibt nicht ihr einziger Nachwuchs. In den folgenden 13 Jahren gebärt sie weitere Fohlen, von denen einige ins Ausland verkauft werden.

1963 wird Johannes Radelof senior enteignet und muss seinen Bauernhof verlassen. Das gesamte Eigentum gehört ab sofort der LPG, einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, in der sich in der DDR Bauern zu einem Kollektiv zusammenschließen müssen. Das Aus der Zuchtlinie droht. Denn: „Die Pferde sollten zunächst alle zum Schlachter“, erinnert sich Johannes Radelof junior. Doch Angestellte der LPG Boiensdorf, die vorher für seinen Vater gearbeitet hatten, verhinderten die Aktion. Und so sind in den folgenden Jahren weitere Staatsprämienstuten im Dorf zu Hause gewesen – und in der LPG Blowatz unter der Leitung von Fritz Thomas. „Er baute dort eine erfolgreiche Pferdezucht auf“, lobt Radelof. Thomas habe erkannt, dass Pferdezucht und -sport zusammengehören und in Blowatz die Sektion Pferdesport gegründet, deren Vorsitzender er seit 1966 gewesen war und dies auch 1990 nach der Umwandlung zum Reit- und Fahrverein Blowatz geblieben ist.

Zwei Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands löste sich die LPG Blowatz auf, die Radelofs bekamen ihr Eigentum zurück und 2017 fing Johannes Radelof an, die Pferdezucht seiner Familie zu erforschen – angefangen von „Dornspitze“. Einige ihrer Nachkommen sind noch heute in der Zucht aktiv.

Johannes Radelof hat 1999 die Familientradition in Boiensdorf wiederbelebt – allerdings nicht mit dem Stamm von „Dornspitze“. „Damals wusste ich nicht, dass es noch Nachkommen gibt“, bedauert er. Deshalb habe er sich zwei Mecklenburger Stuten gekauft, später noch ein Pony. Heute besitzt sein Sohn Mathias den Bauernhof in Boiensdorf und vermietet dort Ferienunterkünfte. Johannes Radelof lebt nun auf der Insel Poel und denkt gern an seine Familiengeschichte zurück. Denn Pferde gehören einfach zu den Radelofs – und zu Boiensdorf.

Projekte in der Warteschleife

Der kleine Ort Boiensdorf liegt, von oben betrachtet, in einer landschaftlichen Idylle aus Wiesen und Feldern – und in unmittelbarer Nähe zur Ostsee.

Landwirtschaft prägt den Ort. Auch Bürgermeister Wilhelm Gratopp ist Landwirt, bewirtschaftet 80 Hektar. Aktuell ist er mit dem Verkauf von Weihnachtsbäumen beschäftigt.

Seit acht Jahren steht der 62-Jährige an der Spitze der Gemeindevertretung und versucht, „seinen“ Ort voran zu bringen, ihn schöner und für Urlauber attraktiver zu machen. Ein Projekt ist der Radweg von Boiensdorf zum Strand entlang der gleichnamigen Straße. Eine Entscheidung dafür war dieses Jahr im April gefallen.

Nach dem Wunsch der Boiensdorfer sollte der Rad- und Gehweg separat neben der Fahrbahn gebaut werden. Als kostengünstige Variante war auch die Verbreiterung der Fahrbahn mit einem durch eine Linie abgetrennten Radweg im Gespräch. Sie wurde aber von den Anwohnern als zu unsicher abgelehnt. 80 Prozent der Baukosten sollten aus einem EU-Programm zur Förderung des ländlichen Raums kommen.

„Wir hatten alles in trockenen Tüchern und eingereicht – und nun wurde dieser Fördertopf geschlossen“, bedauert Wilhelm Gratopp. Im nächsten Jahr werde wohl ein neuer, anderer aufgemacht, aber mit einem niedrigen Fördersatz. „Das heißt, wir müssen mit allen Anliegern reden, ob sie bereit wären, für den Radweg mehr als geplant zu zahlen“, erklärt der Bürgermeister.

Ein anderes Projekt hängt ebenfalls in der Warteschleife. 2010 stimmte die Gemeinde für Ferienhäuser auf dem Boiensdorfer Werder. Das Gelände der ehemaligen Meeresbiologischen Station sollte bebaut werden. „Die Erschließung ist seit zwei Jahren abgeschlossen, jetzt liegt es nur am Investor“, sagt Wilhelm Gratopp. Er könnte mit dem Bauen sofort loslegen. „Warum nichts passiert weiß ich nicht, aber verkaufen will der Investor das Gelände auch nicht“, so Gratopp. Er hofft, dass sich schnell eine Lösung findet.

Der Maler der Ostsee

Der Maler Jörg Sültmann ist ein eingefleischter Boiensdorfer. Sein Elternhaus steht im Ortsteil Niendorf. Nach dem Abitur und der Ausbildung zum Industriekaufmann zog er durch das Havelland, durch Berlin, Ostfriesland und den Harz. Letztlich zog es ihn zurück in die Heimat und er wurde in Boiensdorf sesshaft, im Atelier Haffbake.

Die Motive des 46-jährigen Malers sind von der Landschaft und ihren Farben geprägt. Das zeigte im August erst wieder die Ausstellung „Natur, Wind & Meer“ in der Sparkasse Mecklenburg-Nordwest am Wismarer Markt. Dort stellte der „Ostseemaler“ 22 Aquarelle und Ölbilder aus 22 Jahren aus. „Blau, Gelb, Rot – das sind die Farben unserer Heimat und unserer Fahne“, sagte der Künstler. „Die Natur mit den sich ständig ändernden Farben, die sich aus diesen drei Grundfarben mischen, regt mich immer wieder an zu malen. Wind lässt die vielen Windräder drehen und erweckt das Meer zum Leben, das sich immer wieder dominant im preußischblauen Kleid am Horizont unserer bunten Heimat zeigt“, fügt Jörg Sültmann hinzu.

Seit 2004 beteiligt sich der Boiensdorfer auch regelmäßig an der Aktion „Kunst offen“. Zudem hat er dieses Jahr bei „NWM aktiv“ mitgewirkt. sk

Zahlen und Geschichte

Der Name Boydwinesdorf taucht 1262 erstmals auf einer Urkunde auf. Daraus wurde im Laufe der Jahrhunderte Boiensdorf.

Boiensdorf ist ländlich geprägt und hat 139 Einwohner. Zu der Ostseegemeinde gehören noch die Ortsteile Niendorf, Stove und Werder. Insgesamt hat die Gemeinde 526 Einwohner.

Zu Boiensdorf gehört die Halbinsel Boiensdorfer Werder. Sie ragt etwa einen Kilometer weit in die Mecklenburger Bucht und trennt das Salzhaff von der Meerenge der Zaufe.

Der Ort wird von Landwirtschaft, Fischerei und Kleinunternehmen geprägt. Ein Campingplatz, gastronomische Einrichtungen und Pensionen bieten Platz für Urlaubsgäste.

Bürgermeister ist seit 2009 Wilhelm Gratopp (CDU). Seine erste Amtshandlung war, sich für den Erweiterungsbau der Kindertagesstätte einzusetzen. 2012 wurden er und sein Vorgänger Jürgen Frehse vom Städte- und Gemeindetag MV mit einer Ehrennadel ausgezeichnet.

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