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Grevesmühlen Warum das Krankenhaus in Grevesmühlen für die Stasi so wichtig war
Mecklenburg Grevesmühlen Warum das Krankenhaus in Grevesmühlen für die Stasi so wichtig war
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19:48 31.08.2019
Dr. Volker Höffer, Stasi-Unterlagen, Behörde Quelle: Michael Prochnow
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Grevesmühlen

Der Der Kreis Grevesmühlen war bis zur Wende Grenzkreis und damit eine besondere Region in der ehemaligen DDR. Was das für die Menschen bedeutete, darüber spricht Dr. Volker Höffer, der Leiter der Außenstelle Rostock des Stasi-Unterlagen-Archivs mit der OZ. Der Historiker Volker Höffer ist nicht nicht nur seit 27 Jahren mit der Geschichtsaufarbeitung intensiv beschäftigt, er hat auch private Beziehungen nach Grevesmühlen und besondere Erinnerungen an die Fahrten in den ehemaligen Grenzkreis.

Was denken Sie, wie viele ehemaligen inoffizielle Mitarbeiter des MfS sind heute noch unerkannt?

Volker Höffer: Das weiß ich nicht. Aber es gab nach der Wende im öffentlichen Dienst eine recht umfangreiche Überprüfung, die ergab, dass zum Beispiel rund 17 Prozent der in M-V seinerzeit aktiven Polizei-Angehörigen stasibelastet waren. Die Überprüfung zog sich von 1992 bis etwa ins Jahr 2000 hin. Man muss allerdings auch wissen, dass ein großer Teil, der Verstrickungen zum MfS hatte, bereits vorher freiwillig aus dem Dienst ausgeschieden war. Diese Leute haben sich dann oftmals selbstständig gemacht.

Was bedeuten diese 17 Prozent, ist das viel oder „normal“?

Das ist fast zehnmal so hoch wie in anderen Bereichen. Insofern ist diese Zahl schon beachtlich.

Wie sind die Behörden nach der Überprüfung mit den Ergebnissen umgegangen?

Es gab schon im Einigungsvertrag Regelungen, wie mit diesen Ergebnissen umgegangen werden soll. Deshalb war diese Überprüfung überhaupt möglich. Es sollte in jedem Fall eine Einzelfallentscheidung getroffen werden. Denn es ging darum festzustellen, wie schwer eine Person belastet ist. Bedeutet: Wie stark hat dieser Mitarbeiter andere Personen belastet. Oder hat der IM vielleicht auch dafür gesorgt, dass nur belanglose Informationen an das MfS gelangten. Oder sogar versucht, sich der ganzen Sache zu entziehen. Auch das gab es.

Was eine Frage aufwirft: Wie glaubwürdig sind die ganzen Berichte überhaupt, die in den Akten lagern?

Das ist eine spannende Frage. Natürlich gab es auch Fälle, in denen Mitarbeiter aufgefordert wurden, Berichte zu liefern, weil die Dienststellen Druck gemacht haben. Dabei waren immer wieder auch Dinge, die erfunden oder umgedichtet wurden. Eine quellenkritische Sicht ist also immer geboten. Aber die übergroße Mehrzahl ist zutreffend.

Apropos Einzelfallprüfung: Es gibt also nach wie vor Mitarbeiter im öffentlichen Dienst, die eine Akte beim MfS haben?

Davon gehe ich aus. Denn durch die Einzelfallprüfung in den Behörden oder Parlamenten sollte ja die Entscheidung möglich werden, wie mit dem Betreffenden umzugehen ist. Und das hat mit Sicherheit auch dazu geführt, dass auch Mitarbeiter bleiben konnten, die mit dem MfS in Verbindung standen, aber wenig belastet waren.

Podiumsdiskussion in der Kirche am 30. September

Am 30. September um 19 Uhr laden die Stadt Grevesmühlen, die evangelische Kirchengemeinde und die OSTSEE-ZEITUNG zum Podiumsgespräch in die Nikolai-Kirche in Grevesmühlen ein. Moderiert wird die Veranstaltung von Thomas Lenz (NDR Radio MV). Auf dem Podium sitzen Udo Rathke (Künstlerschloss Plüschow), Christof Oldenburg (ehemaliger Schüler der EOS Thomas Mann), Mathias Sievert (Piraten Open Air) und der ehemalige Lehrer der POS „Kurt Bürger“ Horst Lederer. Sie berichten an diesem Abend von ihrem Erlebnissen und Erfahrungen in der Wendezeit. Ziel der Veranstaltung ist es, so viele verschiedene Eindrücke wie möglich zu sammeln. Und und zwar von unterschiedlichen Seiten und Sichtweisen. Wie fühlte sich die DDR an Ende der 19080-er Jahre? Wie haben Schüler diese Zeit erlebt, wie sind Künstler damit umgegangen? Wie die Pädagogen an den Schulen? Auch die Zuschauer sind gefragt an diesem Abend. Die OZ wird den Besuchern die Möglichkeit geben, auf kleinen Kärtchen zwei Fragen zu beantworten, auf deren Antworten man gespannt sein darf. Die Fragen: Wo waren Sie am 9. November 1989 abends? Und was haben Sie mit den 100 DM Begrüßungsgeld gemacht? Der Eintritt zu dieser Veranstaltung ist frei. Begleitet wird der Abend von der Kreismusikschule Carl Orff.

Die nächsten Events sind ein offenes Theaterstück, das am 14. Oktober ab 19 Uhr im Bürgerbahnhof aufgeführt wird. Am 28. Oktober gibt es eine weitere Podiumsdiskussion im Vereinshaus Grevesmühlen mit weiteren interessanten Gästen. Im Rahmen der Veranstaltungen wird es die Möglichkeit geben, Zeugnisse der Wendezeit zu sehen. Seien Sie gespannt!

Wie viele Akten sind in der Wendezeit verschwunden beziehungsweise vernichtet worden?

Das weiß leider niemand genau. Erich Mielke hat am 6. November 1989 den Befehl erlassen, dass bestimmte Akten-Arten vernichtet werden. Ab dem 7. November ist das dann umgesetzt worden, auch in der Kreisdienststelle Grevesmühlen. Und je nachdem, wie schnell die waren, wie gut sie organisiert waren und welche Technik sie hatten, ist natürlich der Umfang der vernichteten Akten unterschiedlich. Man geht davon aus, dass im Schnitt ungefähr die Hälfte des eigentlichen Aktenbestandes weg ist.

Die sich worauf beziehen?

Auf Vergleichswerte, man kann dazu ein Beispiel nennen. Für die Kreisdienststelle Greifswald zum Beispiel haben wir 94 laufende Meter an sogenannten Sachakten, das heißt, die Aktenordner Rücken an Rücken hochkant aneinander gestellt. Für Grevesmühlen sind das nur 11,4 Meter. Nun war der Kreis Greifswald etwas größer und mit der Universität auch anders gewichtet, aber trotzdem lässt dieser Vergleich natürlich Schlüsse zu. Das ist aber nur bezogen auf die Sachakten, in denen vor allem Informationen zu bedeutsamen Entwicklungen und Ereignissen festgehalten wurden, weniger zu Personen. Das waren im Kreis Grevesmühlen zum Beispiel Berichte über Anzahl und Arten von Fluchtversuchen in den Westen oder über die Ostsee.

Was gibt es noch für Akten?

Da sind insbesondere die personenbezogenen Unterlagen, und dieser Bestand ist wesentlich größer, auch für den Kreis Grevesmühlen. Jeder Betroffene zum Beispiel, der überwacht wurde, hat eine solche Akte. Jeder IM natürlich auch. Wie viele es davon genau für den Kreis Grevesmühlen gibt, lässt sich derzeit noch nicht sagen. Diese Akten sind chronologisch und nicht nach Kreisen oder Orten abgelegt.

Der Umgang mit diesem Teil der Geschichte ist auch 30 Jahre danach immer noch schwierig, wie ist ihr persönlicher Eindruck?

Es hat natürlich damit zu tun, dass viele Menschen, die damals in der DDR agierten, ja noch leben. Ich kann mich noch gut an eine Veranstaltung in Schönberg erinnern, dort ging es um das Grenzregime und die Rolle der Stasi in diesem Bereich. Dass in einem Ort wie Schönberg, wo noch viele Menschen leben, die damals in das DDR-Grenzregime involviert waren, die Gemüter hochkochten, ist nachvollziehbar. Das ist ähnlich wie in Dassow, wenn man dort die Umsetzung der Fischer nach Wismar und die Trennung dieses Ortes durch die Mauer am Dassower See thematisiert, dann wird das auch sehr emotional. Es kommt immer auf das Thema an, das man in dem jeweiligen Ort anschneidet.

Die Recherchen zu Grevesmühlen haben ergeben, dass erstaunlich viele Akten über das Krankenhaus der Stadt vorhanden sind. Womit hängt das zusammen?

Der Grund dafür ist wohl eine DDR-weite Erscheinung, die auch im Bezirk Rostock zum Tragen kam. In den Krankenhäusern und medizinischen Einrichtungen explodierten Anfang der 1980er Jahre die Zahlen derjenigen, die aus der DDR herauswollten. Insbesondere Ärzte und auch mittleres medizinisches Personal wollten sich immer weniger damit abfinden, dass die Zustände immer schlechter wurden. Und im Westen gab es nicht nur mehr Freiheit, sondern auch ein deutlich besseres Auskommen. Das Kreiskrankenhaus Grevesmühlen hatte zentrale Bedeutung für die Region. Die SED trieb daher die Sorge um, dass die Versorgung der Bevölkerung nicht mehr gewährleistet werden könnte.

Das heißt, die „Spitzelei“ unter den Angestellten hatte ganz pragmatische Gründe?

Nur zum Teil. Die Staats- und Parteiführung befürchtete vor allem, dass, wenn die Krankenhäuser nicht mehr arbeitsfähig sein würden, dieses auch Auswirkungen auf die Stimmung in der Bevölkerung hätte.

Dietrich von Maltzahn ist so ein Fall. Der Arzt aus Boltenhagen landete Mitte der 1970-er Jahre in Bautzen, als er flüchten wollte. Er hat über diese Zeit ein Buch herausgebracht, in dem er auffallend sachlich über sein Leben berichtet, ein klassischer Fall?

Ja und nein. Dietrich von Maltzahn ist schon aufgrund seiner Persönlichkeit ein besonderer Fall. Auch bei ihm galt, die fehlenden bürgerlichen Freiheiten waren neben den beruflichen Ursachen mit ein Grund für die Flucht. Dietrich von Maltzahn ist einfach ein ganz besonderer Menschen, was mit seinem Wesen und seiner Berufung zu tun hat. Ich habe aber generell in den 27 Jahren, in denen ich hier arbeite, sehr viele Menschen begleitet, die sich mit ihrer Vergangenheit und den Ursachen beschäftigt haben. Es ist ein Wunder, dass sie nicht viel emotionaler damit umgehen. Die meisten sind sehr ruhig und besonnen. Obwohl sie häufig allen Grund hätten, anders auf das Erlittene und den Verrat zu reagieren.

Zum Beispiel warum?

Es gab hier zum Beispiel einen Mann, der beim Lesen seiner Akte feststellte, dass sein bester Freund, mit dem er noch einige Wochen vorher zusammen im Urlaub war, ihn denunziert hatte, was ihm vier Jahre Haft einbrachte. Da kann man sich ungefähr vorstellen, welche Emotionen dahinter stecken. Vor allem, wenn der Freund dann nicht bereit ist, darüber zu reden und sein Handeln zu reflektieren, geschweige denn sich zu entschuldigen.

Wenn Menschen seit 30 Jahren mit dem Gedanken spielen, Akteneinsicht zu beantragen, was raten sie diesen Leuten?

Ersten muss man es wirklich wollen. Und zweitens man muss für sich im Vorfeld abwägen, ob man mit den möglicherweise zunächst negativ empfundenen Folgen der Erkenntnisse leben und umgehen kann. Aus Erfahrung mit den Betroffenen kann ich sagen, dass jemand, der seit vielen Jahren mit dem Gedanken schwanger geht, dass es Akten über ihn geben könnte, es dann der beste Schritt ist, sich Gewissheit zu verschaffen. Und der eventuell schmerzlichen Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Oder zu erkennen, dass es überhaupt keine Akte gibt.

Von Michael Prochnow

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