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Grevesmühlen In Kalkhorst entstehen Premium-Messer aus Recyclingplastik
Mecklenburg Grevesmühlen

In Kalkhorst entstehen Premium-Messer aus Recyclingplastik

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07:06 06.10.2021
Janos Freuschle braucht wohldosierte Kraft, um mit dem Injektor neue Griffe aus recyceltem Plastik zu gießen.
Janos Freuschle braucht wohldosierte Kraft, um mit dem Injektor neue Griffe aus recyceltem Plastik zu gießen. Quelle: Leona Ohsiek
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Kalkhorst

Bunt, nachhaltig und robust sind die neuen Recycling-Messer von Produktdesigner Janos Freuschle. Die farbenfrohen Griffe stellt er aus gebrauchten oder kaputten Plastikwaren her, die er weggeworfen am Strand oder in der Natur findet. Das Plastik wird in einer selbstgebauten Maschine geschreddert und in ihre neue Bestimmungsform als Messergriff gepresst.

Die dazu nötige Maschine ist eine Art Spritzgussmaschine, die Janos mit fünf Kommilitonen an der Hochschule Wismar im Fach Produktdesign selbst gebaut hat. Erfunden hat die Maschine der niederländische Produktdesigner Dave Hakkons. Er hat seinen Bauplan als Open-Source-Dokument im Netz anderen zugänglich gemacht.

Muster aus dem 3D-Drucker

Die Gussform für den Messergriff hat Janos Freuschle selbst entwickelt und dann fräsen lassen. „Das erste Muster habe ich mit einem 3D-Drucker produziert“, erinnert er sich. Monate habe der Prozess gedauert, bis die ideale Form gefunden war. „Wir haben den Griff Hunderte Male in die Hand genommen und uns gefragt: Fühlt es sich jetzt richtig an?“, berichtet Janos Vater Michael Schimmel, der mit seinem Sohn bereits seit 2018 Messer mit klassischen Holzgriffen produziert.

Teamarbeit: Janos Freuschle und Vater Michael Schimmel begutachten die neuen Griffe. Quelle: Leona Ohsiek

Die Idee zu den Recycling-Griffen aus Polypropylen kam dem Sohn bei einem Strandspaziergang während des ersten Corona-Lockdowns. So viel Plastikmüll, für den es auf den ersten Blick keine sinnvolle Verwendung gebe. „Ich war erst skeptisch“, gesteht Vater Schimmel „Plastik schien mir nicht das geeignete Material für ein hochwertiges Messer.“ Und jetzt ist er begeistert: „In der Küche ist mir mittlerweile das Recycling-Messer fast lieber“, schmunzelt der Hersteller hochwertiger Holzmesser. „Es ist pflegeleicht und liegt toll in der Hand.“

Jedes Messer ein Einzelstück

Jedes Messer ist ein Einzelstück und nicht reproduzierbar, da die Farben mit der Hand aus dem verfügbaren Recyclingmaterial gemischt sind. Die Klingen werden von Michael Schimmel aus reinem Kohlenstoffstahl der Firma Lohmann aus Witten im Ruhrgebiet geschmiedet. „Der Stahl hat eine sehr hohe, langanhaltende Endschärfe und lässt sich einfach nachschärfen. Durch die Benutzung entwickeln Klinge und Griff eine angenehme Patina,“ schwärmt der Autodidakt.

Janos Freuschle mischt aus geschreddertem Altplastik die richtige Farbkombination für einen neuen Messergriff. Quelle: Annabelle von Bernstorff

Vom Altplastik bis zur Verpackung – alles lokal

Die Messer entstehen vom ersten Arbeitsschritt bis zur Verpackung zu 100 Prozent lokal in der kleinen Werkstatt am Rande des Leonorenwaldes: Das Altplastik wird in der Region gesammelt. Dann wird es in der Werkstatt geschreddert, in Form gegossen, geschliffen und poliert. Bis die Klinge eingesetzt und den richtigen Schliff hat, wird jedes Messer unzählige Male in die Hand genommen, begutachtet, nachjustiert.

Jedes Stück ein Unikat: Handgefertigte, bunte Messer aus Carbonstahl mit einem Griff aus Recycling-Plastik, verpackt in Bienenwachstuch. Quelle: Annabelle von Bernstorff

„Selbst bei einem Markenmesser kann es sein, dass der Mensch, der es aus der Verpackung nimmt, der Erste ist, der es in der Hand hält“, erklärt Michael Schimmel. Das seien nicht zwangsläufig schlechte Messer, stellt er klar, aber Handarbeit sehe eben anders aus.

„Nachhaltiger geht nicht“

Am Ende werden die bunten Unikate mithilfe von gesammelten Weinkorken und Recyclingpappe verpackt und gut geschützt in Bienenwachstüchern gehüllt, die Familie von Schimmels Bruder, dem Bio-Imker Steffen Schimmel selbst herstellt. Die Tücher können in der Küche weiter als Frischhaltefolie oder Brotpapier verwendet werden. Die Trägerpappe dient als Produktinformation und Garantieschein. „Nachhaltiger geht nicht“, sind Vater und Sohn zufrieden.

Aktuell sind die Messer nur in der Produzentengalerie in Klütz erhältlich. Ein Messer gibt es ab 350 Euro. Einmal Nachschärfen ist beim Kauf inklusive. Wer Janos Freuschle live beim Herstellen der Messergriffe zusehen möchte, hat dazu Gelegenheit am 16. Oktober ab 16.30 Uhr während der Kulturnacht in Klütz.

Von Annabelle von Bernstorff