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Grevesmühlen Behörde beeinflusste Lebensgeschichten
Mecklenburg Grevesmühlen Behörde beeinflusste Lebensgeschichten
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18:50 29.10.2019
v.l. Joachim Clausen, ehemaliger Seemann aus Boltenhagen, Peter Jonassen, ehemaliger Wasserwirtschaftler aus Rolofshagen, und Gabriele Anders, Psychologin aus Grevesmühlen, sprachen mit Moderator Thomas Lenz über Erlebnisse mit der Stasi. Quelle: Malte Behnk
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Boltenhagen/Grevesmühlen

Joachim Clausen aus Boltenhagen hat schon zu DDR-Zeiten viel von der Welt gesehen. Als Seemann fuhr er nicht nur „rechts rum“ gen Sowjetunion sondern meistens „links rum“ in westliche, kapitalistische Gewässer – ins Mittelmeer, sogar bis nach Südamerika. Doch plötzlich war Schluss, er musste an Land bleiben und auch für seine Familie entwickelte sich das Leben nicht wie bis dahin geplant.

70 Gäste hörten Lebensgeschichten

Mit der Psychologin Gabriele Anders und dem früheren Wasserwirtschaftler Peter Jonassen berichtete Joachim Clausen im Grevesmühlener Vereinshaus von Erlebnissen mit der Staatssicherheit der DDR. Etwa 70 Gäste folgten den Geschichten gespannt, in die Moderator Thomas Lenz seine Fragen einstreute.

Eröffnet wurde der Abend ungeplant von Grevesmühlens Bürgermeister Lars Prahler. „Es gibt für mich einen bedauernswerten Anlass zu reden“, sagte er. „Unsere Podiumsgäste haben anonyme Anrufe erhalten, in denen sie beschimpft wurden. Wir befürchten, dass das heute weitergeht.“ Daher sei eine Streife der Polizei am Eingang postiert. „Wenn derjenige, der diese Anrufe getätigt hat, heute hier ist und aus der Anonymität kommen möchte, bitte ich um ein Zeichen“, so Prahler. Doch weder mit Zwischenrufen, kritischen Fragen oder einem kleinen Zeichen an den Bürgermeister gab sich jemand zu erkennen.

„Sozialistische Menschen brauchen keine Psychologen“

Gabriele Anders, Psychologin aus Grevesmühlen im Gespräch mit Moderator Thomas Lenz. Quelle: Malte Behnk

So ging es an dem Abend um drei unterschiedliche Lebensgeschichten. Gabriele Anders, die aus Wismar stammt, berichtete dass sie als Katholikin aufwuchs. „Biologieunterricht hatte ich später bei unserem Direktor, der in seiner Reserveoffiziersuniform die Jungen überreden wollte, zur Armee zu gehen“, berichtete sie. Ihren Wunsch, Psychologin zu werden tat er ab. „Sozialistische Menschen brauchen keine Psychologen, ich solle lieber Pastorin werden“, zeigte ihr, dass der Lehrer keine Ahnung vom Katholizismus hatte.

„Anpassungs-Kummer“

„Ich versuchte, mich angepasst zu äußern, ohne allzu viel zu lügen“, beschrieb sie einen „Anpassungs-Kummer“. Sie habe nie gesagt „Religion ist Opium fürs Volk“. Stattdessen habe sie dem Satz ein „Karl Marx sagt,“ vorausgestellt. Einflüsse der Stasi habe sie als junge Psychologin in der Grevesmühlener Poliklinik nicht wahrgenommen. „Allerdings sagte ein Vorgesetzter einmal ,In die Akten schreiben wir nicht viel.’. Das bezog sich auf Private und persönliche Geschichten“, berichtete sie.

Peter Jonassen, ehemaliger Wasserwirtschaftler aus Rolofshagen und Gabriele Anders, Psychologin aus Grevesmühlen, erzählten aus ihrem Leben. Quelle: Malte Behnk

Direkten Kontakt mit Stasi-Mitarbeitern hatte hingegen Peter Jonassen, der ab 1955 im Grevesmühlener Wasserwerk arbeitete. Als er dort 1961 seinen Meister machen wollte, sagten Kollegen ihm, „dass die Partei auf mich zukommen könnte“. Jonassen war in der Kirche und in der freiwilligen Feuerwehr. Genau auf das Ehrenamt im Brandschutz wurde er schließlich in den 1980er Jahren angesprochen.

„Schnüffeln will ich eigentlich nicht“

„Ich musste zur Kreisdienststelle in Grevesmühlen“, berichtete Jonassen. „Bei der Feuerwehr Hanshagen würde es nicht so laufen. Da könnte ich doch mal gucken“, habe man ihm dort gesagt. „Schnüffeln will ich eigentlich nicht“, hat Peter Jonassen knapp darauf geantwortet. „So hab ich das abgewimmelt.“ Erst später habe er bei einer Akteneinsicht erfahren, dass er eigentlich gar nicht bei der Feuerwehr spionieren sollte, sondern die Stasi interessierte, was er über Beziehungen der Kirchengemeinde in den Westen wusste.

Grevesmühlens Archivar Alexander Rehwald ordnete Ereignisse und Aussagen ein und zitierte aus Akten. Quelle: Malte Behnk

„Das nannte sich Legendenbildung, wenn eine Geschichte vorgeschoben wurde, um etwas anderes auszuspionieren“, erklärte Grevesmühlens Archivar Alexander Rehwald. Dr. Volker Höffer von der Stasiunterlagen-Behörde ergänzte, dass die Grevesmühlener Dienststelle des Öfteren in der Kritik stand, weil „der Laden nicht richtig geführt wurde“.

Auf Weltmeeren unterwegs

Joachim Clausen, ehemaliger Seemann aus Boltenhagen. Quelle: Malte Behnk

Joachim Clausen ging als junger Seemann zur Handelsmarine, transportierte erst Eisenerz, dann Erdöl im Persischen Golf und später Bananen von Südamerika. Besonders Linientreu war er nach eigener Auskunft nicht. „Aber zu der Zeit wurden Leute gebraucht“, sagte Clausen.

Letzte Lesung aus der Zeitung

Dass aber ein paar vorgelesene Sätze seine Zukunft verändern würden, dachte er nicht. Aus einer Zeitung las Joachim Clausen damals vor, dass für die Olympischen Spiele in Montreal Bauarbeiter gesucht würden. „Ich ahnte da nicht, dass es meine letzte Lesung sein würde.“ Sein Schiff fuhr nach Kuba, wo er mit drei weiteren Seeleuten vier Wochen Aufenthalt hatte. Dann ging es für sie um Skagerak herum zurück nach Rostock.

Zwölf Stunden Verhör

„Dort bekam ich mein Seefahrtsbuch nicht ausgehändigt und zwei oder drei Männer forderten mich auf mitzukommen“, schilderte Clausen. In einem Hafengebäude wurde ihm gesagt, er solle seine Sünden aufschreiben. „Sechs oder acht Stunden saß ich da und wollte schon alles kurz und klein hauen.“ Doch dann begann das Verhör. Die Stasi ging davon aus, dass Clausen sich nach Kanada absetzen wollte. Nach zwölfstündiger Befragung wurde ihm schließlich ein Zettel vorgelegt, auf dem Stand, dass er „für die sozialistische Handelsflotte nicht geeignet“ wäre.

Nach der Veranstaltung stöberten Besucher in Kopien von Akten. Quelle: Malte Behnk

„Das hatte Folgen für meine ganze Familie. Auch mein Bruder durfte nicht mehr zur See fahren und meine Schwester konnte nicht mehr Lehrerin werden“, sagte Clausen. „Ich habe mit meinem Plappermaul dafür gesorgt, dass sie sich neu orientieren mussten. Meine Familie hat mir das aber nie übel genommen.“

Abschließend sagte Joachim Clausen, dass Veranstaltungen wie das Podium sinnvoll sind. „Drüber reden hilft, nicht ewig an gestern zu denken, den Kopf frei zu bekommen und nach vorne zu schauen.“

Von Malte Behnk

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