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Grevesmühlen KZ-Häftling oder Nazi? Knochen eines „Cap Arcona“-Opfers werden in MV beigesetzt
Mecklenburg Grevesmühlen KZ-Häftling oder Nazi? Knochen eines „Cap Arcona“-Opfers werden in MV beigesetzt
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21:03 28.08.2019
Geschätzt 7000 Menschen kamen 1945 in der Lübecker Bucht ums Leben, nachdem die „Cap Arcona“ (im Bild) und die „Thielbeck“ beschossen wurden. Quelle: Zeichnung Waldemar Riebschläger/ Sammlung Karl-Ernst Schmidt
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Grevesmühlen

Ist es ein Häftling, der am 3. Mai 1945, fünf Tage vor der Kapitulation Deutschlands, auf tragische Weise ums Leben kam? Oder vielleicht doch ein Soldat, der Adolf Hitler diente? Das lässt sich nicht mehr herausfinden.

Fakt ist aber, dass der Oberschenkelknochen, den eine Urlauberin am 25. April dieses Jahres am FKK-Strand am schleswig-holsteinischen Priwall nahe der Landesgrenze zu MV fand, aller Wahrscheinlichkeit nach der größten Schiffskatastrophe zuzurechnen ist, die es kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges in der Lübecker Bucht gegeben hat.

Schwimmendes KZ unter Beschuss

7000 Menschen starben seinerzeit, als britische Kampfflugzeuge die „Cap Arcona“ und die „Thielbeck“ versenkten, die in der Ostsee lagen. An Bord waren Tausende Häftlinge aus Konzentrationslagern.

Bis heute sind die Hintergründe dieses Angriffs nicht geklärt. Die Luxusdampfer waren nicht als Gefangenenlager gekennzeichnet. Nachweislich gab es aber Versuche, die Alliierten darüber zu informieren. Doch offenbar erreichten diese Informationen nicht die britische Luftwaffe.

Klicken Sie hier, um eine Übersicht über Schiffsunglücke auf der Ostsee, die sich in den letzten Jahren ereignet haben, zu sehen.

Das schwimmende Konzentrationslager wurde beschossen. Wenige Häftlinge überlebten die Attacken und schafften es aus dem eisigen Wasser lebend an Land. Noch Monate nach dem Unglück wurden viele Leichen an die Strände Mecklenburgs und Schleswig-Holsteins gespült.

Sturmhochwasser bringt Knochen

„Dass nun auch Knochen gefunden werden, erstaunt mich nicht“, erläutert Sven Schiffner, der sich mit dem Unglück der „Cap Arcona“ beschäftigt und darüber auch Vorträge vor Klassen hält. „Von den etwa 7000 Verstorbenen fehlen 3000 in der Statistik“, weiß er. Mit jedem Sturmhochwasser würden immer mal wieder Knochen angespült. „Aus Angst vor Repressalien von Besatzern sind damals mitunter Leichen am Strand verscharrt worden“, berichtet Sven Schiffner.

Auch in Wustrow werden hin und wieder Knochen angeschwemmt, wie Karsten Richter von der Landesgeschäftsstelle des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Schwerin mitteilt. Bei ihm liegt der am Priwall gefundene Oberschenkelknochen. „Wir haben nun die traurige Aufgabe, diesen würdevoll beizusetzen“, berichtet er. Geschehen soll das am 1. September um 11 Uhr an der „Cap Arcona“-Gedenkstätte in Grevesmühlen. „Dies ist nach meiner Kenntnis für uns die erste Einbettung dieser Art. Ich denke, dass wir einen würdigen Rahmen dafür gefunden haben“, sagt Bürgermeister Lars Prahler.

Bedeutende Gedenkstätte im Landkreis

Die Gedenkstätte in Grevesmühlen ist an Bedeutung gewachsen, glaubt Sven Schiffner. Nicht zuletzt auch durch die Sanierung, die im vergangenen Jahr unter erheblichem Aufwand stattgefunden hat. 200 000 Euro sind investiert worden.

Die Cap Arcona-Gedenkstätte ist für 200000 Euro saniert worden. Quelle: Jana Franke

Um die Sanierung der Gedenkstätte hat die Stadt lange gerungen. Nach der Wende war der Bereich auf dem Tannenberg immer mehr zugewachsen. Gab es zu DDR-Zeiten regelmäßig Großveranstaltungen auf dem Areal, geriet es nach der Wende immer mehr in Vergessenheit. Mit Fördergeldern aus dem Bildungsministerium ist die Sanierung unterstützt worden.

Die Touristin, die den Knochen im April gefunden hatte, ist namentlich nicht bekannt. Drei Wochen später hatte sie die Überreste im Grevesmühlener Krankenhaus abgegeben. Das zog die Polizei hinzu, die die Untersuchung des Knochens veranlasste. „Es konnte schnell festgestellt werden, dass der Knochen nicht aus der Gegenwart stammt“, erklärte Jessica Lerke, Polizeisprecherin in Wismar. Geschätzt wird, dass er jemandem zuzuordnen ist, der vor mehr als 70 Jahren verstarb.

Karsten Richter wird bei der würdevollen Beisetzung am Sonntag dabei sein. „Wir verlieren Worte zum Unglück und halten ein Totengedenken. Wenn ein Geistlicher dabei ist, wird noch ein Gebet gesprochen“, blickt er voraus. Mit dem Ablegen eines Gestecks endet die Zeremonie. Ob Häftling oder Soldat – er findet in Grevesmühlen seine ewige Ruhe.

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Von Jana Franke

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