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Grevesmühlen Von Fleischproduktion zu Schönheitswettbewerb: Der Antrieb der Schönberger Rassekaninchenzüchter
Mecklenburg Grevesmühlen

Schönberger Rassekaninchenzüchter: Was sie heute antreibt

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09:03 06.09.2021
Burkhard Stopperka (69) züchtet Holicer-Kaninchen. Die Rasse stammt ursprünglich aus der Tschechoslowakei. Auf den Tisch stehen zwei Rammler und zwei Häsinnen.
Burkhard Stopperka (69) züchtet Holicer-Kaninchen. Die Rasse stammt ursprünglich aus der Tschechoslowakei. Auf den Tisch stehen zwei Rammler und zwei Häsinnen. Quelle: Jürgen Lenz
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Schönberg

Das waren schöne Zeiten für Kaninchenzüchter. 1984 gab’s für jedes Kilo Fleisch je nach Qualität zwischen 7 und 12,20 Mark gleich auf die Hand. Eine Aufkaufliste in der Chronik des Rassekaninchenzuchtvereins in Schönberg zeigt es. 2021 wird der Verein genau ein Jahrhundert alt. Damit ist er einer der traditionsreichsten Gemeinschaften in der Stadt. In der Historie des Vereins spiegelt sich die deutsch-deutsche Geschichte.

„Zur DDR-Zeit wurde viel Wert auf Fleisch und Fell gelegt, seit der Wende mehr auf Schönheit.“ Das sagt Burkhard Stopperka. Seit 1986 gehört er der Schönberger Gemeinschaft der Rassekaninchenzüchter an. Seit 1993 ist er ihr Vorsitzender.

Pionierlied der Kaninchenzüchter

Er erinnert sich daran, um was es bei der Kaninchenzucht in den ersten Jahrzehnten der DDR ging: Selbstversorgung. Das änderte sich, als die Preise fürs Fleisch drastisch stiegen. Nun standen die Aufkaufstellen im Vordergrund. Die Halter bekamen gutes Geld – weitaus mehr, als ein Kunden im Laden zahlen musste. Kaninchenzucht wurde zum lukrativen Nebenverdienst. Zudem bekamen Halter das Fleisch und Fell mit zusätzlichem Futter aufgewogen.

In der Zeit hatten die Vereine reichlich Zulauf. Der Züchtergemeinschaft in Schönberg gehören zu ihren besten Zeiten 48 Männer, Frauen und Kinder an. Es gab sogar ein Pionierlied über das Züchten von Kaninchen. Dessen erste Strophe geht so: „Kaninchen züchten, das steht fest, geht nicht bloß auf dem Lande, ein Pionier hier in der Stadt, der Bretter, Draht und Köpfchen hat, ist auch dazu imstande, ist auch dazu imstande.“

Kaninchenzucht: Die Pferdezucht des kleinen Mannes

Burkhard Stopperkas Eltern hielten Kaninchen zum Verzehr. Das reichte dem Sohn nicht. Er erzählt: „Das war mir zu wenig. Ich wollte mehr.“ Die Kaninchenzucht sei die Pferdezucht des kleinen Mannes.

Stopperka züchtet Holicer, eine Rasse, die erstmals in den 50er-Jahren in der Tschechoslowakei gezüchtet wurde. Sie hören zu den eher kleinen Tieren. Damit liegen die Holicer im Trend. Stopperka erklärt: „Der Trend geht nicht zu den großen Rassen, sondern zu den kleinen.“ Die Fleischproduktion spielt halt kaum mehr eine Rolle.

Bei der Zucht ist Geduld das Wichtigste

Der Züchter kleiner Kaninchen muss allerdings aufpassen, dass er das Tier nicht zu viel füttert, weil er meint, es müsse mehr wachsen. Dann verfetten Häsinnen und Rammler schnell. Burkhard Stopperka sagt: „Man muss bei der Rassekaninchenzucht Geduld haben. Das ist das Wichtigste.“

Was motiviert einen Züchter? Der Vorsitzende des Schönberger Vereins nennt die Freude an der Arbeit mit den Tieren und das Hinarbeiten auf eine Ausstellung. Die Zucht mache Spaß. Für Burkhard Stopperka steht fest: „Solange ich kann, werde ich auf Landes- und Bundesschauen ausstellen.“ Sie bieten auch die Gelegenheit, sich mit anderen Züchtern auszutauschen.

1300 Mitglieder in MV

80 Rassekaninchenzuchtvereine gibt es in Mecklenburg-Vorpommern. Sie haben nach Auskunft des Landesverbandsvorsitzenden, Peter Kalugin aus Schlagresdorf, insgesamt 1300 Mitglieder. Vor fünf Jahren waren es 1350. In Nordwestmecklenburg treffen sich Züchter in fünf Vereinen: M 41 Schönberg, M 6 Grevesmühlen, M 21 Wismar, M 86 Bad Kleinen und M 71 Gadebusch.

Europachampion kommt aus Selmsdorf

Vereinsmitglieder aus Schönberg und Umgebung feiern immer wieder sehr gute Erfolge auf Landes- und Bundesschauen, aber auch im Ausland. Ein Deutscher Großsilber schwarz des Selmsdorfers Christian Albeck wurde 2018 in Dänemark auf der größten Kleintierschau der Welt als Europachampion gekürt. Sein Besitzer freut sich zu sehen, wie er immer wieder dazulernt, Spaß an der Freude mit den Tieren hat. Für ihn ist die Zucht ein Ausgleich zum beruflichen Alltag und zum Ehrenamt.

1921 gründeten fünf Männer aus Schönberg und Umgebung den Rassekaninchenzuchtverein M 41. Der Buchstabe M steht für den Landesverband Mecklenburg. In den 50er-Jahren kämpfte er ums Überleben, hatte nur acht Mitglieder. „Zurzeit sind wir 13“, sagt der heutige Vorsitzende. Das älteste Mitglied ist 86 Jahre alt, das jüngste Mitte 30.

Jedes Tier des Schönberger Vereins hat in einem Ohr die Vereinsnummer M41 tätowiert. Quelle: Jürgen Lenz

Zu einer 100-Jahr-Feier will der Verein 2022 einladen. Für das Jahr plant er auch eine große Ausstellung im Vereinsheim in der Ludwig-Bicker-Straße. An einer Chronik arbeitet er bereits. Der Landesverbandsvorsitzende Peter Kalugin sagt: „100 Jahre sind schon viel. Es ist ein Jubiläum, das man begehen muss.“ Die ältesten Vereine in Mecklenburg-Vorpommern seien sogar noch etwas älter.

Dem Verein in Schönberg wurde bereits 2020 durch Corona verhagelt. Die Züchter mussten viele Veranstaltungen absagen, konnten sich nicht zur Jahreshauptversammlung treffen. 2020 durften sie anstatt einer großen Schau nur eine Tischbewertung machen – und das ausschließlich für Mitglieder des Schönberger Vereins. Jeder Züchter gab seine Tiere ab, ein Preisrichter bewertete sie dann, ohne dass der Besitzer dabei sein durfte.

Kreisschau für Mitte Oktober geplant

Für Mitte Oktober plant der Verein eine Kreisschau. Ob sie tatsächlich stattfinden kann, hängt von den Coronaregeln ab, die dann gelten.

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Mitglieder des Schönberger Vereins treffen sich jeden zweiten Donnerstag im Monat um 19 Uhr im Vereinsheim – das nächste Mal am 9. September. Burkhard Stopperka betont: „Bei uns sind jederzeit Interessenten willkommen, nicht nur wenn sie Kaninchen haben.“ Die Mitglieder reden nicht nur über die Zucht, sondern ebenso über andere Themen. „Man kann sich jederzeit auch bei mir melden“, erklärt der Vorsitzende. Telefonisch ist er unter der Nummer 0151 / 52 301 403 zu erreichen.

Von Jürgen Lenz