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Grevesmühlen Schornsteinsprengung endgültig abgesagt
Mecklenburg Grevesmühlen Schornsteinsprengung endgültig abgesagt
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14:52 29.05.2019
Ein Schornstein überragt die ehemalige Molkerei in Schönberg. Er bleibt erhalten, auch wenn das Gelände beräumt wird und 19 moderne Wohnungen entstehen. Quelle: Jürgen Lenz
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Schönberg

Für eine Stunde sollte ein 10 000 Quadratmeter großes Areal evakuiert und zum Sperrgebiet erklärt werden – aus Sicherheitsgründen, um jede denkbare Gefahr auszuschließen, die von der Sprengung des Schornsteins der alten Molkerei in Schönberg ausgehen könnte. So hatten es Investoren, das Amt Schönberger Land und die Thüringer Sprenggesellschaft für den 16. April angekündigt. Doch der Termin wurde gekippt. Nun steht fest: Es wird keine Sprengung geben. „Wir lassen den Schornstein jetzt so stehen“, kündigt Lars Semrau an. Gemeinsam mit seinem Bruder Mark vom Kalkhorster Unternehmen Semrau-Bau lässt er die ehemalige Molkerei in Schönberg teilweise abreißen und entkernen, um 19 moderne Wohnungen zu schaffen. Die Investoren setzen die Vorarbeiten fort. „Wir beräumen das Gelände weiter“, kündigt Lars Semrau an.

Was hat die Investoren daran gehindert, den Schornstein zu beseitigen? Für andere Verfahrensweisen sind nach ihrer Auskunft die bürokratischen Hürden zu hoch, die das Landesamt für Gesundheit und Soziales errichtet hat. Wie berichtet, forderte es kurzfristig vor dem 16. April ein Gutachten, das ausschließt, dass durch die Sprengung keinerlei schädliche Stoffe in die Umwelt gelangen können. Ein Sprengmeister aus Thüringen war zu diesem Zeitpunkt bereits angereist. Das Gutachten erstellen zu lassen, wäre zeitaufwendig und teuer. Nun haben die Investoren nur die teilweise marode Spitze des Schornsteins Stück um Stück abgetragen.

Arbeiter haben die teils marode Spitze des Schornsteins Stück für Stück abgetragen. Quelle: Jürgen Lenz

Unverständnis löst das Handeln des Landesamtes bei dem Mann aus, der am besten weiß, welcher Rauch durch den Schornstein gezogen ist. „Es sind keine Gifte verheizt worden“, versichert Wilfried Mensing, der die Molkerei in Schönberg von 1977 bis zur Schließung 1990 leitete. Er berichtet: „Verbrannt wurden Briketts, kein Torf, keine Steinkohle, sondern reine Braunkohlenbriketts.“

Wilfried Mensing kennt auch die Geschichte der Molkerei in Schönberg. Ihre Historie ist eine besondere. Sie reicht zurück bis ins Jahr 1886.

Eine Molkerei gehörte in früheren Zeiten zum Leben auf dem Land wie der Dorfkrug und die kleine Schule im Ort. Zwischen 1890 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 gründeten Landwirte in ganz Deutschland genossenschaftliche Molkereien, die die Milch ihrer Mitglieder verarbeiteten. Die Genossenschaftsmeierei in Schönberg war in Nordwestmecklenburg die erste. Zu ihrer Gründung am 15. April 1886 versammelten sich Bauern aus Groß Siemz, Klein Siemz, Sabow, Blüssen, Retelsdorf, Kleinfeld, Groß Bünsdorf und Schönberg. Den Vorsitz übernahm Schulze Lenschow aus Groß Bünsdorf. Zunächst traten neun Landwirte bei. Sie beschlossen, die Molkerei so groß zu bauen, dass die Milch von 700 Kühen verarbeitet werden kann. Am 21. Juni 1886 legte der Schönberger Maurermeister Burmeister den Grundstein. Bereits am 23. November 1886 konnte die Molkerei die erste Milchlieferung annehmen. In Grevesmühlen vergingen bis dahin noch vier Jahre. Dort nahm 1890 eine Molkerei den Betrieb auf. In Dassow war es 1901 so weit. Weitere Molkereien gab es unter anderem in Niendorf, Lockwisch, Grieben und Groß Mist, dem heutigen Groß Neuleben.

Dass Schönberg anderen Orten in der Region voraus war, dürfte mit dem Buchdrucker und Zeitungsverleger Ludwig Bicker zusammenhängen. In seiner 1873 begonnenen und erst 1914 endenden Zeit als Bürgermeister erlebte die Stadt einen Aufschwung. 1900 nahm in Schönberg das erste öffentliche Stromnetz in Mecklenburg den Betrieb auf. Das 1911 gebaute Augusta-Elisabeth-Krankenhaus war eines der modernsten seiner Zeit.

Der Genossenschaftsmeierei in Schönberg traten im Laufe der Jahre immer mehr Landwirte bei. 1894 beschossen sie den Kauf einer Dampfmaschine und den Bau eines Schornsteins. 1911 feierten 85 Mitglieder im Schützenhaus das 25-jährige Bestehen ihrer Gemeinschaft. Die Molkerei ließen sie mehrmals aus- und umbauen. 1913 errichteten Handwerker einen Schornstein – den Vorgänger des Schornsteins, der jetzt stehen bleibt. 1938 beschäftigte die Meiereigenossenschaft Schönberg zehn Frauen und Männer. Sie verarbeiteten jährlich rund 3,2 Millionen Kilogramm Milch zu Butter, Käse und Trinkmilch.

1981 war der größte Neubau in der Geschichte der Molkerei in Schönberg noch eingerüstet. Im Hintergrund: der 42 Meter hohe Schornstein, errichtet im Jahr 1967. Quelle: privat

 Zur DDR-Zeit wirtschaftete die Molkerei in Schönberg im Rahmen der „Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe“ (VdgB). Sie war ein Betriebsteil des VdgB-Kombinates Milchwirtschaft Grevesmühlen. Es errichtete 1967 eine neue Dampfkesselanlage und einen neuen Schornstein, der nun stehen bleibt. Er war ursprünglich 42 Meter hoch. 1969 folgte der Bau eines Trockenwerkes. 1977 arbeiteten in der Molkerei 35 Frauen und Männer. Vier Jahre später errichteten Arbeiter an der Ecke Rottensdorfer Straße/Schlauentrift den größten Neubau in der Geschichte der Molkerei. Im Jubiläumsjahr 1986 verarbeitete das Kombinat in Schönberg rund 50 Millionen Kilogramm Milch. Es beschäftigte in der Stadt 48 Mitarbeiter.

Am 12. August 1990 erhielt die Molkerei ihre letzte Lieferung. Die veränderten Marktbedingungen nach dem Fall der Mauer bedeuteten für die meisten milchverarbeitenden Betriebe im Osten Deutschlands das Aus. In Schönberg bleibt nun mit dem Schornstein der alten Meierei ein Symbol ihrer Geschichte erhalten.

Jürgen Lenz

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