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Grevesmühlen Dringend gesucht: Orgelspieler
Mecklenburg Grevesmühlen Dringend gesucht: Orgelspieler
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11:00 30.03.2018
Die Mende-Orgel in der Wismarer Nikolaikirche hat ein Renaissanceprospekt, das in der Barockzeit erweitert wurde.
Die Mende-Orgel in der Wismarer Nikolaikirche hat ein Renaissanceprospekt, das in der Barockzeit erweitert wurde. Quelle: Sylvia Kartheuser
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Wismar/Grevesmühlen

Die Hansestadt Wismar ist gut dran. Schönberg und Neukloster auch – und im Grunde auch Grevesmühlen: Dort wird die Orgel – mittlerweile Unesco-Weltkulturerbe – bei Gottesdiensten noch live gespielt. In den Dörfern bleibt die Königin der Instrumente aber selbst an hohen Feiertagen oft stumm. Es fehlen Organisten.

Wismar, Grevesmühlen und Schönberg haben hauptamtliche Organisten, die Gottesdienste musikalisch begleiten. Das können sich kleine Gemeinden nicht leisten. Ihnen bleibt nur die Hoffnung auf ein Gemeindemitglied, das Orgel spielt, oder die Konserve.

„Manche Gemeinden wären froh, wenn sie jemanden hätten, der Klavier spielen kann und sich an die Orgel traut“, sagt Christian Thadewald-Friedrich. Im September 2016 hat der 27-Jährige in Wismar die Nachfolge von Kirchenmusikdirektor Eberhard Kienast angetreten. Er kennt den Organisten-Notstand, hat selbst in Hohenkirchen und Dorf Mecklenburg ausgeholfen. „Das zählt zwar nicht zu meinen Aufgaben, aber wenn Zeit ist, helfe ich gern“, sagt der junge Mann, der für St. Nikolai und für die Neue Kirche am Marienkirchturm zuständig ist. „Wir haben hier in Wismar zudem das Glück, dass ich im Chor noch drei spielfähige Orgelspieler habe“, erklärt Thadewald-Friedrich.

In Grevesmühlen hakt es

Als Kreiskantor hat er auch immer einen Blick auf die Kollegen – von Rerik bis Grevesmühlen. Und gerade in der ehemaligen Kreisstadt hakt es. Die langjährige Kirchenmusikerin Annerose Lessing ist erkrankt. „Das ist eine schwierige Situation, weil die Arbeit ja kontinuierlich weitergehen soll“, sagt der 27-Jährige. So etwas fordere die Gemeinde ganz schön heraus und lasse sich nur durch viele engagierte Helfer schultern. „Im Augenblick kriegen wir das in Grevesmühlen einigermaßen hin.“ Die schöne Friese-Orgel werde allerdings seltener gespielt.

„Wie die Made im Speck“

In Neukloster ist ein Gottesdienst ohne musikalische Begleitung durch das Instrument der Schweriner Orgelbauerfamilie Friese eine Seltenheit. „Wir sind in der komfortablen Lage, gleich zwei Gemeindemitglieder zu haben, die spielen“, sagt Pastor Jens Krause. Und einer sei in der Regel immer verfügbar. „Ich lebe hier, wie die Made im Speck“, so der Pastor mit Augenzwinkern. Er kennt auch die andere Seite. In seiner vorherigen Kirchengemeinde Mestlin im Kreis Ludwigslust-Parchim war die Orgel 1945 zerstört worden. „Wir haben uns zum Beispiel mit Flöte oder Gitarre beholfen – oder waren als ,Muulköster' tätig, haben also a-capella gesungen.“

Kein Organist für Hornstorf

In Hornstorf vor den Toren Wismars, von wo aus auch die Kirchen in Goldebee, Lübow und Zurow betreut werden, ist das fast die Regel. „Leider haben wir für unsere Kirchen keinen festen Organisten“, bedauert Pastorin Sandy Miriam Knierim. Selbst zu Feiertagen werde es immer schwerer, jemanden zu bekommen. „Bisher habe ich zum Glück noch immer Musiker organisieren können – allerdings nicht immer für die Orgel“, sagt die Pastorin.

Hilfe von Kantor-Katecheten

Seit 1987 ist Dirk Heske Pastor und seit 1995 in Hohen Viecheln: „Meine erste Stelle hatte ich auf dem Land bei Stavenhagen, und schon damals gab es dort keinen Organisten mehr.“ Es habe früher aber Kantor-Katecheten gegeben. „Das waren meist Frauen für den Kinderunterricht, die eine D-Ausbildung hatten und zum Orgelspielen abgestellt wurden.“ Damit habe man zu DDR-Zeiten versucht, den Mangel an Organisten aufzufangen.„Nach der Wende gab es dann nur noch hauptamtliche Organisten, und die können sich nur noch die Städte leisten“, erklärt Dirk Heske. Zudem sei die Ausbildung vernachlässigt worden. Und wenn es junge, musikalische Leute gebe, zögen die meist für ihre Ausbildung fort. Hohen Viechelns Pastor erzählt: „Bis 2000 hatten wir noch eine Kantor-Katechetin.“ Als sie in Rente ging, sei die Stelle aus Kostengründen nicht mehr besetzt worden. „Wir hatten dann aber ein junges, sehr musikalisches Mädchen, das Klavier und Geige spielte – inzwischen macht es in Bayern eine Geigenbaulehre.“

Orgel mit originalen Registern

Hohen Viecheln hat zwar eine schöne Winzer-Orgel, sie wird aber selten gespielt. „Wir haben sie gerade für 34000 Euro aufarbeiten und die originalen Register wieder einbauen lassen“, berichtet Dirk Heske. Seitdem bemühe er sich, verstärkt Konzerte zu veranstalten. Zwei werden es in diesem Jahr sein. Zudem wird eine Frau aus der Nähe von Grevesmühlen jetzt zu Ostern die Orgelpfeifen zum Klingen bringen. „Und für den Heiligabend habe ich einen Organisten aus Schwerin, der seit mehreren Jahren kommt.“ Bei den regulären Gottesdiensten würden jedoch CDs für die Musikbegleitung sorgen.

Seit 1990 in Schönberg

Solche Sorgen sind Pastorin Wilma Schlaberg in Schönberg fremd. „Wir sind in der Kirchengemeinde sehr dankbar, dass wir Christoph D. Minke zu 100 Prozent als Musiker und Kantor haben – mittlerweile schon im dritten Jahrzehnt“, sagt sie. 1990 trat der Kirchenmusikdirektor in Schönberg seinen Dienst an – und machte zum Beispiel den Schönberger Musiksommer zu einer festen musikalischen Größe. Wenn er Zeit hat, hilft Minke auch bei regionalen Gottesdiensten in Roggenstorf, Lübsee und Selmsdorf aus. „Wir sind froh, einen so engagierten Kirchenmusiker zu haben“, sagt Wilma Schlaberg.

Werbung zwischen Pfeifen

Christian Thadewald-Friedrich weiß natürlich um den Mangel an Berufskollegen – und wirbt auf seine Weise um Nachwuchs. Gern führt er Schulklassen durch die Mende-Orgel in der Wismarer Nikolaikirche, zeigt den Kindern die Orgelpfeifen. „Und wenn sie das Instrument dann hören und selbst mal die Tasten drücken dürfen, finden sie die Orgel schon ziemlich gut“, erzählt der Kreiskantor und Chorleiter. Das sei der erste Schritt, Kinder mit dem Instrument bekannt zu machen. Der Organist erinnert sich: „Als Schüler fand ich die Orgel immer viel cooler als das Klavier. Sie war riesig – und man konnte richtig laut darauf spielen.“

Senioren als Orgelspieler

Der Wismarer Kirchenmusiker und Neuklosters Pastor haben einen möglichen Fundus für weitere Orgelspieler ausgemacht: die neuen Einwohner. „Oft ziehen ältere Menschen aus den alten Bundesländern zu uns, die Klavier spielen können“, sagt Jens Krause. Mancher lasse sich relativ leicht überreden, es doch auch mal mit der Orgel zu versuchen, ergänzt Christian Thadewald-Friedrich. „Das Klavierspielen ist nun mal auch dafür die Grundlage, da kommt man nicht drumherum.“ Vielleicht findet die eine oder andere Dorfkirche auf diese Weise ja einen ehrenamtlichen Orgelspieler.

Kartheuser Sylvia