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Grevesmühlen In der Dorfpraxis in Herrnburg: So läuft die Arbeit als Landarzt
Mecklenburg Grevesmühlen In der Dorfpraxis in Herrnburg: So läuft die Arbeit als Landarzt
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20:53 29.11.2019
Hausarzt Dr. Eike Ehlert (48) misst bei seiner Patientin Elke Wegner (65) den Blutdruck. Quelle: Rabea Osol
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Herrnburg

Vertrauensvoll legt sich Patient Harald Wegner (69) auf die Liege im Behandlungszimmer. Sein Hausarzt, Eike Ehlert (48), beginnt behutsam mit dem Ultraschall. Auf dem kleinen Computerbildschirm überprüft er Leber, Milz und Nieren.

„Es ist alles in Ordnung“, beteuert er und zeigt seinem Patienten das Ultraschallbild. Auch Wegners Frau Elke (65) darf bei der Routineuntersuchung dabei sein. Anschließend ist sie selbst an der Reihe: Der Blutdruck wird gemessen. Auch hier ist „alles bestens“.

Persönliche Nähe zu den Patienten

Untersuchungen wie diese führt Ehlert in seiner Praxis in Herrnburg (Landkreis Nordwestmecklenburg) täglich durch. Viele Patienten kommen schon seit Jahren zu ihm, darunter auch ganze Familien. So erhalte man einen Rundumblick über die Lebensumstände der Menschen, erklärt Ehlert. „Viele Probleme sind schnell gelöst, weil man weiß, wie die Patienten denken und fühlen.“

Bildergalerie: So geht es in der Praxis in Herrnburg zu

Drei Herrnburger Hausärzte geben Einblicke in ihre Arbeit auf dem Land. Patienten berichten von ihren Erfahrungen.

Diese persönliche Nähe gefalle ihm besonders an seinem Beruf als Landarzt. „Man wird als vertrauensvolle Bezugsperson angesehen. Das schenkt mir wiederum Zufriedenheit.“ Dass ihn seine Patienten auch mal beim Einkaufen oder Spaziergang im Wald ansprechen, könne zwar gelegentlich vorkommen. Ehlert nimmt es aber gern in Kauf: „Das gehört eben dazu.“

Nachwuchs zu finden ist „praktisch unmöglich“

Die familiäre Atmosphäre schätzen auch die Patienten. Rund 200 kommen täglich in die Praxis, einige davon sogar aus dem 25 Kilometer entfernten Rehna. Ehlert berichtet: „In vielen Ecken des Landkreises werden Hausärzte wohl knapp.“ Den Ansturm in Herrnburg bewältigt er aber nicht allein. Seit elf Jahren arbeitet er mit Jörg Auwetter (61) zusammen, der die Praxis 1998 allein gründete. 2018 stieg die Hausärztin Inés Frank mit ein.

Seit 2012 bildet Ehlert auch Ärzte zum Facharzt für Allgemeinmedizin aus. Nach der ersten Weiterbildungsassistentin musste er ein Jahr lang suchen. Er habe damals auch auf Plattformen im Internet geworben, sogar ein Video auf Youtube hochgeladen. „Nachwuchs zu finden, ist sehr schwer bis praktisch unmöglich“, so Ehlert.

23 Prozent der Ärzte stehen vor dem Ruhestand

Nach Angabe der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) sind derzeit 1168 Hausärzte in MV tätig. Insgesamt 149 Stellen sind unbesetzt. Wegen des hohen Altersdurchschnitts der Ärzte drohen künftig Versorgungsengpässe. Laut Ärztekammer MV waren 2018 bereits 23 Prozent aller Hausärzte im Land zwischen 60 und 69 Jahre alt. Diese werden in absehbarer Zeit in den Ruhestand gehen. „Wenn wir für diese Leute keinen Ersatz finden, wird sich die Situation enorm verschlechtern“, bestätigt Stefan Zutz, Vorsitzender des Hausärzteverbandes MV.

Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU) erklärt: „Wir freuen uns über jeden, der den Schritt als Landarzt wagt. Deshalb wollen wir Anreize für Ärzte im ländlichen Raum geben.“ Eine von vielen Maßnahmen sei ein Stipendium über 300 Euro monatlich, das Medizinstudenten seit 2017 beantragen können. Sie verpflichten sich damit, nach ihrem Abschluss mindestens fünf Jahre lang im ländlichen Raum tätig zu sein. Zudem plant das Schweriner Kabinett eine sogenannte Landarztquote. Nach dieser sollen jährlich 32 der rund 400 Medizin-Studienplätze in MV an Bewerber vergeben werden, die nach Abschluss ihres Studiums und einer fachärztlichen Weiterbildung für zehn Jahre als Landärzte in MV arbeiten.

Vorurteile sind oft schuld an der Scheu

Laut Ehlert ist finanzielle Unterstützung aber nicht die einzige Lösung, um Nachwuchs zu gewinnen. „Landärzte werden schon seit Jahren finanziell gefördert. Noch mehr solcher Hilfen werden nichts ändern.“ Für die Scheu vor der Niederlassung auf dem Land seien meist Vorbehalte verantwortlich, die nicht den Tatsachen standhielten, weiß sein Kollege Auwetter. Junge Ärzte schätzten oft nur die sozialen und kulturellen Vorzüge einer Stadt. Schulen, Einkaufsmöglichkeiten oder Unterhaltung gebe es aber auch in ländlichen Regionen.

Stattdessen müsse sich die Betrachtung des Berufes Hausarzt wandeln. Auwetter betont: „Junge Ärzte müssen ihr Denken ändern.“ Gerade für Menschen, die in den Beruf einsteigen und Familie gründen möchten, sei es auf dem Land oft viel besser zum Leben. Auch wirtschaftlich lohne sich eine Niederlassung als Hausarzt allemal. Wegen fehlender Konkurrenz sei es auf dem Land noch einfacher.

Landärzte genießen mehr Freiheit

Dennoch sei der Schritt in die Unabhängigkeit gerade für junge Ärzte eine große Herausforderung, die nicht jeder bereitwillig eingeht. „Landarzt zu sein ist die pure Ausübung der Selbstständigkeit“, erklärt Ehlert. Man sei auf sich allein gestellt, müsse Räumlichkeiten finden und selbst investieren. Das biete aber auch Vorteile, da man freier planen könne als ein Arzt unter vielen in der Stadt. „Dort muss man sich viel mehr nach Bedürfnissen und Gegebenheiten richten.“

Ehlerts Kollegin Frank arbeitete vor ihrer Niederlassung als Landärztin in einer herzchirurgischen Klinik. Durch diese Erfahrung weiß sie ihren heutigen Beruf besonders zu schätzen: „Man arbeitet fachlich in die Breite und macht Medizin vom Anfang bis zum Ende.“ Auwetter bestätigt: „Wir Hausärzte müssen immer den Weitblick beibehalten.“ Hinter jedem Routinefall könne nämlich etwas Ernstes stecken. „Das ist eine Herausforderung, aber auch das Schöne und Spannende.“

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Von Rabea Osol

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