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Grevesmühlen Opfer und Täter im Austausch mit Carsten Stahl
Mecklenburg Grevesmühlen Opfer und Täter im Austausch mit Carsten Stahl
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14:02 04.02.2019
Carsten Stahl kämpft in Deutschland gegen Mobbing. Mehr als 200 Schulen besuchte er schon. Nun kommt er nach Grevesmühlen. Quelle: PRIVAT
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Grevesmühlen/Berlin

Auf sechs Beerdigungen von Schülern sei er in den vergangenen vier Jahren gewesen. Die siebte kommt nun mit dem vermuteten Suizid einer Elfjährigen in Berlin vor wenigen Tagen hinzu. Alle Verstorbenen haben eine Gemeinsamkeit: Sie wurden gemobbt, waren offenbar hilflos und sahen nur diesen einen Ausweg. Sie hinterlassen sprachlose Eltern, Freunde und Mitschüler. Eine Stimme gibt ihnen Carsten Stahl, der deutschlandweit als Mobbing-Experte unterwegs ist. Im Mai kommt er auch nach Grevesmühlen. Im Fernsehen ist Doris Voigtländer auf ihn aufmerksam geworden. Die Sozialarbeiterin an der Förderschule „An den Linden“ in Grevesmühlen nahm Kontakt zu ihm auf und lud ihn ein. Am 7. Mai wird er vor Schülern der Förder- und der Regionalen Schule „Am Wasserturm“ sprechen, einen Tag später vor Gymnasiasten in Grevesmühlen.

Doris Voigtländer, Sozialarbeiterin an der Förderschule "An den Linden" in Grevesmühlen: "Ich habe mir die Kontaktadresse rausgesucht und einfach nachgefragt, ob er in die Stadt kommt." Quelle: JANA FRANKE

Mit Politikern und Schuldirektoren geht der 46-jährige Familienvater hart ins Gericht. „Die Politiker haben in Sachen Mobbing noch nie wirklich etwas bewegt. Die spielen die drei Affen auf der Stange und bewegen sich erst, wenn der Druck zu groß wird“, sagt er. Und: Seine Erfahrungen würden zeigen, dass 50 Prozent der Schulleiter, mit denen er bisher zu tun hatte, sagen, dass es an ihrer Schule kein Mobbing geben würde, „um nicht als Problemschule dazustehen“. Er spricht von Verharmlosung, Leugnen und dass Eltern betroffener Kinder mundtot gemacht würden. „Sie sind zu feige, zuzugeben, dass es Probleme an ihrer Einrichtung gibt. Das ist für mich unterlassene Hilfeleistung gegenüber den Betroffenen.“

Aber wer gibt schon gerne zu, dass Mobbing ein Thema ist? „Unser Kollegium stellt sich dem“, versichert Doris Lobatz, Sozialarbeiterin an der Regionalen Schule „Am Wasserturm“. Zumindest fast alle, ergänzt sie. „Der Großteil nimmt es wahr und reagiert auch darauf.“ Präventionsarbeit habe an der Schule einen großen Stellenwert. „Zehn Jahre arbeite ich jetzt an der Schule. Die Mobbingfälle haben sich deutlich reduziert“, sagt sie. Habe sie zum Anfang zehn im Schuljahr gezählt, würden es jetzt ein bis zwei sein. „In diesem Schuljahr hat es noch keinen gegeben“, berichtet sie und betont: „Es bringt nichts, zu sagen, dass alles schick ist.“ Auch die Schulsekretärin würde sehr aufmerksam sein. „Wenn ein Schüler regelmäßig dreimal in der Woche wegen Bauchschmerzen fehlt, dann bittet sie, einmal genauer hinzuschauen“, verdeutlicht Doris Lobatz.

Dass es keine Mobbingfälle gibt, kann auch die Sozialarbeiterin am Gymnasium „Am Tannenberg“ in Grevesmühlen nicht behaupten. „Wir gehen gezielt in Klassen, in denen Mobbing ein Thema ist, und arbeiten präventiv“, sagt Ines Rühs. Doch manchmal sei es auch so, dass Betroffene gar keine Hilfe annehmen oder sich nicht öffnen würden. „Plötzlich heißt es, er oder sie wechselt die Schule und wir wussten gar nicht, dass Mobbing im Spiel war.“

Wenn Carsten Stahl in Schulen redet, so sagt er selbst von sich, könnte man eine Stecknadel fallen hören. So gefesselt seien die Schüler. Quelle: PRIVAT

Mit seiner Initiative „Camp Stahl – Stoppt Mobbing“ ist Carsten Stahl deutschlandweit unterwegs. Mehr als 200 Schulen besuchte er bereits. 70 Prozent der Schüler, so habe es sich aus Gesprächen ergeben, würden wegschauen, wenn ein Mitschüler gemobbt wird, „aus Angst, dass sie die nächsten Opfer sind“. Ein solches ist auch sein Sohn geworden, nachdem er drei Tage an der Grundschule war. So entstand die Initiative. „Meine Frau und ich waren zunächst hilflos, wütend und fanden beim Schulleiter kein Gehör. Dann habe ich mir gesagt: Es muss endlich etwas passieren.“ Und die Initiative war geboren. Mit 25 Schülern hatte er angefangen, daraus wurden mittlerweile mehr als 30000. Mit losem Mundwerk, ehrlich und authentisch bittet er um einen offenen Austausch. Wer die Geschichte von Carsten Stahl kennt, der weiß, dass er selbst kein unbeschriebenes Blatt ist. In Berlin-Neukölln aufgewachsen, war er selbst Mobbingopfer, wollte sich das Leben nehmen, fand aber Kraft und Mut im Kampfsport – lebte den aber an schwachen Personen aus. 18 Jahre lang, so gibt er zu, war er selbst kriminell. Dann die Wende. Nun sei er die Stimme gegen Gewalt an Deutschlands Schulen. „Es ist mir egal, ob es den Sesselfurzern passt oder nicht“, spricht er direkt die erwähnten 50 Prozent der Schulleiter und die Politik an. „Ich kann nicht wegsehen und ich höre nicht auf zu kämpfen, bis allen klar wird, dass Mobbing nicht okay ist.“

Und was nehmen die Schüler aus seinen Vorträgen mit? „Opfer werden gestärkt. Täter erkennen, dass sie nicht stark sind, wenn sie Schwache bekämpfen“, versichert er. Nach dem Austausch mit den Schülern debattiert er in Workshops mit Lehrern und Schulsozialarbeitern, um das Thema Mobbing nachhaltig in den Unterricht einzubinden.

Carsten Stahl hat sich einen Namen gemacht – in Schulen und in Amtsstuben und auf Politikerebene. „Sogar ins Dschungelcamp bin ich schon eingeladen worden. Das habe ich aber dankend abgelehnt“, gibt er zu. Mehr besinnt er sich auf seine Tätigkeit als Botschafter. „Ich habe den Wunsch, dass kein Kind mehr Angst haben muss, zur Schule zu gehen, dass kein Kind mehr wegen Mobbing Selbstmordgedanken hat.“ Und er wünscht sich für Grevesmühlen, dass der Bürgermeister und die Landrätin zu dem Austausch kommen. Auch bei ihnen will er das Bewusstsein schaffen, wie gefährlich Mobbing an Schulen sein kann. Die Politik müsse für das Thema mehr Geld in die Hand nehmen. „Berlin gibt im Jahr etwa 100000 Euro für Mobbing aus.“ Ein Fliegenschiss sei es gegen die Millionensummen für Staatsoper und den Flughafen BER.

Für seine Tätigkeit als Mobbingexperte, wie er sich bezeichnet, bringt er Opfer. „Von 365 Tagen im Jahr sehe ich meine Kinder nur 150“, rechnet er vor. Und die sagen: Papa, du bist ein Held. „Das ist der größte Lohn für die Arbeit.“ Für sein Ego mache er das nicht, „das ist groß genug“, scherzt Carsten Stahl, dessen großes Vorbild der Boxer Muhammad Ali († 2016) ist.

Ines Rühs, Sozialarbeiterin am Gymnasium "Am Tannenberg" Grevesmühlen: "Wir kehren es nicht unter den Tisch. Aber manchmal wollen Betroffene gar keine Hilfe." Quelle: JANA FRANKE
Doris Lobatz, Sozialarbeiterin an der Regionalen Schule "Am Wasserturm" Grevesmühlen: "Es bringt nichts, zu sagen, dass alles schick ist. Ein Großteil der Lehrer nimmt Mobbing wahr und reagiert darauf." Quelle: JASMIN NÖRENBERG

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