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Grevesmühlen Mit einem Kunststipendium nach Nordwestmecklenburg
Mecklenburg Grevesmühlen Mit einem Kunststipendium nach Nordwestmecklenburg
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06:48 28.04.2015
Ingrid Niemann, die Mutter von Alexandra de Gonzales, im Jahr 1961 bei ihrer Ausreise aus der DDR mit einem falschen Pass am Checkpoint Charlie in Westberlin
Ingrid Niemann, die Mutter von Alexandra de Gonzales, im Jahr 1961 bei ihrer Ausreise aus der DDR mit einem falschen Pass am Checkpoint Charlie in Westberlin
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Plüschow

Plüschow – Auch in diesem Frühjahr bietet das Künstlerhaus Schloss Plüschow im Rahmen eines internationalen Stipendiatenaustausches drei Künstlern die Möglichkeit, vier Wochen lang ungestört Ideen zu entwickeln und daran zu arbeiten. Seit dem 1. April sind Lola Martinez (34, geboren ist sie in Madrid, zur Zeit lebt sie in Frankreich), Alexandra de Gonzalez aus Boston in den USA (41, sie ist dreisprachig aufgewachsen, spricht deutsch, englisch und spanisch) und Rainer Gamsjäger (41) aus Linz in Plüschow zu Gast.

Das Austauschprogramm existiert seit siebzehn Jahren. Geboren wurde die Idee im Jahr 1998, in Virginia in den USA. Damals war Miro Zahra, Leiterin des Künstlerhauses Plüschow selbst Stipendiatin des „Virginia Center for Creative Arts“ (VCCA). Seitdem besteht zwischen Virginia und Plüschow eine Verbindung. Ebenso zu dem französischen Künstlerhaus „Camac“ in der Nähe von Paris und dem österreichischen Künstlerhaus „Salzamt“ in Linz. „Wir haben mit unserem Schloss und der schönen Natur rundum Plüschow herum so viele Schätze zu bieten,“, sagt Miro Zahra, „die können wir mit anderen Kunstschaffenden teilen.“

Wahrnehmung, Grenzen und Grenzverschiebungen

Oberflächlich betrachtet arbeiten die drei Stipendiaten an vollkommen verschiedenen Projekten, auch mit zum Teil unterschiedlichen Mitteln. Lola fotografiert, Rainer arbeitet auf experimentelle Weise mit Videotechnik und Alexandra arbeitet an einem Dokumentarfilm. Dennoch sind sie durch Gemeinsamkeiten verbunden. In allen Projekten geht es um die Themen Wahrnehmung, Grenzen und Grenzverschiebungen. Auch um Minimalismus und Reduzierung im Ausdruck zugunsten einer punktuell erhöhten Wirksamkeit.

Rainer Gamsjäger beschäftigt sich mit Landschaften, dabei liegt sein Augenmerk auf dem Phänomen der„räumlichen Irritation“, wie er erklärt. Mit einem von ihm entworfenen Spezialstativ kann er die Kamera horizontal und vertikal bewegen. In der digitalen Nachbearbeitung verleiht er den Bildern eine zusätzliche, begrenzte Bewegung. So beginnt sich zum Beispiel der Boden einer Videosequenz auf eruptive Weise zu bewegen, was der restlichen Statik im Bild etwas Surreales verleiht. Die normalerweise solide, empfundene Welt erweist sich als datenmäßig einfach zu manipulierende Oberfläche. „Ich bin in den Bergen aufgewachsen“, erzählt der zurückhaltende Künstler, der bereits an unzähligen internationalen Festivals, Ausstellungen, Projekten teilgenommen hat und auch schon einige Preise und Stipendien erhielt. „Eigentlich bin ich ein bisschen das schwarze Schaf der Familie, mein Vater ist Förster. Und so richtig verstehen meine Eltern wohl nicht, was ich da mache und warum.“ Wie viele Künstler arbeitet Rainer immer wieder nebenbei, auch in seinem Beruf als Grafikdesigner, um sich und seine Kunst finanzieren zu können. Diese Realität teilen auch Lola und Alexandra.

Von der Kunst, Projekte frei zu finanzieren

Lola Martinez hat bereits eine akademische Karriere vorzweisen, acht Jahr lang hat sie in der „Universidad Alfonso X el Sabio“ in der Nähe von Madrid Studenten im Fach Architektur unterrichtet. Vor zwei Jahren fasste sie den Entschluss, sich endlich hauptsächlich ihrer Fotokunst zu widmen. „Ich hatte das Gefühl, in diesem ohne Frage lukrativen Job, zu bequem zu werden, nicht mehr kreativ denken zu können“, sagt sie. Aber auch jetzt nimmt sie immer wieder Auftragsarbeiten an, gbit Fotokurse. Was damit zu tun hat, wie sie erzählt, dass ihre Ideen Zeit brauchen um zu reifen und sie nicht gezwungen sein möchte, damit schnell Geld verdienen zu müssen. Auch Lolas künstlerisches Subthema ist die Wahrnehmung. Auf ihren Fotos reduziert sie die Fülle der vorhanden Details auf einem Bild, fokussiert auf einzelne, wenige Elemente, tauscht „unten“ gegen „oben“ aus oder „rechts“ gegen „links“. Dabei entstehen atmosphärisch dichte Fotografien, die dem Betrachter dennoch jede Menge Freiraum zur eigenen Interpretation lassen.

Grenzen und Wahrnehmung beschäftigen auch Alexandra de Gonzales. Der Dokumentarfilm, an dem sie arbeitet, hat das Leben ihrer und mit ihrer Mutter zum Thema. Diese verließ im Jahr 1961 ihre Heimatstadt Magdeburg und die DDR mit einem falschen Pass und landete schließlich in den USA. „Obwohl sie es nie bereut hat, den Staat DDR verlassen zu haben, war und ist die Sehnsucht nach ihrer Heimat – dem Ort 'wo das Gras viel grüner wächst' – nie verschwunden“, erzählt Alexandra. Als die Wende die Grenzen endlich wegwischt, ist dieser Ort dennoch nicht wiederzufinden. Alexandras Mutter leidet inzwischen an Parkinson. „Sie hat im Grunde nun einen Körper, der ihr Grenzen aufzeigt“, sinniert Alexandra.

Die amerikanische Künstlerin ist auch hier, um Kontakte zu knüpfen, Fördermöglichkeiten für ihren Film zu finden. Zuhause in den USA schneidet sie nebenher Filme für das Fernsehen. Auch sie tut das, um in ihrer dokumentarischen Arbeit ihren ganz eigenen Weg zu gehen. „Ich will keinen vorgefassten Standards folgen, sondern Geschichten auf meine Weise komponieren.“ Musik und Bilder gehören für Alexandra, die auch Klavier spielt, zusammen.

Der Austausch zwischen den drei Stipendiaten funktioniert, alle sind sie in etwa gleich alt, so um die Dreißig. Und auch darin sind sie sich einig, der Aufenthalt in Nordwestmecklenburg auf Schloss Plüschow ist befruchtend. Ein Ort, an dem Ideen Zeit haben, sich zu enthüllen, zu entstehen oder zu reifen.



Annett Meinke

Grevesmühlen/Addis Abeba - Kantorin unterrichtet in Äthiopien
27.04.2015
27.04.2015