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Grevesmühlen Leben im Hospiz Schloss Bernstorf: „Die meisten von uns verdrängen die eigene Endlichkeit“
Mecklenburg Grevesmühlen

Leben im Schloss Bernstorf - der Umgang mit dem eigenen Tod

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12:05 04.09.2021
Gaby Grunert und Ulrike Kurth an einem sonnigen Septembertag im Park von Schloss Bernstorf
Gaby Grunert und Ulrike Kurth an einem sonnigen Septembertag im Park von Schloss Bernstorf Quelle: Annett Meinke
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Bernstorf

Unter normalen Umständen wären sich die beiden vielleicht nie begegnet. Gaby Grunert (54) aus Grevesmühlen, gelernte Köchin, die zur Verkäuferin umsattelte, in beiden Berufen nicht glücklich wurde, irgendwann in die Pflege wechselte und vor einigen Jahren ihre Berufung als Betreuerin im Hospiz Schloss Bernstorf fand. Ulrike Kurth (67), die, bevor sie in ihren Ruhestand ging, was noch nicht allzu lange her ist, Personalleiterin bei den Güstrower Stadtwerken war.

Die Frauen kennen sich erst seit ein paar Wochen. Sie sind sich auf Schloss Bernstorf begegnet. Das Schloss in Nordwestmecklenburg, unweit Grevesmühlen, ist seit einigen Jahren Hospiz. Es wird privat geführt von der Familie Röhr aus Hamburg. Gaby Grunert arbeitet dort als Betreuerin. Ulrike Kurth ist dort seit Ende Juli zu Gast.

Der Tod betrifft alle

Ganz bewusst werden die Menschen, die auf Schloss Bernstorf leben, Gäste und nicht Patienten genannt. Das Schloss wirkt von außen und innen tatsächlich mehr wie ein geschmackvoll eingerichtetes Hotel denn wie eine medizinische Einrichtung. Nur an den Betten in den hellen Gästezimmern, alle mit Blick auf den Park, erkennt man, dass hier Menschen Zeit verbringen, die eine besondere Betreuung benötigen.

Mit dem Tod, sagt Ulrike Kurth, habe sie sich bis zu ihrer Krebsdiagnose nie beschäftigt. „Das machen doch die meisten Menschen so. Wir verdrängen die eigene Endlichkeit, solange es geht. Es betrifft uns einfach nicht.“ Das sei ein Fehler, sagt sie. „Aus heutiger Sicht.“

Abwarten, was passiert.

Die groß gewachsene Frau mit den eindrücklichen im Gespräch oft fragenden blauen Augen und den schlanken Händen winkt ab. Es klingt ein wenig Selbstironie durch – die, wie bald klar wird, zu ihrem Wesen gehört –, als sie sagt: „Ich kam ja dann nicht mehr drum herum.“ Das Dasein als Rentnerin in ihrem Haus in Niendorf bei Schwaan habe sie nicht lange genießen können. Zweimal Chemotherapie, diverse Bestrahlungen. „Eine Tortur. die Nebenwirkungen der Medikamente – scheußlich.“ Irgendwann wollte sie den Behandlungsweg nicht mehr weitergehen und entschied sich für den Aufenthalt in einem Hospiz. „Jetzt warte ich ab, was passiert.“

Das Schloss in Bernstorf habe sie sich ausgesucht: „obwohl es mitten im Nirgendwo liegt.“ Eigentlich mag sie gern ein bisschen Trubel. Es ist die Betreuung, die Art des Umgangs mit den Sterbenden an diesem Ort, die ihr gefällt. Es ist auch die Nähe zu ihrer Enkelin, die in Wismar wohnt. Der Sohn kommt vorbei, sooft er kann. Er dient bei der Marine in Eckernförde.

Ein Blick hinter die Kulissen

Die Wünsche-Erfüller

Hospiz-Betreuerin Gaby Grunert kümmert sich um Ulrike Kurth und ihre Wünsche. Auch um die Wünsche anderer Gäste. Das ist es, was sie neben einigen pflegerischen Aufgaben, wie Essen verteilen, sich um die Getränkebar auf den Fluren kümmern, die allen Gästen zur Verfügung stehen, tut. „Ich bin dafür da, so viele ihrer Wünsche wie nur möglich zu erfüllen. Ich muss sie nur wissen. Gedanken lesen kann ich nicht.“

Das können kleine Wünsche sein, manchmal auch größere. Es kann ein gemeinsamer Ausflug an den Strand, in die nächste Stadt oder auch noch einmal an den Heimatort sein. Es kann die Organisation des Besuches einer Therapeutin sein. Es kann etwas sein, das jemand unbedingt essen möchte. Das vielleicht nicht auf dem Speiseplan der Küche steht. Der ist „bio“ und schon ziemlich vielfältig. Egal ob Vegetarier, Veganer oder Fleischgenießer, die Köche kochen jeden Tag frisch und nach Wunsch. Doch manchmal steht eben jemandem der Sinn nach etwas, was von irgendwoher besorgt werden muss. Ganz häufig jedoch geht es um nicht mehr oder weniger als um Gesellschaft, um Gespräche – oder auch nur um das Zuhören.

Vier hauptamtliche Betreuer arbeiten auf Schloss Bernstorf neben den Pflegekräften. Weitere Betreuer arbeiten auf 450-Euro-Basis. Auch ehrenamtliches Engagement existiert.

Sympathie auf den ersten Blick

Das mit Gaby Grunert und ihr, sagt Ulrike Kurth, sei Sympathie auf den ersten Blick gewesen. „Das ist nicht selbstverständlich für mich. Wen ich nicht mag, mag ich nicht.“ Dass man schon fast von Freundschaft sprechen könne, ergänzt ihre Betreuerin.

Nicht mit allen Gästen sei es so intensiv, sagt Grunert. Auch wenn sie oft sehr viel von den Menschen erfährt. Von dem, was sie bereuen, was sie an ihrem Leben gut fanden. Manches werde ihr anvertraut, das Gäste lange mit sich herumtrugen. Sie widme sich jedem mit der gleichen Aufmerksamkeit, sei, mit wem sie auch immer Zeit verbringe, präsent. Könne in der Regel auch gut loslassen, wenn es so weit ist. In manchen Fällen jedoch sei es schwerer.

Begleitung bis an die Schwelle

Gaby Grunert hat schon einige Menschen bis an die Schwelle begleitet. Manchmal hat sie nur still bei ihnen gesessen in diesem Moment, manchmal ihre Hand gehalten, einen feuchten Lappen auf die Stirn gelegt oder die Lippen befeuchtet. Manche gingen sanfter, manche hatten es schwerer. „Wir lassen niemanden allein. Begleiten, soweit wir können.“

Wenn der Gast das Schloss verlässt, von einem Beerdigungsunternehmen abgeholt wird – meist, um in seine Heimat gebracht zu werden, denn die Gäste kommen von überallher, nicht nur aus Nordwestmecklenburg –, dann steht das Personal des Schlosses Spalier.

Eine Art Aussegnung passiert. Für die, die keinen Pastor oder Pfarrer wollen. Die keiner Religion angehören. „Einen Spruch, der passt, geben wir jedem mit auf seine Reise“, sagt Gaby Grunert. Sie hat extra einen Ordner angelegt, in dem sie schöne Sprüche sammelt, weltliche und religiöse.

Sommerfest auf Schloss Bernstorf

Am Sonnabend, dem 4. September, zwischen 12 und 18 Uhr findet im Park von Schloss Bernstorf ein Sommerfest für die Gäste des Schlosses, alle Angehörigen und alle Menschen in der Region statt.

Es wird vielfältige Abwechslung geboten: Falkenshow, Kinderschminken, Hüpfburg, Flohmarkt, Musik- und Show-Auftritte, verschiedene Verkaufs- und Info-Stände, Kuchenbasar, Grillspezialitäten, Benefizstände, Tombola.

Kontakt und Anfahrt:

Hospiz Schloss BernstorfAm Schloss 523936 Bernstorf

Telefon: +49 3881 75518-0Fax: +49 3881 75518-620E-Mail: info@schloss-bernstorf.de

Niemand weiß, was nach dem Tod ist

Ulrike Kurth, die immer noch gern lacht, wird ruhig bei diesen Worten. Sie weiß, sagt sie, was auf sie wartet. Sie hat alles geregelt. Das Materielle. Hat den Verkauf des Autos, des Hauses in die Wege geleitet. Die Dinge geklärt. Über das, „wohin es geht“, denkt sie jetzt öfter nach. Auch wenn sie nicht religiös ist. „Es weiß letztlich niemand genau, was ist. Ob danach etwas kommt oder nicht.“

Die Holzterrasse im Schlosspark, die auf den Teich hinausführt, ist einer von Ulrike Kurths Lieblingsplätzen. „In der Natur werde ich ruhig. Hier kann ich Werden und Vergehen beobachten.“

Mit Gaby Grunert kann Ulrike Kurth nicht nur lachen, sie kann in ihrer Gegenwart auch weinen. Das ist wichtig und gehört dazu. Letztlich, sagt sie dann, lebe sie ihr Leben, auch im Hospiz, in gewisser Weise zumindest, nicht anders als zuvor. „Von Tag zu Tag.“ Anders, sagt sie, machen es doch auch die Menschen draußen nicht. Keiner wisse, wann es so weit ist. Es kann mit einer Krankheit, aber auch ohne Vorwarnung geschehen.

So manch einer draußen, sagt Ulrike Kurth, sterbe vielleicht sogar noch eher als sie. Sie setzt sich jedenfalls immer noch kleine Ziele. Ein Ziel war der Wunsch, noch einmal in ihr Haus zu fahren und ein paar ihrer persönlichen Dinge ins Schloss zu holen. Gaby Grunert hat sie gefahren. Ein anderes Ziel: das Sommerfest auf Schloss Bernstorf. „Und dann schauen wir weiter.“

Von Annett Meinke