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Grevesmühlen Grevesmühlen erteilt Windkraft-Investoren klare Absage
Mecklenburg Grevesmühlen Grevesmühlen erteilt Windkraft-Investoren klare Absage
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07:49 25.01.2019
Windräder bei Questin Grevesmühlen Quelle: Klaus Lonkowski
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Grevesmühlen

Man stelle sich vor, es wird eine neue Straße errichtet und freigegeben. Und weil sich die Behörden nicht einigen können, wie schnell und in welche Richtung Autos dort eigentlich fahren sollen, stehen keine Schilder an der Straße. Die Folge: Jeder Autofahrer darf mit Vollgas in alle Richtungen über den neuen Asphalt brettern. So in etwa lässt sich derzeit die Situation in Sachen Windkraft in Westmecklenburg beschreiben. Weil es keinen gültigen Raumordnungsplan gibt, der Flächen für Windkraft ausweist, darf – theoretisch – überall gebaut werden. Das führt dazu, dass Investoren sich seit Monaten überschlagen, was die Anträge für neue Windmühlen betrifft.

Grevesmühlen macht da keine Ausnahme. „Ich bin schockiert, was an Anträgen auf uns niederprasselt“, sagt Erich Reppenhagen, Vorsitzender des Grevesmühlener Bauausschuss. Erst im September hatte das Gremium sich mit zwei potenziellen Anlagen bei Santow auseinandergesetzt - und das gemeindliche Einvernehmen versagt. Jetzt liegen erneut Anträge für insgesamt sieben neue Windräder in und um das bestehende Windkraftfeld bei Questin auf dem Tisch der Bauausschussmitglieder. Vier Windräder drehen sich dort bereits, mit den sieben weiteren würde ein regelrechter Windpark entstehen, den weder die Anwohner noch die Stadt dort haben wollen. Doch die Kommune ist – um bei Vergleichen zu bleiben – ein zahnloser Tiger, wenn es um den Widerstand bei der Entwicklung von Windkraft in ihrem Zuständigkeitsbereich geht.

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Das gemeindliche Einvernehmen, das die Genehmigungsbehörde, in diesem Fall das Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt, kurz Stalu, von der Kommune abfordert, ist nicht mehr als eine Meinungsäußerung, die kaum ins Gewicht fällt und rechtlich nahezu bedeutungslos ist. Das bekam die Stadt Grevesmühlen in diesen Tagen deutlich zu spüren, das Stalu teilte Bürgermeister Lars Prahler schriftlich mit, dass das im September versagte gemeindliche Einvernehmen der Grevesmühlener Stadtvertreter in Bezug auf die zwei geplanten Windräder bei Santow ersetzt worden sei. Ende der Mitteilung. „Die braten sich ein Ei darauf, was wir davon halten“, brachte Ausschussmitglied Volkmar Schulz die Stimmung auf den Punkt. „Wir können als Gemeinde nicht

Volkmar Schulz Quelle: privat

mehr frei entscheiden über unsere Flächen, das ist doch das eigentliche Problem.“ Trotzdem will die Stadt Widerspruch gegen die mittlerweile erteilten Baugenehmigungen für die beiden Santower Anlagen einreichen. Die Aussicht auf Erfolg ist allerdings überschaubar, denn über den Widerspruch entscheidet das Stalu selbst. Zwar ein anderes Büro als jenes, das die Genehmigung erteilt hat. „Aber wie so etwas ausgeht, können wir uns ja ausmalen“, so Volkmar Schulz.

Und trotzdem will die Stadt Grevesmühlen auch bei den Anlagen, die in der Nähe von Questin entstehen könnte, nicht tatenlos zusehen, wie vor Inkrafttreten des Raumordnungsplanes Windräder überall aus dem Boden schießen. Auch dort will, den Beschluss der Stadtvertretung vorausgesetzt, die Kommune das Einvernehmen versagen. Die nötigen Argumente für die Entscheidung hat unter anderem die Questiner Bürgerinitiative geliefert, die sich seit Jahren für den Schutz ihrer Umwelt stark macht. Sprecherin Helgrit Ertel erklärte im Bauausschuss, dass inzwischen ein Seeadler in der Nähe der geplanten Anlagen gesehen worden sei. Ein Nachweis des Raubvogels würde im Umkreis von mehreren Kilometern neue Windräder verhindern. „Er hat dort seinen Horst, den Standort allerdings werden wir nicht verraten. Das Beispiel aus Testorf-Steinfort hat gezeigt, wozu die Leute in der

Helgrit Ertel Quelle: Michael Prochnow

Lage sind, die nur Geld verdienen wollen mit den Anlagen.“ Dort war im März ein junger Seeadler vermutlich mit einem vergifteten Köder angelockt und fast getötet worden. Umweltschützer vermuten, dass die Aktion mit den Windkraftanlagen in der Umgebung zu tun hat. „Und aus diesem Grund werden wir diese Informationen nicht veröffentlichen“, so Helgrit Ertel.

Aus dem Bauausschuss gab es in klares Bekenntnis zum Thema Windkraft rund um Grevesmühlen. Vorsitzender Erich Reppenhagen: „Ich bin der Meinung, dass es genügend Anlagen gibt. Ich bin bestimmt kein Gegner der Windkraft, aber diese Entwicklung mache ich nicht mit.“ Die Flut an Unterlagen, über die die Ausschussmitglieder entscheiden sollen, sei für einen Kommunalpolitiker kaum zu überblicken.

Michael Prochnow

24.01.2019
24.01.2019