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Grevesmühlen Sabow: Massiver Protest gegen Bau einer Windkraftanlage
Mecklenburg Grevesmühlen Sabow: Massiver Protest gegen Bau einer Windkraftanlage
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11:24 11.09.2019
Der Protest gegen den Bau einer 184 Meter hohen Windkraftanlage 520 Meter vom Dorf entfernt treibt Einwohner von Sabow auf die Straße. In Sichtweite drehen sich bereits Windräder. Quelle: Jürgen Lenz
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Sabow

Einwohner von Sabow sind aufgebracht. Weitgehend machtlos müssen sie mit ansehen, wie rund 500 Meter von ihrem Dorf entfernt eine Windkraftanlage immer höher in den Himmel ragt. Wenn sie fertig ist, wird sie 184 Meter hoch sein. Ortsteilvertreter Uwe Damrau kritisiert: „Hier wusste keiner Bescheid und keiner konnte etwas sagen.“ Niemand im Dorf sei gefragt worden. Der Eindruck, den hier viele haben: Was die Bürger wollen, spielt keine Rolle und Informationen wurden zurückgehalten. „Das Schutzgut Mensch wird mit Füßen getreten“, sagen einige. Rechtlich sei der Bau vielleicht in Ordnung, menschlich aber nicht. Jetzt wollen sich Einwohner des Ortsteils der Stadt Schönberg wenigstens Gehör verschaffen. Am liebsten hätten sie, dass zwei Windräder nahe Sabow nicht fertig, sondern zurückgebaut gebaut werden.

Der Rotor fehlt noch auf einer Windkraftanlage nahe Sabow, die das Unternehmen Enercon für die Baywa r.e. GmbH errichtet. Quelle: Jürgen Lenz

Die 520 Meter vom nächsten Wohnhaus entfernte Anlage ist eine von acht gleichgroßen, die die Baywa r.e. GmbH bis Ende des Jahres in Betrieb nehmen will – zwei in der Gemarkung Sabow, sechs in der Gemarkung Schönberg. Vorher ließ das Tochterunternehmen des international agierenden Baywa-Konzerns sieben kleinere Altanlagen im Rahmen eines Repowerings abbauen. Den Standort, der Sabow am nächsten ist, gab es bisher nicht.

Lärmbelästigung: „Dann stehst du nachts im Bett“

Der Sabower Ronny Arnold berichtet: „Die Bürgerschaft hier hatte einen Anwalt eingeschaltet, um zu überprüfen, wie es zur Genehmigung kam.“ Formale Vorschriften der Veröffentlichung – unter anderem im Amtsblatt Mecklenburg-Vorpommern – seien eingehalten worden, aber: „Der Bürger erfährt davon nichts.“ Nach Meinung des Sabowers wurden auch die politischen Vertreter von Schönberg nicht ausreichend informiert, was das Amt Schönberger habe tun müssen, denn: „Die Stadt entscheidet, was wichtig ist für die Stadt und nicht das Amt.“ Trotz des geringen Abstands habe niemand Einspruch erhoben. Dabei wirken sich bereits Windkraftanlagen auf das Leben in Sabow aus, die seit Jahren weiter vom Ort entfernt stehen. Einwohner berichten von optischen Beeinträchtigungen, Schattenwurf, Überspannungsschäden an elektrischen Geräten, Wertminderung ihrer Grundstücke und von Lärm – besonders wenn ein Rotor abgebremst wird. Uwe Damrau berichtet: „Dann stehst du nachts im Bett.“

22 bis 6 Uhr: Zwei Anlagen werden abgeschaltet

Wie das Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt Westmecklenburg auf Anfrage der OZ mitteilte, hat es die Genehmigung der acht neuen Anlagen mit Auflagen für den Nachtbetrieb verbunden: Abschalten der zwei Windräder unweit von Sabow und „schallreduzierter Betrieb“ der sechs anderen. Nachtbetrieb bedeutet: zwischen 22 und 6 Uhr.

Um beurteilen zu können, ob eine Anlage nach dem Immissionsschutzgesetz genehmigungsfähig ist, werden nach Angaben des Staatlichen Amtes in jedem Einzelfall die Auswirkungen auf die Umwelt ermittelt. Es könnten dabei keine pauschalen Abstände zu Wohnhäusern herangezogen werden. Solche würden zum Beispiel im Regionalen Raumordnungsprogramm als Kriterien für das Aufstellen von Eignungsgebieten zum Bau von Windrädern formuliert – und seien nur dort anwendbar. Auch bedeute „Repowering“ nicht, dass die Standorte der neuen Anlagen identisch mit den alten sein müssen. „Die Anzahl kann ebenfalls variieren“, so das Amt.

Bürgermeister kritisiert Windradbau nahe Sabow

Dem Schönberger Bürgermeister Stephan Korn (Kommunale Wählergemeinschaft) gefällt der Windkraftanlagenbau nahe Sabow nicht. Er sagt: „Hier ist in meinen Augen der Mensch zu kurz gekommen.“ Aus seiner Sicht sei der Standort nahe Sabow nicht gut gewählt. Grundsätzlich sei die Nutzung regenerativer Energien nach seiner Meinung sinnvoll – als Loslösung von fossilen Brennstoffen.

Der Schönberger Bürgermeister Stephan Korn (Kommunale Wählergemeinschaft) sagt: „Hier ist in meinen Augen der Mensch zu kurz gekommen.“ Quelle: Jürgen Lenz

Zur Menge des Treibhausgases CO2, das durch die acht neuen Anlagen vermieden wird, gibt es unterschiedliche Angaben. Laut Baywa r.e. sollen es jährlich 29 350 Tonnen sein. „Über 37 000 Tonnen CO2“ gibt dagegen die Genossenschaft „Naturenergie Region Hannover“ an. Sie initiiert ein „Beteiligungsprojekt“: Menschen und Kommunen im Umkreis von fünf Kilometer können Mitgesellschafter einer künftigen „Bürgerwindpark Schönberg GmbH & Co. KG“ werden, indem sie Anteile kaufen. Auskünfte über die Gesamtkosten des Projekts machte die Baywa r.e. auf Anfrage nicht. Auch gibt es bisher keine konkrete Information, inwiefern eine Beteiligung „profitabel für Bürger und Gemeinden“ sein soll, wie die Genossenschaft auf ihrer Internetseite angibt.

Investor muss kaufberechtigte Bürger einladen

Nach dem Bürger- und Gemeindebeteiligungsgesetz Mecklenburg-Vorpommern müssen alle Kaufberechtigten spätestens bis zur Inbetriebnahme der ersten Anlage in schriftlicher Form ein Angebot bekommen. Das Gesetz schreibt vor: „Die Offerte ist zusätzlich in wenigstens einer regionalen Tageszeitung, im Internet auf einer von dem Vorhabenträger speziell für das Vorhaben eingerichteten Internetseite, auf der Internetseite des zuständigen Regionalen Planungsverbandes und gemäß der in der Hauptsatzung der jeweiligen Gemeinde für die Bekanntmachung von Satzungen festgelegten Form bekannt zu machen.“ Der Investor ist auch verpflichtet, zu einer Veranstaltung einzuladen, in der er über den Inhalt der Offerte informiert und den Kaufberechtigten Gelegenheit gibt, Fragen zum Projekt und zur Beteiligung zu stellen. Ein Termin wurde bisher nicht bekannt gegeben. Die Versammlung muss öffentlich sein. Somit kann sie von jedem besucht werden.

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Von Jürgen Lenz

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