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Grevesmühlen Grevesmühlener Schüler in Auschwitz: „Unter Zahlen kann man sich nichts vorstellen“
Mecklenburg Grevesmühlen

Grevesmühlener Schüler in Auschwitz: „Unter Zahlen kann man sich nichts vorstellen“

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19:03 05.09.2021
Die Schüler besichtigten das Lager Auschwitz.
Die Schüler besichtigten das Lager Auschwitz. Quelle: FOTO: Günter Knebel
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Grevesmühlen/Auschwitz

Bis einen Tag vor der Abreise war unklar, ob die Fahrt überhaupt würde stattfinden können. Die Pandemie, die unklaren Bestimmungen unmittelbar nach Ende der Sommerferien, und dann auch noch ins Ausland. Nach Polen, Auschwitz um genau zu sein. „Aber die Schulleitung hat es am Ende möglich gemacht“, sagt Geschichtslehrer Reik Unger.

Der 35-Jährige hatte die Idee zu der Studienreise, der ersten des Grevesmühlener Gymnasiums in das bekannteste der vielen Vernichtungslager der NS-Zeit. „Ich will den Schülern Geschichte vermitteln.“ Und Auschwitz sei nun mal eines der Symbole der Verbrechen aus dieser Zeit. Kein Geschichtsbuch kann die Stimmung wiedergeben, die auch mehr als 76 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs an diesem Ort herrscht.

Düstere Stimmung in den Ausstellungsräumen

„Es fühlte sich an, als wären die Menschen kurz vorher noch hier gewesen“, sagt die 17-jährige Lona, eine der Teilnehmerinnen der Fahrt. „Die Gegenstände der Menschen, der Berg mit den zweieinhalb Tonnen Haaren, das waren Eindrücke, wenn man in die Räume ging, die vergisst man nicht.“ Das habe Spuren hinterlassen. Der riesige Berg mit Schuhen, die die Opfer noch vor ihrem Tod getragen hatten, all das gibt es dort zu sehen.

Die Schüler hatten sich vorbereitet auf die Fahrt, Filme hatten sie sich angesehen, sich informiert. „Aber die Koffer und die Schuhe der Kinder, das war krass“, sagt Henri, ebenfalls 17 und im letzten Schuljahr am Gymnasium. „Die Frau, die uns dort herumgeführt hat, hat uns erzählt, das waren oft die einzigen Schuhe, die die kleinen Kinder jemals getragen haben.“ So kurz seien die Leben gewesen. Auf einigen Koffern stehen noch die Namen. „Auf einem stand der Name Greta Hoffmann, sie erzählte uns, dass es von diesem Mädchen kein Bild gibt. Es ist nichts mehr von diesem Kind übrig als dieser Koffer, das macht traurig.“

Rechte Parolen an den Wänden der Baracken

Während die 25 Schüler in Polen in die Geschichte der NS-Zeit eintauchen, gehen die Gedanken auch an die Schule in Grevesmühlen. Denn es ist kein Geheimnis, dass auch unter den Schülern des Gymnasiums in Grevesmühlen, wie in allen Schichten der Gesellschaft, andere Gedanken eine Rolle spielen. Rechte Gedanken, die nicht nur Auschwitz, sondern den gesamten Holocaust, anzweifeln. Wie gehen sie damit um? „Das ist ein Problem“, sagt Merle (17), die aus ihrer linken politischen Gesinnung kein Geheimnis macht. Als Zecken beschimpft zu werden, sei an der Tagesordnung. „Schlimm fand ich, als wir in einem der Gebäude waren, in dem ganz viele Betten standen, dass dort rechte Parolen an den Wänden standen, teilweise eingeritzt in den Putz.“

Das war Auschwitz-Birkenau

Das KonzentrationslagerAuschwitz-Birkenau war das größte deutsche Vernichtungslager während der Zeit des Nationalsozialismus. Es wurde 1941 drei Kilometer entfernt vom Stammlager Auschwitz I auf dem Gebiet der Gemeinde Brzezinka (deutsch Birkenau) errichtet. Es befand sich nahe bei der Stadt Oświęcim (deutsch Auschwitz) im nach der Besetzung Polens vom Deutschen Reich annektierten und als Verwaltungseinheit neu errichteten Landkreis Bielitz. Das Konzentrationslager wurde am 27. Januar 1945 durch Truppen der Roten Armee befreit. Im Lagerkomplex Auschwitz wurden etwa 1,1 Millionen Menschen ermordet.

Selbst auf Russisch, eine der Schülerinnen konnte die Sätze übersetzen, wurden die Opfer verhöhnt. „Das ist respektlos, überhaupt etwas an diese Wände zu schreiben. Keine Ahnung, wie jemand auf die Idee kommt, so etwas überhaupt zu machen.“ Aus dem Geschichtsunterricht kennen die Jugendlichen die Fotos der Leichen, die Zustände in den Lagern. Doch bei ihrem Besuch machten die Schüler noch eine andere Erfahrung, wie Lona berichtet. „In einer Ausstellung liefen Filme über das Leben der jüdischen Bevölkerung. Dort sangen Kinder in einem Klassenraum, Familien gingen baden, Menschen arbeiteten auf dem Feld.“ Zu sehen waren dieselben Menschen, die später in den Güterwaggons nach Auschwitz transportiert wurden. „Das war so ein krasser Gegensatz, das hat viele von uns in dem Moment berührt.“

Zeitzeugin aus dem Ghetto in Krakau

Ein wichtiger Teil der Reise war die Aufbereitung der Besuche. „Jeden Abend haben wir uns zusammengesetzt, da war schon eine Menge Emotion im Spiel“, erinnert sich Pädagoge Reik Unger. Ziel sei es, solche Studienreise regelmäßig anzubieten. Denn die Chancen, mit Zeitzeugen zu sprechen, werden immer weniger.

Die Schüler trafen sich mit einer Frau, die 1943 im Krakauer Ghetto geboren wurde und versteckt bei einer katholischen Familie den Holocaust überlebte. Auch diese Schilderungen haben Spuren hinterlassen bei den Jugendlichen. „Und deshalb werden wir künftig jede Möglichkeit nutzen, um den Schülern diese Geschichte nahezubringen.“

Von Michael Prochnow